Ein Katernberger in New York

Geschrieben am 26.11.2016 von Bernd Rosen

Dr. Thomas Wessendorf berichtet von der Schach-WM in New York

Dr. Thomas Wessendorf hat zusammen mit seiner Ehefrau Maria New York besucht und kehrt mit vielen interessanten Eindrücken zurück, bei denen der Kampf um die Schachweltmeisterschaft zwischen Magnus Carlsen und Sergej Karjakin natürlich eine Hauptrolle spielt - hier sein lesenswerter Bericht:

"Oh, really?" war die Reaktion des Taxifahrers auf der Fahrt vom Flughafen JFK nach Downtown Manhattan, auf die Äußerung, wir möchten auch die Schachweltmeisterschaft besuchen. "How interesting", meinte die Angestellte von Bloomingdales nachdem wir erwähnten, dass wieder Remis gespielt worden war. "Wish you a good tournament" sagte die Bedienung im Café, als wir sagten, dass wir später noch zur WM wollten.

Kein New Yorker scheint zu wissen, dass die derzeit beiden besten Schachspieler sich in Downtown Manhattan messen, geschweige denn, wer genau da spielt oder wie es steht. Beim Gang über die 5th Avenue fanden wir dann Plakate in einer Garageneinfahrt, etwas versteckt neben Werbung für Konzerte...
In diesen Tagen dreht sich in New York alles um die Parade zu Thanksgiving und den Übergang vom alten zum neuen Präsidenten.

Plakat zur Schach-WM

Trotzdem gibt es für Schachspieler hier eine Menge zu entdecken: Enorme Hilfe leistet dabei übrigens das Heft der Zeitschrift KARL 3/2015 mit dem Schwerpunkt „New York“, das ich nur wärmstens empfehlen kann.

Beim Gang durch die Häuserschluchten stolpert man an der Ecke Madison/37th St über die Statue eines polnischen Nationalhelden, der ein Schachproblem betrachtet:

Statue mit Schachproblem

Leider sind von dem Brett einige Steine entfernt, aber das berühmte "Excelsiorproblem" von S. Lloyd ist unverkennbar - das als kleine Ergänzung zum Artikel in KARL.

Am Washington Square findet man immer Schachspieler, gegen die man blitzen kann:

Schachspieler im Washington Park 

Preis 5$ für 2 Partien. Allerdings kann es passieren, dass bei der Angabe des Ratings die Antwort lautet: "Sorry, then I have to work too hard."

Einen Block entfernt findet sich in der Thompson St das "Chessforum", ein Laden, wo Schachfiguren aller Art angeboten werden und man außerdem spielen kann. Natürlich gegen Gebühr, versteht sich:  Nichts in NYC gibt es umsonst, außer vielleicht "Hugs for free“ auf dem Washington Square.

Chessforum

Bei meinem letzten Besuch hier vor mehr als 20 Jahren hatte ich den Manhattan Chess Club besucht, der in der Zwischenzeit allerdings geschlossen hat (s. ausführliche Historie in KARL). Nun also der Marshall Chess Club: Etwas versteckt in Greenwich laufe ich am Abend zunächst daran vorbei – zum Glück hat meine Frau bessere Augen. Eine angenehme Atmosphäre empfängt einen und man findet schnell einen Schachpartner. Natürlich muss der Schachtisch, an dem schon Capablanca gespielt hat, fotographiert werden.

Schachtisch im Marshall Chess Club

Nun aber zur WM:
Der erste Versuch, ein Ticket zu ergattern, scheitert: Die 7. Runde war online ausverkauft, aber natürlich sollten Tickets vor Ort doch zu bekommen sein?! Also versuche ich es: Nach einer Stunde Schlangestehen am Fulton Market erfahre ich aber nur, dass die 7., die 8. und auch die 9. schon ausverkauft sind? Mich erfasste leichte Panik: Bei der 11. wären wir schon wieder in Deutschland. Aber Caissa war mit mir: Für die 10. an Thanksgiving gab es noch Tickets. Das einfachste kostet übrigens 75 $.

