Erfurter Impressionen

Geschrieben am 11.02.2008 von Bernd Rosen

Ulrich Geilmann
Ulrich Geilmann

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen... Und wenn es sich bei dem Reisenden um den Kapitän unserer Bundesligamannschaft handelt, darf man sich auf subjektive und pointierte Schilderungen eines Schach- und SFK-Fans freuen. Hier sein noch während der Rückfahrt entstandener Bericht vom Bundesligawochenende in Erfurt, bei dem SFK zwei weitere wichtige Punkte im Kampf um den Klassenerhalt sammeln konnte:

Erfurt ist eine sehenswerte Stadt. Ein Rundgang durch die malerischen Straßen lohnt sich wirklich und das Victor's Residenz Hotel entschädigt für Vieles; besonders für eine doch überraschend lange Autoanreise, die allerdings vielleicht auch ein bisschen dem Umstand geschuldet war, dass sich einer unserer Fahrer zunächst permanent weigerte, den klaren Anweisungen des Navigationscomputers zu folgen!

Jedenfalls war unsere Mannschaft trotz aller Aufstellungssorgen (Alexander Motylev und Igor Glek in Moskau, Erwin l'Ami in Holland, Vladimir Chuchelov dem Vernehmen nach in Indien) pünktlich am Freitag in Thüringen angekommen. Das "Unternehmen E." lief übrigens unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen ab. Verdeckte Zimmerreservierungen, konspirative Einzelanreise. Ausgehverbot. Doch was nutzt die größte Geheimniskrämerei, wenn sich die kompletten Mannschaften dann abends zum Essen im Foyer des Hotels treffen… Das nächste Mal verteil ich falsche Bärte und Sonnenbrillen!

Sei's drum… nach einem vorzüglichen Abendmahl (ich aß zum ersten mal in meinem Leben Kaktusgemüse) stand eigentlich nichts mehr im Wege, um sich mit den Gastgebermannschaften guten Mutes einen zünftigen Vergleichskampf zu liefern.

Am Samstag ging's dann zunächst gegen die sehr stark aufgestellten Schachfreunde aus Bindlach. Dabei war die Atmosphäre des Turniersaals an sich gut; allerdings gab es einige Abstriche zu machen: So waren die Spielfigurensätze auf einigen Brettern doch arg zusammengewürfelt und zum Teil sogar schadhaft. Die Schachbretter selbst sahen teilweise zudem schon arg beansprucht aus. Weiterhin wurden die mechanischen Turnieruhren von manchen Spielern kritisch beäugt. Ferner fehlten zunächst auch die für die Mannschaftsführung obligatorischen Arbeitstische; hier behalfen sich die betreffenden Kollegen dann kurzer Hand selbst. Darüber hinaus ließ Anfangs leider auch die Verpflegung etwas zu wünschen übrig. Vor allem fand aber keine Liveübertragung statt, was den einen oder anderen Schachfreund draußen im Lande sicher sehr traurig gestimmt hat. Den Liveticker bedienten übrigens unsere agilen Bindlacher Kollegen. Alles in Allem also eine eher enttäuschende organisatorische Vorstellung der Gastgeber.

Wir waren diesmal mit einer nominell schwächeren Mannschaft angereist. Trotzdem wollten wir zeigen, dass wir nicht gewillt waren, die Vorjahresniederlage in Bayreuth so stehen zu lassen: Nichtsdestoweniger bahnte sich ein heißer Tanz an:

