Ein gelungenes Turnier

Geschrieben am 27.10.2018 von Bernd Rosen

Abschlussbericht zum 1. Essener Sparkassen U25-Open

Während des U25-Opens ließ mir die Rolle des Turnierleiters wenig Spielraum für eine Berichterstattung, die über die nackte Ergebnismeldung hinausging. Nun, mit einem Tag Abstand, kann ich das Turniergeschehen ausführlicher beleuchten. Dabei wird hoffentlich deutlich, warum die meist gestellte Frage am letzten Tag lautete: "Findet das Turnier im nächsten Jahr wieder statt? Wir würden gern wieder mitspielen!"

Bei der Suche nach den Gründen ist natürlich zunächst der spannende Turnierverlauf zu nennen: Das begann mit den Überraschungssiegen von Noel Gallas und Lasse Struck gegen scheinbar übermächtige DWZ-Riesen in der ersten Runde und endete mit dem Sieg von Raphael Kracht vor Ilya Gutkin - diese zwei U16-Spieler hätten wohl nur wenige Experten auf dem Tippzetel für den Turniersieg gehabt. Dazwischen wurde alles geboten, was Schach zu einem solchen Extremsport macht: Tolle Kombinationen, endlose Seeschlangen, kühle Kalkulationen und kaum zu bändigende Emotionen. Ich habe Sie neugierig gemacht? Das war meine Absicht!

Runde 1

Mann des Tages ist Noel Gallas, der mit Kevin Zolfagharian den Ersten der Setzliste bezwingt. Der nimmt es sportlich und ist auch an den Tagen danach noch voll des Lobes über die Leistung seines jungen Gegners. Da Noel auch weiterhin weit über der Erwartung spielt, schlägt er diesen am letzten Turniertag gar für die Ehrung zum "Spieler des Turniers" vor.

Etwas im Schatten von Noels Coup steht Lasse Struck, der im Katernberger Duell mit Lukas Schimnatkowski ebenfalls den ganzen Punkt einfährt:

Digramm Struck-Schimnatkowski

Lukas, der hier die schwarzen Steine führt, ist überspielt und versucht sein Glück in taktischen Verwicklungen: 26...Te1+ 27.Txe1 Dxd3, die sich nach 28.Dxc6! Tf8 29.cxd5 aber gegen ihn richten. Die Partie mündete später in ein Turmendspiel, bei dem Lasse auch den Übergang ins Bauernendspiel präzise berechnete. Eine starke Vorstellung!

Auch die dritte Überraschung des Tages gelingt einem Essener Spieler: Valentin Payes Kanders (SF Werden) hält gegen Maksim Nasoyan Remis.

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Runde 2

Nach den Paukenschlägen zu Beginn verläuft die Vormittagsrunde recht ruhig, echte Überraschungen bleiben aus. Ali Elier (SF Brackel) muss sich gegen Fabian Skoerys (Ratingen) mit einem halben Zähler begnügen, als dieser erfolgreich Remis durch dreimalige Stellungswiederholung reklamiert:

Digramm Skoerys - Elier

Ich werde jetzt 72.Sf6-d7 spielen, wonach die gleiche Stellung zum dritten Mal auf dem Brett steht!" Nach kurzem Überlegen stimmt Ali der Punkteteilung zu - als Beobachter neben dem Brett habe ich schon mitgezählt und weiß, dass die Reklamation völlig zu Recht erfolgt. Viel mehr aber beschäftigt mich die Frage, die ich dann auch an Ali richte: Was hättest Du denn auf 72.Sf6-g4! gespielt? Der Springer ist tabu - nach 72...Kxg4? 73.e6! geht der Bauer zur Dame, auch nach 73...Sg5 74.e7 Sh7 75.Ke5. Auch die Engine findet nichts besseres als 72...Sxe5 73.Sxe5 mit eher vagen Remisaussichten.

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Runde 3

Das verbliebene Favoritenduo Andreas Walter und Peter Winkel bleibt mit Siegen auf Kurs, aber dahinter wird es turbulent: Lasse Struck zetrümmert den Königsflügel von Melanie Müdder mit einem Opfer auf g6, und in der Begegnung Ali Elier - Jonas Jahrke geht es turbulent zu. Jonas hat eine einfache Erklärung für seinen Sieg "Morra verliert eben!" Tatsächlich hat Ali das von ihm so geliebte Morra-Gambit gespielt, aber bei der Ursachenforschung sollte Jonas noch mal tiefer graben:

Diagramm Elier - Jahrke

Weiß ist fast voll entwickelt, Schwarz hat da nur den Sg6 vorzuweisen. Ich glaube nicht, dass man so spielen darf, und die Engine glaubt es auch nicht: Mit 12.Sd5! hätte Weiß einen tödlichen Angriff einleiten können. Der Witz ist, dass nach 12...exd5 13.Lc7 De7 14.Dxd5 Ta7 15.Lb6! die Probleme am Damenflügel nicht zu lösen sind. Auch nach 13...Df6 14.e5 De6 15.Sd4 Dg4 entscheidet 16.Dxd5!. Statt dessen begann Ali mit dem ebenfalls naheliegenden Zug 12.Lc7?, der aber weit weniger stark ist: Nach 12...Dxc7 könnte 13.Sd5 die weiße Spielweise immerhin rechtfertigen, stattdessen folgt 13.Sxb5? Dxc1 14.Txc1 axb5 und Schwarz hat einfach zu viel Holz für die "Tante".

Am Brett dahinter siegt Vincent Klugstedt gegen Aik Arakelian, indem er dessen Gambitbauern frech verspeist und den Punkt ohne erkennbare Verdauungsbeschwerden einfährt.

