Endlich wieder Schach!

Geschrieben am 23.10.2012 von Ulrich Geilmann

Auftakt der Bundesligasaison 2012/13

Bericht: Ulrich Geilmann / Fotos: Kai Hombrecher

Wenn man monatelang auf einen Punkt hinarbeitet, scheint die Zeit, die dabei verstreicht, am Anfang unendlich zu sein. Je näher aber das Ziel kommt, desto schneller rennt die Uhr. Aus Monaten werden Wochen werden Tage werden Stunden. Auch ich erlebte dieses chronographische Relativitätstherorem: Die erfolgreiche Saison 2011/2012 war kaum beendet und schon saß ich wieder im Turniersaal und verfolgte unsere Cracks bei der Arbeit. Vorher gab’s allerdings viel Organisationskram. Leider war es uns in diesem Zusammenhang irgendwie doch nicht gelungen für ein einheitliches Teamdress zu sorgen, das ja ab dieser Saison eigentlich Pflicht ist. Daher mussten zunächst noch einmal die Vereinsschals als Erkennungszeichen herhalten. Nächstes Mal tragen wir dann aber alle ein Trikothemd!

Apropos Vorarbeit: Heute gehört die gewissenhafte Vorbereitung zum unverzichtbaren Bestandteil der Arbeit von Schachmeistern. Natürlich kommt dabei auch der Schachpsychologie eine nicht zu unterschätzende Funktion zu. Dazu gehört in erster Linie die Selbstmotivation. Und wie erreicht man die? Natürlich vor allem durch ein zünftiges Essen in geselliger Runde! Daher galt es zunächst, eine gute Katernberger Tradition fortzuführen: Das Team traf sich deshalb am Vorabend in einem familiären Restaurant zu einem ausgiebigen Abendessen und anregendem Plausch. In diesem Rahmen fällt es auch Neulingen leicht, sich in die Mannschaft zu integrieren. Diesmal fiel diese Rolle unserem Neuzugang Evgeny Romanov zu. Der entpuppte sich als ein total sympathischer und höchst kommunikativer Bursche.

Ein anderer psychologischer Ansatz liegt in der akribischen Vorbereitung auf den Gegner. Hier geht es natürlich in erster Linie darum, eine möglichst unbekömmliche Eröffnungsvariante heraus zu arbeiten. Aber, es ist auch erforderlich, dass sich der Gegner ebenso außerhalb der 64 Felder unwohl fühlt. Und wie bekommt man das hin (natürlich ohne dabei gegen die Turnierordnung zu verstoßen)? Manche versuchen’s da mit Katzen, Andere mit Sonnenbrillen oder quietschenden Stühlen. Wir hatten uns hingegen dazu entschieden, starke Gerüche auszudünsten!

Also galt es, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Insofern bestand während des Abendessens die Verpflichtung, möglichst knoblauchhaltige Speisen und Getränke zu sich zu nehmen. Also zum Beispiel gefüllte Knoblauchzehen in Knoblauchsauce als amuse-bouche,  Knoblauch- oder Zwiebelsuppe als Vorspeise, Lammkarree mit reichlich Knoblauchwürze, Rollmops oder Zwiebelbraten als Hauptgericht und Knoblaucheis als Dessert. Zum Abschluss dann vielleicht noch ein indischer Garlictea oder Knoblauchschnapps gefällig? Ja, bitte, gerne! Dem Vernehmen nach sollen nach dieser Orgie auch einige stadtbekannte Vampire aus Mülheim emigriert sein. Allerdings wurde am Montag dann leider aber auch unser Teamhotel unter Quarantäne gestellt. Nun, damit konnten wir leben!

Weniger erfreulich war allerdings die Lautstärke in unserem Frühstücksraum. Wir mussten unsere Herberge nämlich mit einem Stockholmer Fußballclub teilen. Aber als die ersten Katernberger eintrödelten, hatte ich schon dank meiner olfaktorischen Eigenschaften für Ordnung gesorgt! Auch das gehört schließlich zu meinen Obliegenheiten eines Teamchefs!

Zu meinen Aufgaben zählt aber auch die rechtzeitige Aufstellung der Mannschaft. Und so begab ich mich um 13.00 Uhr ins Spiellokal. Unsere Mülheimer Spielpartner konnten sich nach einigen Schwierigkeiten wieder das Haus der Wirtschaft sichern. Mir gefallen diese Räumlichkeiten mit ihrem industriellen Ambiente sehr. Abgesehen davon liefern unsere Reisepartner stets ein mustergültiges Rahmenprogramm und eine vorzügliche Bewirtung ab.

Diesmal mussten wir allerdings auf unsere bayrische Auslandskorrespondentin verzichten. Heidi Saller feierte just am Samstag ihren Geburtstag im Kreise Ihrer Familie. Von hier aus nochmals herzliche Glückwünsche vom Team! Aber dafür waren Corinne und Alexander Chuchelov vor Ort.