Evgeny Postny

GM Evgeny Postny, der sich übrigens in bezaubernder Begleitung befand, hatte diesmal mit GM David Navara am Spitzenbrett sicherlich die schwerste Last zu tragen; aber auch für die anderen Spieler ergaben sich interessante Aufgaben. GM Stelios Halkias spielte gegen den starken GM Vladimir Baklan. Auch IM Nazar Firman, der mit weiß gegen GM Viktor Laznicka spielte, hatte es nicht leicht. Am 4. Brett kam es zur Begegnung IM Martin Senff gegen GM David Baramidze; ebenfalls ein hartes Brot für unseren bisherigen Goalgetter. IM Sebastian Siebrecht musste sich mit GM Falko Bindrich messen und IM Georgios Souleidis, der neue Redakteur der Bundesliga-Homepage, sah sich GM Roman Slobodjan gegenüber. Die Nachhut bildete schließlich IM Dr. Christan Scholz (der GM Jan Marcos vor sich hatte) und IM Matthias Thesing, der zu seinem 1. Bundesligaeinsatz in dieser Saison kam und gegen GM Dr. Igor Stohl spielte. Für die mitgereisten Fans (Stefan Zell, Willy Rosen und Werner Nautsch) also ein interessanter Schachnachmittag.

Als Mannschaftsführer konnte ich dann mit der Eröffnungsarbeit meiner Jungs ganz zufrieden sein. Überdies fehlten ja die notorisch Zeitnotsüchtigen Igor und Vladimir. Insofern musste man sich also keine wirklichen Sorgen machen, zumal sich die Bindlacher Spieler mehrheitlich durchaus druckvollen Abspielen ausgesetzt sahen. Dabei tauschten Postny und Navara allerdings schon ganz am Anfang den halben Stall vom Brett. Also alles in Allem ein positiver Start, wobei Martin aber eine - wie ich fand - äußerst schwierige Stellung anstrebte.

Nach gut drei Stunden Spielzeit zeigte sich an fast allen Brettern eine mehr oder weniger ausgeglichene Lage. Evgeny, Sebastian und Nazar hatten stark remisverdächtige Stellungen auf dem Brett; Nazar spielte übrigens bis dahin wohl die ruhigste Partie seiner bisherigen Bundesligakarriere, wenn man mal von einer kleinen Eröffnungskapriole absah. Martin konnte zu dieser Zeit einen beachtlichen Materialgewinn verbuchen; leider auf Kosten einer geöffneten Königsstellung, was seine Stellung wieder relativierte und kurz danach zum Remis durch Dauerschach führte. Parallel dazu hatte sich Matthias, der etwas unter der doch hellhörigen Saalakustik litt, eine aktivere Stellung erspielt, wobei er sich allerdings mit Minusbauern abmühte. Ein Sorgenkind war auch Christian, der sich bei erhöhtem Zeitverbrauch einer komplizierten Position ausgesetzt sah. Die Partien unseres griechischen Dreamteams Stelios und Georgios waren ebenfalls zunächst unklar. 0,5 : 0,5 und es blieb spannend.

Das nächste Ergebnis steuerte Evgeny mit einem verdienten Remis bei. 1 : 1. Bedauerlicher Weise zog sich Georgios zu diesem Zeitpunkt eine erhebliche Materialerkältung zu. Leider wuchsen gleichzeitig auch die Zeit- und Stellungsprobleme von Christian (außerdem kam irgendwie noch seine Dame abhanden). Der Kampf neigte sich also langsam zu unseren Ungunsten. Insofern half auch das allerdings hochverdiente Remis von Stelios nicht so recht weiter. 1,5 : 1,5. Etwas Sorgen machte mir dann die nahende Zeitkontrolle, u. a. weil ich auch den Eindruck hatte, dass der für uns zuständige Schiedsrichter bei der Partienkontrolle nicht ganz auf der Höhe zu sein schien. Nun ja, selbst ist der Mann! Also schrieb ich bei Matthias selbst mit.

Stelios Halkias
Stelios Halkias

 

Bald war dann Christian der materiellen Übermacht seines Gegners nicht mehr gewachsen und musste im Gedränge schließlich die Waffen strecken (1,5 : 2,5); und auch Matthias hatte Probleme seine Stellung noch im Lot zu halten. Während dessen schaltete aber Nazar den Turbo ein und erspielte sich eine nicht ganz ungiftige Endspielstellung.

