Badengegangen

Geschrieben am 11.12.2012 von Ulrich Geilmann

Bundesliga in Baden Baden

In den ersten Runden hatten wir uns mit einer im Prinzip stabilen Mannschaftsleistung wichtige Punkte erspielt. Dieses Wochenende lagen mit dem SG Trier und dem OSG Baden-Baden aber weitere Prüfsteine auf dem Weg. Dabei hatten wir uns in den letzten Jahren gegen Trier stets harte Kämpfe geliefert. Der Rekordmeister Baden-Baden war in der jüngeren Vergangenheit hingegen nicht zu schlagen gewesen. Insoweit wagte ich diesmal keine positive Prognose über den Ausgang des Wochenendes.

Im Vorfeld lief eigentlich aber alles gut. Die bereits vor Saisonbeginn geplante Mannschaftsaufstellung konnte weitgehend umgesetzt werden. Es gab nur eine einzige Absage. Der ursprünglich nominierte IM Matthias Thesing hatte leider andere Verpflichtungen. Zum Glück sagte dann aber frühzeitig GM Yuriy Krivoruchko zu. Außerdem war der Einsatz von GM Nazar Firman, GM Robert Fontaine, GM Klaus Bischoff, GM Sebastian Siebrecht und IM Jens Kotainy geplant. Zusammen mit den Saisondebütanten IM Ilja Zararatski und WGM Sarah Hoolt hätte sich so eine durchaus schlagkräftige Truppe ergeben.

Auch unser Teamhotel war ein Glücksgriff. Das Merkur-Hotel entpuppte sich als eine zentral gelegene und doch ruhige Herberge mit schönen Zimmern und exzelentem Service. Überdies war Baden-Baden schon vorweihnachtlich geschmückt und im Zusammenwirken der örtlichen Winterwelt ergab sich so ein wirklich stimmungsvolles Ambiente.

Wie bei Auswärtskämpfen üblich, wollte sich das Team mehrheitlich schon am Freitag vor Ort treffen. Der Tag präsentierte sich aber als äußerst schneereich, was die Anfahrt mit dem Auto etwas mühsehlig machte. Deshalb wählte der Teamchef, der unsere bajuwarische Schlachtenbummlerin Heidi Saller im Schlepptau hatte, die nach ihrer exkulpierten Absenz endlich mal wieder die Mannschaft unterstützte, kurzentschlossen die Anreise mit der Bahn. Hingegen generierte sich Sebastian als gestandener Reiseunternehmer. Er hatte sich seine Familienkutsche geschnappt und brachte mit Nazar, Ilja und Jens gleich das halbe Team mit. Witziger Weise war Nazar gegen Mittag noch mit großem Hallo auf dem Essener Hauptbahnhof dem Teamchef und seiner Begleitung über den Weg gelaufen. Klaus, der erfreulicher Weise wieder von Ingrid Lauterbach chauffiert wurde, sammelte schließlich Yuriy in Frankfurt ein. Sarah hatte sich kurzfristig entschlossen am Freitag noch im Viererpokal auszuhelfen. Wie man weiß, sehr erfolgreich. Insoweit war ihre Anreise für den Samstag avisiert. Schließlich sollte Robert direkt aus London (seinem neuen Wohn- und Arbeitsort) ankommen.

Beide verpassten so ein nettes Teamdinner, dass wie immer mit launigen Gesprächen und netten Anekdoten garniert war. Allerdings kostete es zunächst einige Geduld, um in der übervollen Innenstadt ein passendes Restaurant zu finden.

Unser Samstagsgegner war die SG Trier. Ich war gespannt, wie stark sich die Mannschaft aus der alten Römerstadt um meinen lieben Mannschaftsführerkollegen Stefan Müllenbruck präsentieren würde. Bislang hatte Trier von oben aufgestellt und sich damit immerhin schon 5 Mannschaftspunkte erspielt. Insofern war das taktische Konzept unserer Gegner, gleich zu Saisonbeginn möglichst viele Punkte einzufahren, offenbar aufgegangen. Wir hatten es ja ähnlich gemacht, denn wer früh in der unteren Tabellenhälfte landet gerät auch möglicher Weise genauso schnell in den Abstiegsstrudel. Jetzt erwartete ich jedoch eine deutlichere Durchmischung der gegnerischen Mannschaft und damit ein etwas ausgeglicheneres Duell, zumal die englische Garde der Trierer Mannschaft bekannter Maßen in London weilte.

