Ein Sieg der Moral

Geschrieben am 07.03.2022 von Bernd Rosen

Oberliga: Erkenschwick - SFK 3,5:4,5

Dass dies ein ganz spezieller Mannschaftskampf werden könnte zeichnete sich schon bei der Anreise ab: Volker, sonst meist der Letzte, meldete sich bereits um 09:50 Uhr, 10 Minuten vor der verabredeten Zeit als anwesend. Brannte er so auf seinen Einsatz? Handelte es sich um den übrig gebliebenen Rest der Neujahrsvorsätze? Weit gefehlt: "Ich dachte, wir treffen uns um 09:45 Uhr". Ach so - also doch alles wie immer! Den Part des 5-Minuten-Zu-Spät-Kommers übernahm dafür Timo...

Als mein Navi uns zielstrebig zur gesperrten A43 lotste, zückten meine hilfreichen Mitfahrer flugs ihre Handys. Blöd nur, dass mir jeder unter Berufung auf Google Maps eine andere Route empfahl. Trotzdem kamen wir noch rechtzeitig im Spiellokal an, wo Armin inzwischen schon unsere Mannnschaftsaufstellung abgegeben hatte.

Wenig überraschend trat Erkenschwick nach bislang ziemlich punktearmem Saisonverlauf nahezu in Bestbesetzung an, was konkret bedeutete: 6 niederländische Spieler, darunter 5 Internationale Meister, plus zwei "Einheimische". Nehmt's mir nicht übel, aber den Kalauer, dass wir gegen "Boer-Erkenschick" gespielt haben, kann ich mir nicht verkneifen.

Der Verlauf des Mannschaftskampfes wies dann einige Parallelen zu der komplizierten Anfahrt auf, jedenfalls nahm der SFK-Express auf dem Weg zum Sieg einen großen Umweg in Kauf. Da ich mit meiner eigenen Partie beschäftigt war, bin ich mir bei der Reihenfolge der Partien nicht ganz sicher, aber so ging es los:

  • Bosko holte in der Eröffnung einen großen Zeitvorteil heraus, startete dann beginnend mit dem typischen Vorstoß e4-e5 einen Königsangriff - um am Ende doch mit leeren Händen dazustehen: 0-1.

  • Armin bekam eine Isolaniestellung aufs Brett und versäumte es laut Lukas, den schwarzen Lg4 mit h3 und g4 (gefolgt von Sf3-e5) abzudrängen. Lukas Einschätzung nach ein typisches Manöver in solchen Stellungen, das er beim "Isolanipapst" Bernd Rosen höchstpersönlich gelernt habe. Schön, dass meine gebetsmühlenartig wiederholten Ratschläge und Erklärungen entgegen allem Anschein doch auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein scheinen - ob diese Einschätzung auch auf die konkrete Stellung zutrifft, vermag ich natürlich nicht zu entscheiden. Armin jedenfalls fürchtete die Schwächung seiner Bauernstruktur, rochierte lang und ließ sich auch noch einen Doppelbauern auf f3 "andrehen". Vier weiße Bauerninseln gegen deren zwei auf der Gegenseite waren auf Dauer aber zu viel: 0-2.

  • Überraschend wandelte auch Thomas auf Pfaden, die vermutlich von meinen langjährigen Wanderungen auf diesen Wegen noch immer völlig ausgelatscht sind. Ob sich allerdings ausgerechnet das sizilianische Vierspringerspiel für Nachahmungstäter eignet, erscheint mir doch fraglich. In der Partie erreichte Thomas als Kompensation für den Isolani (auch hier!) und das gegnerische Läuferpaar das typische aktive Figurenspiel. In der Folge opferte er mutig die beiden Bauern am Damenflügel und erhielt dafür einen gefährlichen Königsangriff. Hier muss aber etwas schiefgelaufen sein, laut Thomas hat er die komplizierte Stellung einzügig weggeworfen: 0-3.

  • Ein kleiner Lichtblick: Lukas hatte frühzeitig die Initiative übernommen, ein Remisangebot abgelehnt und eine überlegene Stellung erreicht. Als ich mir nach Erreichen der Zeitkontrolle einen Überblick verschaffen wollte sah ich seinen schwarzen König denn auch im Zentrum stehen als Siegeszeichen. Erst im Wegdrehen bemerkte ich, dass sich dort leider auch der weiße König aufhielt. Die Partie war Remis ausgegangen! Lukas war übereilt ins Endspiel übergegangen, wo sich sein Mehrbauer als nicht ausreichend für einen ganzen Punkt erwies. Statt dessen hätte er einen weiteren Bauern schlagen können, der durch einen gefesselten Bauern nur scheinbar gedeckt war. Schon Capablanca (oder war es Botwinnik?) hat darauf hingewiesen, dass der sicherste Weg zur Verwertung eines Mehrbauern darin besteht, einen zweiten zu erobern. Aber als wir das im Training drangenommen haben, hat Lukas wohl nicht aufgepasst - oder habe ich etwa vergessen, diese fundamentale Weisheit mit in die sagenumwobenen "Bernd-Rosen-Regeln" aufzunehmen? Wie dem auch sei: 0,5-3,5.

Um im Bild der Reise zu bleiben: Zu diesem Zeitpunkt waren wir auf dem Weg nach Erkenschwick (vulgo zum Gewinn des Mannschaftskampfes) irgendwo in der Nähe von Ostberlin gelandet. Höchste Zeit umzudrehen und nun weder Zeit noch weitere Meter zu verschwenden:

  • Marcus stand nach übereinstimmenden Berichten zu irgendeinem Zeitpunkt auf Verlust - zum Glück verpasste sein Gegner den möglichen Gewinnzug. Statt dessen führte Marcus seinen kleinen materiellen Vorteil (Qualität für einen Bauern) zum Sieg: 1,5-3,5.

