Die Weltelite zu Gast bei SFK

Geschrieben am 18.12.2005 von Bernd Rosen

Kampfschach pur in der Messe Essen

Leonid KritzEin Höhepunkt in der Vereinsgeschichte war das Dezemberwochenende in der Bundesliga: Gleich mehrere Spieler aus den Topten der Weltrangliste waren im Revier zu Gast, und das stärkste SFK-Team aller Zeiten erwies sich als ein würdiger Gegner.

Doch zunächst stand am Freitag das prestigeträchtige Duell gegen den Nachbarn SV Mülheim Nord auf dem Programm. "Toll, dass Ihr gegen uns eine so starke Mannschaft aufgeboten habt" freute sich der Mülheimer Vorsitzende Heinz Schmitz bei Bekanntgabe der Mannschaftsaufstellungen. Die Großmeister mit den Rangnummern 1 bis 7, dahinter der Internationale Meister Georgios Souleidis - ein solches Spitzenteam hat Katernberg noch nie vorher an die Bretter gebracht. Dennoch war klar, dass das Kräftemessen mit dem Favoritenschreck Mülheim alles andere als ein Spaziergang werden würde.

Dank zweier Siege der jungen Großmeister an den Brettern 2 und 3 konnte der Gastgeber sich am Ende durchsetzen: Sergej Erenburg bezwang in einer Klassepartie Daniel Fridman und brachte diesem damit die erste Niederlage seit dem Mülheimer Aufstieg in die Bundesliga bei. Die Schlüsselpartie spielte Leonid Kritz gegen Felix Levin. In einem Königsinder mit heterogenen Rochaden opferte er eine Figur, um dem weißen König auf den Pelz zu rücken. Gleich mehrere Zuschauer bemerkten beim Betrachten seiner Stellung gar nicht, dass er eine Figur weniger hatte. "Die haben wohl den weißen Lg3 nicht mitgezählt, der total außer Spiel war!" vermutete Leonid, dessen Angriff am Ende durchschlug.

Die einzige Niederlage in dieser Begegnung kassierte Sergej Smagin, der gegen Daniel Hausrath positionell immer besser stand, in Zeitnot aber einen Bauern einstellte. Die übrigen Begegnungen endeten Remis. Am gefährdetsten stand noch Andrej Volokitin am Spitzenbrett, der gegen Konstantin Landa im Bestreben nach aktivem Spiel einige Schwächen zu viel in Kauf genommen hatte. Am Ende konnte er jedoch in ein ausgeglichenes Turmendspiel entkommen. Einem Sieg am nächsten war "BIG GREEK" Georgios Souleidis gegen Guido Kern, nach eigener Einschätzung fehlten ihm die technischen Fähigkeiten, um seine klar bessere Stellung zum Sieg zu führen.

Am Samstag kam es dann zum heiß ersehnten Duell mit dem Meisterschaftsfavoriten Baden Baden, der zur Freude der Gastgeber nicht nur seine Cracks Anand, Swidler und Shirov aufbot, sondern mit Dr. Robert Hübner auch einen Spieler, dem die Katernberger seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden sind. Die Bekanntschaft geht zurück auf Begegnungen in den 60er Jahren, als ein blutjunger Robert Hübner und ein gertenschlanker (!) Raymond Keene mehrmals zu Gast in Katernberg waren.

Der Kampf selbst stand lange auf Messers Schneide. Zunächst remisierte Sergej Erenburg gegen Peter Swidler bei fast vollem Brett. Der Dritte der letzten Weltmeisterschaft stellte frühzeitig seine Bemühungen ein, gegen die russische Verteidigung einen Anzugsvorteil herauszuholen. Vladimir Chuchelov stand mit den schwarzen Steinen gegen Dr. Hübner zunächst unter Druck, kam aber dann zu einigen entlastenden Abtäuschen und erzielte ebenfalls einen halben Zähler.

Am Spitzenbrett setzte Viswanathan Anand gegen Andrej Volokitin ebenfalls mit Erfolg auf die ausgleichende Wirkung der russischen Verteidigung. Er musste sich in einem Endspiel gegen das weiße Läuferpaar aber lange quälen, ehe der junge Ukrainer seine Gewinnversuche einstellte.

Eine Schlüsselparte spielte erneut Leonid Kritz: Mit den weißen Steinen besaß er gegen Alexej Shirov zunächst einigen Vorteil und lehnte ein Remisangebot ab. Am Ende kam Shirov jedoch zu Gegenspiel und gewann die Partie, da der weiße Läufer in eine tödliche Fesselung geriet. Unter dem Eindruck dieser Niederlage und der schlecht stehenden Partie am achten Brett lehnte auch Sergej Smagin trotz hoher Zeitnot ein Remisangebot von Phillipp Schlosser ab. Anstatt aber etwas aus seinem mikroskopisch kleinen Vorteil im Doppelturmendspiel herauszuholen, überschritt er die Zeit.

DErwin l'Amiieser Rückstand war nicht mehr aufzuholen. Igor Glek kam zwar nach hartnäckiger Verteidigung in unbequemer Stellung zu einem Remis gegen Rustem Dautov, aus den Partien an den letzten beiden Brettern sprang jedoch nur noch ein Sieg für SFK heraus: Erwin l'Ami behielt in einer Kampfpartie gegen Rainer Buhmann die Oberhand. Martin Senff, der gegen Fabian Döttling schlecht aus der Eröffnung herausgekommen war, musste sich zunächst mit einem schwachen Isolani und dann in einem Turmendspiel mit Minusbauern lange quälen, verteidigte sich jedoch erfolgreich. Sein halber Zähler war natürlich zu wenig - der Favorit hatte sich knapp, aber letztlich verdient durchgesetzt.