Vorab kamen bei mir jedoch noch ganz andere Bedenken auf. Von Robert gab es am Freitagabend noch keine Spur, wobei ich zunächst völlig sorgenfrei davon ausging, dass es aufgrund der aktuellen Witterungsbedingungen noch Verzögerungen gäbe. Am Samstag kamen dann aber doch ernste Bedenken auf: Während Sarah aus dem Zug regelmäßige Statusmeldungen abgab (sie kam schließlich pünktlich an), hatte ich keinerlei Kontakt zu Robert, der weder auf Anrufe noch auf SMS oder Emails reagierte. Wie auch immer. Erstmal ging’s jedenfalls über den Weihnachtsmarkt. Ein bißchen bummeln und unnützes Zeug kaufen. Zwischendurch aber immer wieder der Versuch der Kontaktaufnahme mit Robert.

Um 13.30 Uhr dann die Stunde der Wahrheit. Mannschaftsmeldung. Mit Trier lag ich ziemlich richtig. Gleichwohl ergab sich hier und da ein knapper Elovorteil für unsere Gegner:

SG Trier-SF Katernberg
Erdös - Kryvoruchko
Parligras - Firman
Lupulexcu - Fontaine
Sanikidze - Bischoff
Bobras - Siebrecht
Gonda - Zaragatski
Chioara - Kotainy
Seger - Hoolt

Aber Robert war immer noch nicht da. Das schmeckte mir überhaupt nicht, zumal ich wie abgeschnitten von irgendwelchen Informationen war. Da half auch eine Hilfe erheischende Email an Kateryna, die aber sonst wo in  der Welt weilte, nicht wirklich weiter.

14.00 Uhr. Spielbeginn. Ohne Robert! 30 Minuten Karenz, dann würde Trier kampflos in Führung gehen. Und so kam es auch. FIDE-Schiedsrichter Daniel Fuchs waltete seines Amtes. 0:1 (kampflos). Ich war total ratlos und machte mir zudem große Sorgen. Irgendwas war da offenbar furchtbar schief gelaufen. Während ich also nun fieberhaft nach einer Lösung des Problems suchte, ging’s im Turniersaal zur Sache. Den bemerkenswertesten Eindruck hinterließ dabei vorerst Sebastians Spielanlage. Er vernachlässigte nämlich seine Entwicklung zugunsten einer h-Bauernstampede.

Gegen 16.00 Uhr eine erste tiefer gehende Stellungsbeurteilung: Jens, der zurzeit im Abi-Stress steckt, hatte inzwischen durch ein cleveres Figuren-scheinopfer seines Gegners einen Bauern eingebüßt, doch das sah alles noch nicht so schlimm aus. Vielleicht konnte man auch über Nazars Position (Läuferpaar aber Minusbauer) diskutieren, doch er produziert ja häufig ein wildes Durcheinander. Augenfällig war die Remisbreite jedoch nirgends überschritten. Soweit, so unklar.

Das war auch in der folgenden Stunde noch so. Nicht wirklich was vollbracht im LA8, dachte ich, obwohl sich zumindest Sebastian eine gute Stellung und einen komfortablen Zeitvorsprung erspielt hatte! Leider kam Klaus zu dieser Zeit in ernste Probleme. Da braute sich ein Angriff auf seinen König zusammen. Abgesehen davon gab’s ein Remisangebot bei Ilja, dass wir aber angesichts der derzeitigen Situation ablehnen mussten.

Eine gute halbe Stunde später musste Klaus dann tatsächlich die Waffen strecken. (0:2). Aber dafür drang Yuriy nach einem Figurenopfer mit seiner Dame in die gegnerischen Eingeweide ein.

Kurz vor 18.00 Uhr realisierte dann Sebastian seine Gewinnstellung. Er nutzte dabei geschickt die Zeit- und Koordinierungsprobleme seines Gegners aus. Anschlusstreffer! (1:2). Derweil war auch Sarah auf munterer Königsjagd und lieferte sich mit ihrem Gegner, dem offenbar das Risikogen fehlte, ein packendes Zeitnotduell.

Nach der Zeitkontrolle war die Gesamtlage immer noch leidlich unübersichtlich:

Yuriy hatte drei Bauern für seine geopferte Figur und spielpraktische Vorzüge. Nazar schien inzwischen ebenfalls leichte Vorteile zu haben. Ilja stand weiterhin ausgeglichen. Jens hatte einen Bauern weniger. Dafür wies Sarah einen Holzagronomen mehr auf, wobei sie eigentlich immer noch auf den Skalp des gegnerischen Königs fixiert schien, der auf offener Feldflur stand.

Bei optimalem Verlauf war also vielleicht sogar noch ein Unentschieden drin. Sahen die Trierer Kollegen übrigens genauso. Jedenfalls kämpfte meine Truppe was das Zeug hielt und das beeindruckte mich dann jetzt doch!