Die 10. Runde sollte dann aber ein Höhepunkt werden. Erst war ich enttäuscht, da die Lokalität so ganz anders war, als ich es von früheren WM's kannte. Sowohl Kasparov vs. Karpov in Lyon als auch Anand vs. Kramnik in Bonn fanden auf einer Bühne statt, wo man die Kontrahenten die ganze Zeit beobachten konnte: Hier in Manhattan wurde das Geschehen auf Bildschirme übertragen, das „gemeine“ Publikum saß in der Spectators Lounge. Wenn man die Stars direkt sehen wollte, ging man in einen abgedunkelten Raum, der an einen Glaskasten grenzte- ein bisschen wie ein Käfig im Zoo. Vermutlich sah man in der „VIP-Lounge“ mehr (kostete aber 300 $). Ansonsten gibt es ein Schachcafé, an dessen Tischen Bretter und Figuren aufgestellt waren. Bezahlt werden kann nur mit Credit Card. Daneben der unvermeidliche Chess Shop - T-Shirts (25$), Becher, Mützen, Anstecker (5$), etc. Ein Set der Figuren, wie sie die Kontrahenten benutzen, kostet 370$.

Also warten auf die Stars in der Spectators Lounge: Neben mir saß zunächst ein in den US-lebender Russe, der sich als Karjakin-Fan entpuppte („The title belongs to Russia“), später ein Kanadier, der sich bereits alle Runden live vor Ort angeschaut hatte. Und dann traf ich - Igor Glek! Der ehemalige Katernberger war mit einem russischen Schüler samt Familie vor Ort.

Igor Glek und Thomas Wessendorf

Die Partie wurde dann sehr spannend: Besonders lohnend die Live-Kommentare von Judith Polgar, die auch in einem Glaskasten nebenan saß, dazu noch wechselnde andere Kommentatoren. Außerdem der unvermeidliche Moderator, der sich wohl sehr gut vorbereitet wähnte, was aus seinen Fragen hervorging „Was bedeutet es, dass Carlsen jetzt 5 min verbraucht hat, Karjakin aber 7?“). Das hätte man sich unmöglich mehrere Runden antun können. Judith aber verstand es, für die Zuschauer nachzuvollziehen, was von den Stars jetzt wohl gedacht worden war.

Zur Partie verweise ich auf die im Netz bereits zahlreichen Kommentare von Leuten, die das besser können: Von allen vor Ort wurde erwartet, dass Karjakin Remis macht (21…Sxf2+). Aber dann?! Bei der Pressekonferenz später war nicht klar, ob er das übersehen oder falsch eingeschätzt hatte. Zwei Züge später die erneute Gelegenheit, wieder verpasst. Oder wollte Sergej gewinnen? Egal, jedenfalls kam ich im weiteren Verlauf voll auf meine Kosten. Wie Magnus die kleinen Vorteile verdichtete, erinnert mich an die besten Partien von Capablanca oder Fischer. Nach 75. Zügen dann die Aufgabe: Beide Spieler wurden in der Pressekonferenz mit Applaus empfangen.

Danach schaffte ich es sogar doch noch einigermaßen rechtzeitig zum Thanksgiving-Dinner.

Was hat New York außer Schach sosnt noch zu bieten: Unzählige U-Bahn-Fahrten, Temperaturen von maximal 17 bis minimal 2 Grad, Central Park, MoMA, Metropolitan und Guggenheim, Ground Zero, 9/11 Memorial-Museum,  lecker Essen (Natürlich nicht nur Burger!), Empire State Building bei Tag und bei Nacht, Freiheitsstatue, Brooklyn Bridge & Park, Times Square etc.

Nur genügend Geld sollte man mitbringen!

Zurück

Die praktische Schwierigkeit des Schachspiels besteht darin, dass gute Züge weit im vorhinein ausgeklügelt werden sollen, während schlechte Züge sich erst nachträglich als solche herausstellen.

Dr. Savielly Tartakower

Schachaufgabe

<<  <  >  >>
-