Der mit dem Springer zieht

Geschrieben am 17.11.2006 von Bernd Rosen

Interview mit Nazar Firman

Nazar FirmanInterview mit Nazar Firman

Am Rande der ersten Bundesliga-Doppelrunde nutzte der SFK-Vorsitzende Bernd Rosen die Gelegenheit zu einem ausführlichen Gespräch mit Nazar Firman, der in dieser Saison die "Mittelachse" der Mannschaft verstärken soll und mit 1,5 Punkten auch prompt zum besten Spieler des Wochenendes avancierte. Dass es auch leicht zwei Punkte hätten werden können, stellte Firman in der anschließenden Analyse seiner Partie gegen Michael Prusikin (Bindlach) fest. Die Analyse dieses interessanten Endspiels können Sie im Anschluss an das Interview ebenfalls hier nachvollziehen.

Bernd Rosen: Nazar, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu Deinem erfolgreichen Abschneiden in der ersten Doppelrunde. Ich nehme an, Du bist ebenfalls mit Deinem Ergebnis zufrieden?

Nazar Firman: Natürlich, 1,5 Punkte sind nicht schlecht - aber in meinem Endspiel am Samstag habe ich den Sieg verschenkt, der einen Zug lang möglich war. Leider hatte ich zu wenig Zeit, um die versteckten Möglichkeiten näher zu prüfen.

BR: Bevor wir näher auf diese Partie eingehen würde mich Dein Werdegang interessieren. Wie bist Du zum Schach gekommen?

Nazar FirmanNF: Als Kind habe ich sehr gern Dame gespielt. Ich fand das Spiel allerdings bald langweilig, weil ich die Züge gut vorausberechnen konnte und so leicht gewann - auch gegen Erwachsene. Dann zeigte mir mein Bruder das Schachspiel, und ich war sofort begeistert. Ich ließ nicht locker, bis mein Großvater mich bei einem Schachkurs anmeldete. Eigentlich war der Kurs schon voll, und der Trainer meinte, ich sei ja auch noch sehr jung (6 Jahre) und sollte später noch einmal wiederkommen. Auf mein Bitten hin gab er mir eine Schachaufgabe: Matt in einem Zug mit dem Springer. Ich löste sie und durfte doch teilnehmen - denn üblicherweise haben die Kinder mit dem Springer die meisten Schwierigkeiten. Ich jedoch konnte eigentlich nur mit dem Springer richtig ziehen.

Bis heute hat sich die Vorliebe für den Springer bei mir gehalten. Vielleicht hängt das ja mit meinem Namen zusamen: Firman - das entspricht dem deutschen Fuhrmann!

BR: Wie sah Deine weitere schachliche Ausbildung aus?

NF: Nun, ich konzentrierte mich schnell auf Schach und besuchte bald zwei mal täglich das Schachtraining: Morgens vor der Schule und abends noch einmal.

BR: Also zur Schule bist Du dann doch gegangen?

NF: Ja, meine Eltern haben darauf bestanden. Ich durfte so viel Schach spielen wie ich wollte, aber unter einer Bedingung: Ich musste auch in der Klasse der Beste sein!

BR: Hältst Du das aus heutiger Sicht für eine richtige Entscheidung?

NF: Nun ja - einerseits kann es wirklich nicht schaden, wenn man über eine gewisse Allgemeinbildung verfügt. Auch für die sozialen Kontakte zu Gleichaltrigen ist der Schulbesuch sicher wichtig. Andererseits habe ich bis heute das Gefühl, ich hätte ohne die Klasse -allein- den Schulstoff in einem Bruchteil der Zeit erlernen können. Untr diesem Gesichtspunkt ist es auch eine große Vergeudung von Zeit.

BR: Wie Andrei Volokitin kommst Du aus Lwow. Ist das wirklich so eine Schachhochburg?

NF: Na, in jedem Fall. Unser Verein hat eine Fülle von namhaften Großmeistern hervorgebracht: Neben Andrei Volokitin und Vassili Ivanchuk kommen auch Romanischin, Beljawski und viele andere aus unserer Stadt.

BR: Wie ist Euer Verein denn organisiert?