Meine Prognose stimmte zumindest bei Ilja. Remis um 18.30 Uhr. (1,5:2,5). Auch auf Sarah war Verlass. Ausgleichstreffer in der 285. Minute! Hatte sie wirklich gut gemacht! (2,5:2,5). Endlich waren die Karten neu gemischt!

Danach hätte sich auch Jens fast bekrabbelt. Leider stieß er jedoch seine Bauklötze durch eine  Unachtsamkeit wieder selbst um. Trier ging wieder in Führung. (2,5:3,5).

Es folgte ein Remis bei Yuriy (3:4). Jetzt hing alles an Nazar, dessen Stellung ich zu diesem Zeitpunkt allerdings nur noch als remislich einschätzte. Damit würde es dann wohl doch nur ein knapper Verlust werden. Zu allem Unglück kam jetzt also auch noch Pech dazu.

Zu dieser Zeit erzählte mir übrigens mein Mannschaftsführerkollege Stefan Müllenbruck, dass zwei seiner Spieler gestern Nacht tatsächlich mit dem Taxi für 400 € aus Budapest angereist wären, um bei dem Kampf dabei zu sein. Das nenne ich Chuzpe!

Um kurz vor 20.00 Uhr endete Nazars Partie dann aber tatsächlich mit einem Remis und alle Träume waren zerbröselt. (3,5:4,5).

Wie auch immer: Nochmals Glückwunsch nach Trier!

SG Trier4½:3½SF Katernberg
Erdös ½:½ Kryvoruchko
Parligras ½:½ Firman
Lupulescu +- Fontaine
Sanikidze 1:0 Bischoff
Bobras 0:1 Siebrecht
Gonda ½:½ Zaragatski
Chioara 1:0 Kotainy
Seger 0:1 Hoolt

Die Stimmung beim Abendessen war danach trotzdem eher verhalten, obgleich wir vorzüglich speisten. Meine Laune war aber auch deshalb auf dem Tiefpunkt, weil wir immer noch keinen Kontakt zu Robert Fontaine hatten. Dessen ungeachtet verlief der Abend mit weiteren Abstimmungstelefonaten, an deren Ende die Zusage von Patrick Imcke stand, der am Morgen mit seinen Eltern im Auto anreisen würde. Ein außergewöhnlicher Einsatz, wenn man die Kurzfristigkeit der Anfrage sowie den Anreiseaufwand (immerhin 360 Auto-KM bei sehr unsteten Witterungsverhältnissen) in Erwägung zieht!

Mein Abend endete schließlich bei einem wirklich guten Wein und mit einem tiefgründigen Gedankenaustausch mit Ingrid, Heidi und Klaus.

Der liebe Patrick, der die Nacht furchtbar wenig Schlaf bekam, weil er schon um 5.00 Uhr aufstehen musste, erschien dann am nächsten Tag mit seinen Eltern sogar überpünktlich zu seinem Bundesligadebüt! Er hatte sich sogar eigene Verpflegung mitgebracht.

Baden-Baden spielte in der erfolgreichen Vortagesaufstellung.

SF Katernberg-Baden Baden
Kryvoruchko - Bacrot
Firman - Shirov
Bischoff - Naiditsch
Siebrecht - Vallejo Pons
Zaragatski - Nielsen
Kotainy - Nisipeanu
Hoolt . Gustafsson
Imcke - Schlosser

In der Eröffnungsphase erlaubten sich die Katernberger die üblichen Respektlosigkeiten gegenüber nominell stärkeren Mannschaften. Da wird auch schon mal gegen das „schwule d4“ (Zitat Jens) ein „geiles“ Wolga-Gambit (Zitat Ilja) ausgepackt und auch sonst munter mitgespielt.

Hohe Erwartungen hatte ich vor allem an die Partie Firman – Shirov. Bekannlich stecken die Beiden ja gerne schon mal auch ohne konkreten Anlass das Brett an. Gleichwohl wurde mir hier jedoch vorläufig eine lange Nase gezeigt. Knochentrockenes Schach. Selbst als sich Shirov zu einem für mich überraschenden Zug bequemte, als er nach einem Läufertausch auf e7 nicht wie erwartet mit der Dame, sondern mit dem König zurücknahm und seine Majestät damit zunächst im Zentrum behielt.

Patrick hatte zu dieser Zeit leider bereits ernste Strukturprobleme auf seinem Damenflügel. Jedenfalls begann der stets freundliche GM Philipp Schlosser gerade die zersplitterten Bauern unseres Kükens auf’s Korn zu nehmen. Der Meister spielt übrigens nie ohne seinen Glückshut! Ist schon so etwas wie ein Markenzeichen des gebürtigen Müncheners.

Auch Ilja hatte es nicht leicht. Sein Gegner schickte sich an, das Zentrum aufzubrechen und löste dabei nicht nur herbe Zeitprobleme aus. Am Schluss verblieb Ilja in einem reichlich hoffnungslosen Damenendspiel mit zwei Minusbauern.