  • Auch Volker erfreute sich einer Mehrqualität, ebenfalls für einen Bauern. Kleiner Schönheitsfehler: Zum Schutz des gefährdeten Bd5 hatte sich der schwarze König höchstpersönlich nach e6 begeben müssen. Und das nicht etwa im Endspiel, sondern bei vollem Brett! Doch wer sonst als Volker versteht es, in solchen ungewöhnlichen Stellungen Kurs zu halten? In der Partie jedenfalls drang er mit seinem Turm auf der weißen Grundreihe ein. Weiß lenkte die schwarze Dame durch das Opfer des bedrohten Le1 von der Verteidigung des kritischen Punktes d5 ab, wo sich die weiße Dame denn auch mit einem mörderischen Schachgebot niederließ. Allein - dieses Schachgebot war so mörderisch dann doch nicht. Es reichte weder zu Matt noch zum Dauerschach, und weil Weiß inzwischen ein ganzer Trum fehlte, blieb ihm nur die Kapitulation. Schon Igor Glek wusste: "König ist starrke Figurr!" 2,5:3,5.

  • Bernd: Auch ich spielte eine sehr inhaltsreiche Partie. In der Eröffnung sicherte ich mir früh das Läuferpaar. Danach sperrte ich mit e2-e3 etwas leichtfertig meinen Lc1 ein. Wegen der schwarzen "Drohung", mit h5-h4 die h-Linie zu öffnen, wählte ich mit Lh3 und f2-f3 eine sehr gekünstelte Aufstellung. Anstatt nun aber die Schwäche e3 konsequent anzugreifen, wurde mein Gegner am Damenflügel aktiv, öffnete auch mit h5-h4xg3 Linien am Königsflügel, obwohl er selbst inzwischen ebenfalls kurz rochiert hatte. Dies nahm ich zum Anlass, meine Figuren umzugruppieren: Ein Turm ging nach g1 auf die nun halboffene Linie. Der Lh3 wechselte über g2 und f2 nach d3, und als i-Tüpfelchen wählte meine Dame folgende ungewöhnliche Route: d1-c1-a3-a2-g2-h3 - wirklich ein Tag der Umwege! im 35. Zug (!) konnte ich dann endlich den e-Bauern nach e4 vorstoßen. (Die SFK-Legende Dr. Gerhard bemerkte einmal zu einem analogen Kommentar: "Das hättest Du schon im ersten Zug haben können!") Kurz darauf schlug mein lange dahinsiechender Lc1 den gefesselten Lh6 - mit satter Mehrfigur bei gegnerischem schwachem König erwartete ich die Aufgabe meines Gegners. Dieser entkorktze aber eine taktische Nebelkerze nach der nächsten. Ich ließ mich selbstverständlich auch durch die aussichtsreichsten Angriffsfortsetzungen nicht beirren und wählte mehrfach nicht den kräftigsten Zug, sondern den, der das gegnerische Gegenspiel minimiert. ("In Gewinnstellungen sollte man nicht kombinieren!"). Leider hatte ich dabei einige Kleinigkeiten übersehen und mein Gegner erhielt trotz Minusturm noch echte Dauerschachdrohungen gegen meinen "nackten" König. Nach etwa 1,5 "Überstunden" war mein König aber doch im sicheren Hafen gelandet, und endlich reichte mein erfindungsreicher Gegner die Hand zur Aufgabe: 3,5:3,5.

  • Blieb Timo: Der hatte die weiße Maroczy-Struktur auf sehr ungewöhnlichen Wegen bekämpft, die beiden Spielern extrem viel Rechenarbeit abverlangten. Der Kampf verlagerte sich in ein immer noch hoch kompliziertes Endspiel: Hier hatte Timo einen Bauern mehr. Allerdings klamerte sich sein König auf h6 an den gefesselten Bg5, und seine Springer standen etwas unkoordiniert zwei äußerst aktiven weißen Läufern gegenüber. Der Rechner urteilte im Nachhinein: "Ausgleich", was in der Praxis nichts anderes heißt, als dass beide Seiten diese Stellung noch verlieren können. In der 6. Spielstunde wurde die Bedenklzeit erneut knapp, allerdings hatte Timo immer noch etwas mehr Zeit auf der Uhr. Schließlich gelang es ihm, mit seinen beiden zentralisierten Springern den auf d1 gestrandeten weißen Läufer zu erobern - ein seltener Fall, dass ein Springerpaar in einer offenen Stellung das Läuferpaar dominiert. Großer Jubel, als kurz darauf auch hier die Kapitulation erfolgte: 4,5-3,5!

Ich hätte den Bericht auch wesentlich knapper fassen können: Erkenschwick war an 2-5 zum Teil deutlich favorisiert, an 6 - 8 hatten wir leichte ELO-Vorteile. Vorne gelang es uns, ein knappes 2,5:3,5 zu halten, hinten kamen die beiden "Pflichtsiege". Aber das würde dem dramatischen Geschehen nicht annähernd gerecht.

Schon am nächsten Sonntag geht es weiter, dann reisen wir in die aktuelle Corona-Hochburg Köln und spielen gegen den (noch!) Tabellenführer KKS Köln. Bei einem weiteren Sieg würden wir plötzlich sogar oben mitspielen... Alle Ergebnisse finden Sie im NRW-Ergebnispokal, hier folgt noch die Partie Ihres Berichterstatters zum Nachspielen:

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Philippa Carstensen

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