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Runde 4

Für Aufgregung sorgt diesmal ausgerechnet der Turnierleiter schon vor der Runde: Jan-Louis Wichtrup hatte schon frühzeitig angekündigt, sein "Bye" in dieser Runde zu nehmen. Trotzdem wurde er zunächst mit ausgelost, der Fehler am frühen Morgen bemerkt und die Auslosung noch einmal korrigiert. Das hätte natürlich nicht passieren dürfen, aber wo Menschen am Werk sind...

Bei der Auslosung nicht mehr berücksichtig werden kann die gegen Mittag erfolgte Krankmeldung von Ali Elier, der danach nicht mehr erreichbar ist und daher aus dem Turnier genommen werden muss.

Noch sieht alles nach "Business as Usual" aus: Die beiden Führenden Andreas Walter und Peter Winkel einigen sich nach knapp 30 Zügen auf ein Remis und wollen das Feld offenbar von vorne kontrollieren. Gleich drei Spieler nutzen die Möglichkeit, zur Spitze aufzuschließen: Alptug Tayyar besiegt Jan Oltmanns, der in einem schwierigen Endspiel am Ende doch noch den entscheidenden Fehler begeht. Tom Rebentisch zeigt Robert Prieb, dass man die Stellung nicht öffnen darf, wenn der Damenflügel noch in der Umkleidekabine hockt, und Ilya Gutkin profitiert davon, dass Jonas Jahrke diesmal schon in der Eröffnung den Faden verliert.

Dahinter folgen weitere fünf Spieler mit 3:1 Punkten - damit wird schon klar, dass der Turniersieg wohl noch bis zur letzten Runde heiß umkämpft sein wird.

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Runde 5

Schon an den ersten drei Tagen haben zahlreiche Vereinsmitglieder das Turnier besucht - heute ist Altmeister Werner Nautsch zu Gast - eine Bezeichnung, die er wegen der Vorsilbe "Alt" nicht gar so gerne hört, die aber auf kaum jemanden so zutrifft wie auf ihn - und von der auch den Schreiber dieser Zeilen nur noch ein schmaler Grat trennt. Dass auch die Bezeichnung "Meister" noch immer ihre Berechtigung hat, zeigt sich, als ich ihm die Stellung aus der Partie Skoerys - Elier (2. Runde) aufbaue - er braucht gefühlte 3 Sekunden, um den Zug Sg4! zu finden.

Werner Nautsch zeigt sich beeindruckt von den guten äußeren Bedingungen, aber vor allem vom Ernst der Teilnehmer und der Qualität der gezeigten Partien. Dabei hat ihn besonders die Gewinnführung von Peter Winkel gegen Alptug Tayyar beeindruckt:

Diagramm Winkel - TayyarDiagramm Winkel - Tayyar

Der Läufer im Verein mit dem a-Bauern ist einfach zu stark. Im linken Diagamm spielt Weiß 37.Lc6. Nach einigen Zügen gelangt der Springer zwar zur Kontrole des Einzugsfeldes, aber es ergibt sich eine Zugzwangstellung, in der Schwarz nur noch seine Bauern ziehen kann, die nach und nach das Brett verlassen. Eine beeindruckende Partie!

Noch ein zweites interessantes Endspiel bringt die Partie Struck - Arakelian. Nach 32...a5 steht Weiß vor der schwierigen Wahl, ob der weiter auf den gedeckten c-Bauern oder (nach bxa6) doch lieber auf die dynamischen Möglichkeiten des neu entstehenden a-Freibauern setzen soll:

Diagramm Struck - Arakelian

Lasse entscheidet sich richtigerweise für 36.bxa6! - verzichtet er auf dieses Schlagen, dann wird der schwarze König die Blockade des Bauern übernehmen und die schwarze Dame anschließend unheilbringend ins weiße Lager eindringen. Es folgt 37.a7 Da4 38.Sb4 Kd7 39.Sc6 Da3 40.Tc2 b5 41.Sb8+ Ke6 42.Tc7 Erste Mattbilder tauchen am Horizont auf, so dass Schwarz hier die Notbremse zieht: 42...Dxd3 mit Remisangebot, das Lasse akzeptiert.

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Runde 6

Tom Rebentisch, der am Vortag gegen Lukas Schimnatkowski eines der erfolgreichsten Remisangebote der Schachgeschichte an den Mann bringen konnte (Lukas reagierte mit einem absolut inkorrekten Läuferopfer), knöpft dem bisher so stark spielenden Peter Winkel das zweite Remis ab - beide stehen nun bei 5 Punkten. Raphael Kracht kann in einer sehenswerten Partie aufschließen:

Diagramm Kracht - Gutkin

Die Diagrammstellung nach dem letzten weißen Zug 17.g3 kam in der Turnierpraxis bereits dreimal vor. Schwarz spielte in diesen Partien 17...Td8, was nicht nur allgemein Sand ins Getriebe des weißen Angriffs streuen soll, sondern vor allem auch dem König eine Evakuierungsroute nach e7 eröffnet. Wie dringend diese benötigt wird, zeigt sich nach dem Partiezug 17...Ld6: Weiß erzwingt mit dem klassischen Läuferopfer auf h7 eine schnelle Entscheidung. Nicht so klassisch ist der Umstand, dass der Turm nach Kg2 über das Feld h1 in den Angriff geführt wird und nicht über die 3. bzw. 4. Reihe.

Kevin Zolfagharian, der am Vormittag zu allem Überfluss auch noch ein Bye nehmen musste, wahrt seine minimale Chance auf eine vordere Platzierung, indem er Nikita Gorainow in einer langen Partie niederringt, in der er lange eine schlechte Stellung verteidigen musste. Der bislang so erfolgreiche Noel verliert seine erste Partie, weil er die Probleme in einem Endspiel Dame gegen zwei Türme unterschätzt.

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