Im Parallelkampf siegte Mülheim Nord unangefochten gegen die SG Heidelberg Kirchheim mit 5,5:2,5 Punkten. Der Kampf war jedoch ebenfalls hart umkämpft. Konstantin Landa, Daniel Fridman, Felix Levin Michail Saltaev und Daniel Hausrath waren die Sieger, während Gerd Schebler und Olaf Wegener für die Gegentreffer verantwortlich zeichneten. Dr. Alexander Lytchak spielte Remis.

Am Sonntag mussten die SFK-Fans lange zittern. Die Spieler der Heimmannschaft zeigten sich überaus opferfreudig: Andrej Volokitin, Sergej Erenburg und Igor Glek steckten eine ganze Figur ins Geschäft, Leonid Kritz und Vladimir Chuchelov immerhin einen Bauern. Sergej Smagin und Erwin l'Ami hatten in der Eröffnung je einen Bauern gewonnen, standen aber sehr schlecht. "Ich weiß nicht, wo wir viereinhalb Punkte herbekommen sollen" äußerte sich Coach Werner Nautsch (er vertrat den schiedsrichternden Willi Knebel als Mannschaftsführer) nach drei Stunden besorgt. Doch schon bald hellte seine Miene sich auf: Nach einem Remis von Leonid Kritz kamen zunächst nur noch Erfolgsmeldungen. Andrej Volokitin ("meine beste Partie in diesem Jahr"), Vladimir Chuchelov, Igor Glek und Sergej Erenburg kamen zu Siegen. Auch Sebastian Siebrecht, der in der Zeitnotphase erfolgreich die schwarze Königsstellung gelockert hatte, steuerte einen ganzen Punkt bei. Als dann auch noch Erwin l'Ami und Sergej Smagin ihre miserablen Endspiele in den Remishafen gesteuert hatten, war die Stimmung bei den Gastgebern natürlich ausgezeichnet, auch wenn man einräumen muss, dass der Sieg gegen die hervorragend kämpfenden Kirchheimer etwas zu hoch ausgefallen ist.

Im Mittelpunkt des Publikumsinteresses stand am Sonntag natürlich der Kampf der tapferen Mülheimer gegen die Baden Badener Startruppe. Vor dem Anpfiff gratulierte Werner Nautsch Viswanathan Anand zum Geburtstag - der Inder vollendete an diesem Tag das 36. Lebensjahr! Danach zeigten unsere Reisepartner zeigten einmal mehr, dass die Außenseiterrolle ihnen liegt und lieferten dem übermächtigen Gegner einen beherzten Kampf:

Zwar hielt die "Berliner Mauer" weder bei Konstantin Landa (am Spitzenbrett gegen Geburtagskind Anand), noch bei Felix Levin (gegen Shirov) den weißen Angriffen stand, aber Gerhard Schebler schoss gegen Dr. Robert Hübner den Anschlusstreffer: Sein Sieg über die deutsche Schachlegende glich einer Demontage - trotz des Volokitin-Sieges für mich die Partie des Tages!

Da auch Saltaev (gegen Dautov) und Kern (gegen Döttling) ihre Partien remis halten konnten, fiel die Entscheidung in den letzten beiden Partien. An beiden Brettern kam es mit Zugumstellung zur selben Eröffnung und der absolut identischen Mittelspielkonstellation. In einem typischen Königsindischen Angriff griffen die Weißspieler beherzt am Königsflügel an, während die Schwarzspieler am Damenflügel Fortschritte machten und beide den Bauern a4 kassierten. Bis zum Ende blieb der Kampfverlauf ähnlich, am Ende verteidigten die Schwarzspieler sich erfolgreich und machten dank ihres Materialvorteils den Punkt. Olaf Wegener (gegen Rainer Buhmann) war der glückliche, Daniel Hausrath (gegen Philipp Schlosser) der traurige Mülheimer. Insgesamt muss man jedoch trotz des engen Kampfverlaufes sagen, dass auch dieser knappe Sieg des Favoriten in Ordnung ging.

ESergej Erenburgrfolgreichster SFK-Spieler des Wochenendes mit 2,5 Punkten war Neuzugang Sergej Erenburg, der sich nahtlos in die Mannschaft einfügte und am 2. Brett bisher überaus erfolgreich agiert. Eine echte Verstärkung!

Erstmals wurde ein SFK-Heimkampf nicht in der Orangerie des Grugaparks ausgetragen, sondern im Kongresszentrum Süd der Messe Essen. Diese Premiere kann man nur als ausgesprochen gelungen bezeichnen: Die großzügigen Räumlichkeiten, kostenlose Parkplätze im Messe-Parkhaus, Ausschilderung im Parkleitsystem des Messe - die Betreuung durch das Team der Messe Esen war absolut professionell und perfekt. Daher auch von dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Beteiligten.

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Schach ist eine Sache der genauen Beurteilung, wann man zuschlagen und wann man sich ducken muss.

Robert James Fischer

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