Doch zurück zur Mannschaftsaufstellung. Wir erwarteten einen heißen Tanz und die Meldungen gaben uns Recht. Dabei muss man vielleicht vorweg schicken, dass ich mit zwei Mannschaftspunkten aus dem Wochenende durchaus zufrieden gewesen wäre. Wie auch immer: Hockenheim hatte nicht schlecht aufgefahren. Aber auch unser Team war nicht von Pappe, schaut man auf die Elo-Gesamtbilanz ergab sich insofern eine ausgeglichene Begegnung.

SF Katernberg-Hockenheim
Kryvoruchko - Buhmann
Negi - Lenic
Romanov - Baramidze
Firman - Saric
Chuchelov - Ribli
Bischoff - Neubauer
Siebrecht - Pähtz
Thesing - Wegner

Vladimir und Parimarjan kamen leicht verspätet an; sie hatten das Spiellokal verwechselt. Mein launiger Kommentar: „…Wer lesen kann ist klar im Vorteil…“, zumal ich doch im Vorfeld bereits auf den Spielort hingewiesen hatte. Allerdings muss man einräumen, dass auch ich diesmal gewisse Orientierungsschwierigkeiten hinnehmen musste, denn die Stadt Mülheim ist für ihre ständig wechselnden Verkehrsverhältnisse berühmt / berüchtigt.

Berichtenswert ist auch, dass Evgeny nach dem ersten Zug seines Gegners in tiefes Grübeln verfiel. Während dessen hielt ich gerade einen netten Plausch mit Evgeny Postny, der mit einem breiten Grinsen anmerkte, dass sein Namensvetter jetzt offenbar die Schachgötter um Beistand anflehe.

Die Zuschauerkulisse war eigentlich ganz brauchbar. Auch hatten sich wieder ein paar Katernberger Schlachtenbummler eingefunden, von denen ich gerne unsere starken Seniorenspieler Günter Abendroth, Bruno Müller-Clostermann, Werner Nautsch und Willy Rosen hervorheben möchte.

Doch zurück zum Spiel.  Das Team lieferte zunächst solide Eröffnungsarbeit. Meistenteils entwickelte sich knochentrockene Materie ohne Haken und Ösen. Allerdings konnte ich die Partien nur mit halber Aufmerksamkeit verfolgen, da ich in meiner Funktion als Präsidiumsmitglied des Schachbundesliga e. V. gleichzeitig noch im Nebenraum an einem Gespräch über die zentrale Abschlussrunde teilnehmen musste. Viel verpasste ich dabei aber nicht, denn das beiderseitige Abtasten ging lange weiter. So blieb dann auch noch genügend Zeit für eine kurze Besprechung mit Werner Nautsch.

Im beginnenden Mittelspiel deutete sich schon eine gewisse Zeitnot bei Vladimir an. Aber das galt auch für weitere Spieler. Wie heißt es doch so schön: „…Das Reh springt hoch. Das Reh springt weit. Warum auch nicht? Es hat ja Zeit…“. Insgesamt kam mir der Kampf allerdings etwas ledern vor.

Um 16.00 Uhr registrierte ich zum ersten Mal, dass Nazar aufstand und durch den Saal spazierte. Eigentlich ein sicheres Zeichen dafür, dass er sich recht wohl in seiner Haut fühlt. Und tatsächlich: Die Position trug jetzt taktische Züge und das ist genau das Fahrwasser, das unser ukrainischer Zocker braucht. Ansonsten befand sich die überwiegende Mehrheit der Partien im Aggregatszustand zähes Gewürge. Hier und da meinte ich zwar kleine Vorteile zu erahnen aber das war alles noch kaum greifbar. Ein wenig später stellte allerdings Matthias seinen Gegner vor eine prinzipielle Entscheidung und strukturelle Probleme, die ihm in der Folgezeit zunächst einen Mehrbauern einbrachten. Während dessen wurde es auch bei Evgeny taktisch. Sein Gegner opferte etwas zweischneidig und unser Newcomer musste sich nachfolgend wirklich umsichtig verhalten. Parallel dazu erspielte Nazar einen Qualitätsgewinn und Matthias holte sich den zweiten Bauern ab. Als dann auch noch Parimarjan eine Figur gegen zwei Bauern gewann, hatte ich eigentlich ein gutes Gefühl für den weiteren Kampfverlauf. Später verhedderten sich allerdings die Materialverhältnisse bei unserem Vorzeigeinder und er musste sich fortan mit einem komplizierten Endspiel (Läufer und Springer gegen Turm) auseinander setzen. Unterdessen ergab sich bei Klaus, der ein bisschen unter einer Erkältung litt, ein schwerblütiges Turmendspiel. Er musste fortan ums Remis kämpfen.