NF: Wir haben ein Gebäude, das uns die Stadt unentgeltlich zur Verfügung gestellt hat. Das ist ein Riesenbau - bestimmt 600 Meter lang. Allerdings müssen wir Unterhalts- und Energiekosten selber tragen. Wir haben deshalb einige Räume an Unternehmen untervermietet. Dort kann man jeden Tag spielen. Wir haben etwa 200 Mitglieder, aber außerdem trainieren einige hundert Schüler bei uns - das sind dann insgesamt eher 700 Personen. Wir haben acht Schachtrainer, und viele starke Spieler betrachten den Klub als ihre schachliche Heimat und kommen immer mal wieder vorbei.

BR: Das klingt ja paradiesisch!

NF: Naja - der Vertrag mit der Stadt läuft nur bis zum Jahr 2010. Ich fürchte, danach werden wir uns nach anderen Räumen umsehen müssen. Es ist sehr schwierig, Sponsoren zu finden, auch für Turniere. Kürzlich habe ich ein Open durchgeführt, bei dem ich einen Teil der Preisgelder aus eigener Tasche bezahlen musste.

BR: Das klingt verdächtig danach, dass Du irgendwelche besonderen Funktionen im Verein hast?

NF: In der Tat - ich bin der Manager des Vereins! Außerdem habe ich auch in der ukrainischen Schachföderation Aufgaben für unsere Region übernommen.

BR: Du hast schon Turniere in Amerika gespielt - konntest Du dabei auch Einblicke in den westlichen Lebensstil gewinnen? Wo siehst Du die Unterschiede gegenüber Deiner Heimat?

NF: In der Tat, ich habe im Jahre 2003 für 6 Monate in den USA gelebt und dort auch einige Turniere gespielt. Doch dazwischen lag viel Zeit ohne Turniere. Am meisten beeindruckt hat mich, wie leicht man dort Arbeit findet. Wenn man wirklich anpacken will, dann ist es gar kein Problem, etwas zu finden. Ich selbst habe meinen Aufenthalt auch mit Gelegenheitsarbeiten finanziert. Sehr fremd war für mich die Rassenfrage - einmal bin ich mit einem Greyhoundbus gefahren und war der einzige weiße Fahrgast - das war schon ein sehr eigenartiges Gefühl. Die Weißen reisen wohl meistens mit dem Flugzeug, den Bus nehmen nur die Armen.

BR: Und wie siehst Du die Schachausbildung im Vergleich?

NF: In der Ukraine - und ich glaube, im gesamten sowjetischen Einflussbereich - war es völlig normal, dass man sich einer einzigen Sache widmet und versucht, darin der Beste zu werden. In den USA habe ich erstmals ein ganz anderes Prinzip kennen gelernt. Ich hatte nach einer Weile auch einige Schachschüler. Die besuchten auch viele Angebote, aber sie machten in jeder Stunde etwas anderes. Am Ende kennen sie sich in sehr vielen verschiedenen Gebieten (oder auch Sportarten) recht gut aus, aber die Chance, der Beste zu werden, ist bei dieser Herangehensweise natürlich sehr gering!

BR: Wie sind denn Deine eigenen sportlichen Erfolge?

NF: Nun, ich glaube, dass ich ein großes Potential besitze - neben Katerina Lahno war ich der beste Schüler ihres Vaters. Mit 12 Jahren war ich mit Ponomarjow punktgleich Erster bei der U12-Meisterschaft der Ukraine. Leider fand meine Familie keine Sponsoren und ich konnte nicht zur Weltmeisterschaft fahren... Später gewann ich noch zwei Mal den Titel des Landesmeisters, einmal in der U18 und einmal in der U20. Besonders gern erinnere ich mich an die U18-Meisterschaft. Vor diesem Turnier galt ich als krasser Außenseiter, aber ich hatte sehr hart trainiert: Über Wochen löste ich täglich hunderte von Taktikaufgaben. Im Turnier dann opferte ich praktisch in jeder Partie etwas - nicht immer korrekt, aber sehr erfolgreich, denn meine Gegner konnten sich nicht gut verteidigen.

BR: Und wie sieht es mit dem Großmeistertitel aus?

NF: Ich habe schon seit geraumer Zeit zwei Normen, aber seitdem ist es wie verhext: Immer fehlt mir ein Quäntchen Glück in der letzten Runde.

BR: Vielleicht klappt es ja in der Bundesliga!

NF: Das wäre natürlich nicht schlecht, aber ich habe beschlossen, in meinen Partien gar nicht mehr an die fehlende Norm zu denken - ich möchte einfach Schach genießen!

BR: Nazar - vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!

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Es gibt keine reine Wahrheit, aber ebenso wenig einen reinen Irrtum.

Friedrich Hebbel

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