Sonst war aber alles noch mehr oder weniger im grünen Bereich. Klaus hatte dabei einen zentralen Freibauern weit ins gegnerische Lager geführt und hoffte dort für ein gewisses Maß an Unordnung zu sorgen.

Kurz danach gingen allerdings scheinbar die Pferde mit Jens durch. Er opferte seinen Läufer gegen einen Bauern plus Qualität und erhielt so ein Endspiel Turm gegen Läufer und Springer. Sehr kompliziert. Würde wohl nicht reichen, schätzte ich. Aber da sollte ich mich irren.

Während dessen kämpfte Sarah genauso munter wie sich Patrick wehrte. Parallel dazu vertieften sich Yuriy, Nazar und Sebastian in die Feinheiten ihrer jeweiligen Stellungen. Da  war noch nichts entschieden.

Knapp nach 13.00 Uhr streckte dann Ilja die Waffen. (0:1). Eine halbe Stunde später ereilte dieses Schicksal dann auch Patrick. (0:2). Aber er hatte sich wirklich gut verkauft an diesem Tag. Muss man neidlos anerkennen.

Inzwischen verdüsterte sich jedoch leider auch die Stimmung auf Sebastian’s Brett. Er hatte inzwischen einen Bauern weniger und sah eine schwarze Bauerlawine auf sich zurollen. Unangenehm ist noch geprahlt.

Das absolute Highlight war dann aber eindeutig die Partie von Nazar. Er zockte Shirov in vorteilhafter Stellung nach einem Figurenscheinopfer scheinbar völlig emotionslos einen Bauern nach dem anderen ab und fand sich jäh auf der Gewinnerstraße wieder. Schachgötter sind also doch schlagbar! Man muss halt nur wissen wie. (1:2).

Nach der Zeitkontrolle sah es dann wie folgt aus:

  • Yuriy hielt sich gut gegen Bacrot; steht vielleicht sogar einen Hauch besser.
  • Klaus hatte zwar seinen stolzen Freibauern verloren, aber ansonsten schien die Partie bei gleichem Material und sehr oberflächlicher Betrachtung noch hinreichend remislich zu sein.
  • Sebastian hatte sich zwar wieder einen Materialgleichstand erspielt, doch dafür erreichte die Bauernlawine seines starken Gegner zum Teil schon fast seine Grundreihe. Kein Land in Sicht.
  • Jens war erstaunlicher Weise immer noch am Leben und windete sich nach Leibeskräften.
  • Sarah stand ebenfalls noch und zwar gar nicht mal so schlecht.

Da sollte also noch der eine oder andere halbe Punkt drin sein.

Tatsächlich lief es wie prognostiziert. Zunächst fuhr Yuriy ein Remis ein (1,5:2,5).

Danach musste sich Sebastian der Übermacht beugen; zwischenzeilich hatte er sogar noch Material gespuckt, um die Bauern aufzuhalten und sich so vielleicht noch ein paar Schwindelchancen zu erhalten. Aber Vallejo Pons war ein viel zu abgeklärter Gegner. Er liess sich nicht mehr ablenken. (1,5:3,5).

Dann hatte Sarah ihren großen Auftritt. Sie knappste ihrem Angstgegner Jan Gustafsson tatsächlich den halben Punkt ab. Großes Kino und ein total tolles Wochenendergebnis. Hut ab! (2:4).

Bei Klaus lief es hingegen nicht mehr gut. Er verlor nach hartem Kampf vielleicht doch ein wenig die Übersicht, was der starke Naiditsch clever ausnutzte. (2:5).

Zum guten Schluss kämpfte also nur noch der Jens. Und er kämpfte gut. Remis um 16.25 Uhr. (2,5:5,5).

Hier noch mal das amtliche Endergebnis mit guten Einzelleistungen:

SF Katernberg2½:5½Baden Baden
Kryvoruchko ½:½ Bacrot
Firman 1:0 Shirov
Bischoff 0:1 Naiditsch
Siebrecht 0:1 Vallejo Pons
Zaragatski 0:1 Nielsen
Kotainy ½:½ Nisipeanu
Hoolt ½:½ Gustafsson
Imcke 0:1 Schlosser

Glückwunsch ins schöne Baden-Baden!

Das Wochenende wird mir sicher ambivalent in Erinnerung bleiben. Jedenfalls werde ich mich in den nächsten Wochen noch einmal intensiv mit Robert Fontaine (der, wie ich heute weiß, zumindest gesund ist) kurzschließen müssen.

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Der Zufall ist die in Schleier gehüllte Notwendigkeit.

Marie von Ebner-Eschenbach

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