Auch Vladimir hatte so seine Probleme. Er steckte inzwischen Bauern ins Geschäft und hoffte im Gegenzug auf gewisse Kompensation. Inzwischen war aber leider auch bei Nazar unklar geworden, ob die von ihm aktuell eingestreuten Opfer tatsächlich durchschlagen würden. Aber erstmal machte Matthias den Sack zu (1-0) und kurz danach erfolgte ein Remis bei Evgeny (1,5-0,5). Leider schoss sich danach Vladimir, der schon länger etwas verdächtig stand, selbst ab, so dass die ursprünglichen Kräfteverhältnisse wieder hergestellt waren (1,5-1,5). Der Kassensturz nach der Zeitkontrolle ließ für mich eigentlich mehr Fragen offen, als er beantwortete:

  • Parimarjan hatte immer noch die komplizierte Endspielsituation vor sich. Alles höchst unklar.
  • Yurij, der bislang sehr solide spielte, hatte zwar ein Bäuerchen mehr, aber es war noch ein langer Weg, um die Remisbreite zu überschreiten.
  • Nazar schob nach einigen Wirrungen weiterhin die Qualle vor sich her. Inzwischen war sein König allerdings einer andauernden Schachorgie durch die gegnerische Dame ausgesetzt. Das roch stark nach Remis.
  • Klaus schleppte sich immer noch mit dem Turmendspiel herum.
  • Sebastian stand mit seinem Läuferpaar vielleicht ein Stück weit aktiver.

Alles in allem tippte ich daher auf ein 4 : 4 in der Endabrechnung. Mancher Schlachtenbummler sah allerdings sogar noch Chancen auf ein 5 : 3. Zunächst lief es dann wie prophezeit: Remis bei Nazar (2-2) und Sebastian, der nach Rücksprache mit mir kein zusätzliches Risiko gehen wollte (2,5-2,5). Klaus bestätigte etwas später die alte Phrase, dass Turmendspiele eigentlich immer remis sind; es sei denn, man hat einen mehr. Auch er spielte Unentschieden (3-3).

Bei Yurij lag ich ebenfalls richtig. Der Materialvorteil wollte sich einfach nicht zum Gewinn verdichten. Nach einer weiteren Stunde hatte er schließlich dann genug und willigte ebenfalls in die Punkteteilung ein (3,5-3,5). Nun lag es an Parimarjan. Die Stellung war aber inzwischen nicht einfacher geworden, zumal jetzt der gegnerische Turm einige Ziele markierte. Ich entschied daher zusammen mit ihm, kein weiteres Wagnis einzugehen. Das 4-4 ging daher letztlich in Ordnung, auch wenn wir vielleicht auf dem Weg dahin die eine oder andere Chance ausgelassen haben. Aber so ist eben Schach.

SF Katernberg4 : 4Hockenheim
Kryvoruchko ½ : ½ Buhmann
Negi ½ : ½ Lenic
Romanov ½ : ½ Baramidze
Firman ½ / ½ Saric
Chuchelov 0 : 1 Ribli
Bischoff ½ : ½ Neubauer
Siebrecht ½ : ½ Pähtz
Thesing 1 : 0 Wegner

Der Tag fand danach seinen geistreichen Ausklang beim Chinesen. Allerdings war der Abend relativ schnell beendet, denn mit Eppingen, die ihrerseits gegen unseren Reisepartner gewannen, wartete eine wirkliche Granate auf uns. Die Jungs zog es an die Datenbanken.

Der nächste Morgen sah folgende Begegnungen:

SC Eppingen-SF Katernberg
Bologan - Kryvoruchko
Harikrishna - Negi
Berkes - Romanov
Postny - Firman
Acs - Chuchelov
Ruck - Bischoff
Bindrich - Siebrecht
Guliyev - Thesing

Der obligatorische Elovergleich fiel damit wieder einmal zu unseren Ungunsten aus. Aber das ist ja für uns bekanntlich nie ein wirkliches Problem.

Nach der 1. Stunde entstand jedoch Unruhe. Falko Bindrich wurde vorgeworfen, durch die Zuhilfenahme seines Handys manipuliert zu haben. Dieser Betrugsvorwurf war offenbar bereits am Vortage geäußert worden, aber letztlich wohl nicht stringent zu beweisen gewesen. Nun bat jedoch der Schiedsrichter, Dieter von Häfen, um das Handy, was der junge Großmeister aber trotz massiver Intervention seines Mannschaftsführers Hans Dekan verweigerte. Dies hatte umgehenden Partieverlust zur Folge (1-0). Dabei ist die nun drohende Geldstrafe noch das kleinste Problem. Denn zurzeit wird nämlich auch geprüft, ob dieser Vorfall eventuell sportliche Auswirkungen auf die Vortagesbegegnung (Aberkenntnis des Partieergebnisses und damit Verlust des Mannschaftskampfes) sowie persönliche Konsequenzen (Spielsperre) hat. Eine sehr missliche Situation für Ihn und seinen Verein. Viel schwerer wirken jedoch die negative Öffentlichkeitswirksamkeit und der damit verbundene Imageschaden für den Spieler und den untadeligen SC Eppingen.

Zu dieser Zeit schlummerten die übrigen Partien noch in der Eröffnungsphase. Leider fing sich Matthias aber in der allgemeinen Aufregung einen Figurenverlust ein. Sehr ärgerlich. Um die Mittagszeit streckte er dann schließlich die Waffen (1-1).  Da ich sonst aber keine Probleme entdecken konnte, kümmerte ich mich erstmal um meinen Magen. Als ich wiederkam, schaute ich nicht unzufrieden in die Runde. Im Gegenteil verfestigte sich der Eindruck einer wirklich kompakten Mannschaftsleistung. Im Moment war jedenfalls alles im grünen Bereich. Dabei gefiel mir v. a. die Partie von Evgeny, der seinen Turm ins gegnerische Lager eingepflanzt hatte und mithin ein permanentes Qualitätsopfer anbot. Die Annahme hätte für seinen Gegner allerdings tödlich geendet, denn wer überlebt schon zwei weit nach vorn gestürmte und überdies verbundene Freibauern?!

Das nächste Ergebnis sicherte sich dann Yurij, der praktisch ungefährdet remisierte (1,5-1,5). Nicht ganz so erfreulich war allerdings, dass sich Vladimir wieder einmal in hochgradiger Zeitnot befand. Er hatte zeitweise nur noch wenige Sekunden auf der Uhr. Irgendwie scheint er diesen Adrenalinschub zu brauchen. Ich könnte hingegen gut ohne solche Aufregung leben. Ebenso unerfreulich war die Tatsache, dass sich Klaus urplötzlich einen Qualitätsverlust einhandelte. Das konnte eventuell eine unangenehme Vorentscheidung für den weiteren Kampfverlauf bedeuten.  Derweil versuchte Parimarjan bei seinem Landsmann mit einem Remisangebot zu landen. Klappte aber nicht. Nazar konnte sich hingegen das Remis sichern (2-2). Auch diese Partie war irgendwie nie gefährdet. Kurz danach bestätigten sich jedoch meine Ahnungen. Klaus musste aufgeben und Eppingen ging zum ersten Mal in Führung (2-3). Kurz nach der 1. Zeitkontrolle liefen also noch drei Partien:

  • Parimarjan musste sich inzwischen durch ein schweres Turmendspiel quälen.
  • Evgenys Gegner hatte zwar die Qualität mehr, aber dafür eine ganze Batterie von Freibauern gegen sich. Ich ging davon aus, dass wir diese Partie sicher nach Hause fahren würden.
  • Vladimir stand ebenfalls nicht schlecht. Auch hier war ein ganzer Punkt greifbar.

Bei nicht ganz so gutem Verlauf also mindestens ein Unentschieden; bei besserem Ablauf ein knapper Sieg. Aber ist Schach wirklich stringent? Zumindest bei Evgeny war es das. Er gewann seine Partie und wir glichen wieder aus (3-3). Und auch Vladimir spielte überzeugend weiter. Er strich zunächst eine Figur ein. Das war ein klarer Punkt und falls Parimarjan jetzt noch seine Partie halten würde, würde es ein ziemlich erfreuliches Wochenende werden. Um 15.00 Uhr traf beides ein! Zunächst spielte Parimarjan Remis (3,5-3,5) und dann gewann Vladimir (3,5:4,5).

SC Eppingen3 ½ : 4 ½SF Katernberg
Bologan ½ : ½ Kryvoruchko
Harikrishna ½ : ½ Negi
Berkes 0 : 1 Romanov
Postny ½ : ½ Firman
Acs 1 : 0 Chuchelov
Ruck 1 : 0 Bischoff
Bindrich 0 : 1 Siebrecht
Guliyev 1 : 0 Thesing

Also 3 Mannschaftspunkte! 5. Platz. Ein guter Start in die neue Saison - so darf es weiter gehen!

Hier weitere Fotos vom Wochenende, freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Mülheimer "Hoffotografen" Kai Hombrecher - dankeschön!!

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Jetzt wissen Sie also ganz genau, wie Weltmeister Bobby Fischer, wie die einzelnen Schachfiguren bewegt werden. Aber überschätzen Sie das nicht. Schließlich wissen Sie genausoviel über das Alphabet, wie Shakespeare gewusst hat!

Unbekannt

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