Dann gab Matthias seine Stellung doch verloren. Eigentlich schade, denn er hatte wirklich gut gekämpft. 1,5 : 3,5.

Georgios Souleidis
Georgios Souleidis

So spielten am Ende noch Sebastian (mit weitgehend ausgeglichener Position), Georgios (in wohl verlorener Stellung) und Nazar (in sehr schwieriger Lage). Es sollte also scheinbar wohl wieder nicht sein. Zum Mäusemelken! Als dann Georgios verlor, war der Kampf tatsächlich um. 1,5 : 4,5… Traurig aber wahr! Die fast studienhaft heraus gespielte Gewinnpartie von Nazar (2,5 : 4,5) und das dramatische Remisfinale von Sebastian waren danach leider nur noch Kosmetik. Endstand 3 : 5. Der Elo-Favorit setzte sich also doch wieder durch. Aber nächstes Mal kriegen wir die Jungs aus Bindlach! So ein Kampfgeist wird sicher irgendwann belohnt.

GM Evgeny Postny ½:½ GM David Navara
GM Stelios Halkias ½:½ GM Vladimir Baklan
IM Nazar Firman 1:0 GM Viktor Laznicka
IM Martin Senff ½:½ GM David Baramidze
IM Sebastian Siedrecht ½:½ GM Falko Bindrich
IM Georgios Souleidis 0:1 GM Roman Slobodjan
IM Dr. Christan Scholz 0:1 GM Jan Marcos
IM Matthias Thesing 0:1 GM Dr. Igor Stohl

Trotzdem wurde es noch ein schöner Abend mit einem leckeren Mannschaftsessen auf Einladung von Werner (diesmal blieb ich mit einem Nudelgericht etwas bodenständiger), viel Lob für den Einsatz der Mannschaft, netten Unterhaltungen und einem Absacker mit unseren Bindlacher Freunden! Sonntag hieß unser Gegner dann Erfurt und wir hatten uns vorgenommen, einen heißen Kampf zu liefern!

Um 9.45 Uhr wurde dann die Mannschaftsaufstellung bekannt gegeben: An den äußeren Rahmenbedingungen hatte sich nur wenig verändert. Am 1. Brett spielte Evgeny gegen IM Martin Kraemer. Stelios Widerpart war GM Jan Votava. Nazar trat gegen GM Petr Haba an. Martins Gegner hieß GM Robert Kuczynski. Sebastian durfte sich mit IM Heiko Machelett auseinander setzen. Der Spielpartner von Georgios war IM Matthias Mueller Bei Christian saß GM Peter Enders am Brett und Matthias schloss den Reigen mit FM Bernd Voeckler.

Die Eröffnungsphase verlief im erwarteten Rahmen. Dabei hatten Martin und Matthias mit den weißen Steinen netter Weise die gleiche Eröffnungsvariante der sizilianischen Naydorf-Variante auf dem Brett. Die mitgereisten Fans hofften hier natürlich auf eine Katernberger Neuauflage der berühmten "sizilianische Vesper" aus dem Jahre 1955. Damals spielten drei argentinische Spieler gegen die damalige sowjetische Weltelite beim Interzonenturnier im schwedischen Göteborg mit einer Neuerung in der Naydorf-Variante und erlitten gleichzeitig schrecklichen Schiffbruch.

Sebastian Siebrecht
Sebastian Siebrecht

Das erste Remis steuerte Sebastian nach einer Abtauschorgie seines Gegners bei. Dabei war Sebastian fast ein wenig traurig darüber, dass er nicht die kritischen Varianten in seiner Eröffnung spielen durfte. So ist er halt, der Gute! Kurz danach entschied sich auch Georgios dazu, Remis zu spielen. Dieses Unentschieden ging nach näherer Stellungsanalyse sicher in Ordnung, wobei sich Georgios aber nicht ganz sicher war, ob er nicht sogar eine leicht nachteilige Position hatte.

So stand es nach den ersten 2 Spielstunden 1 : 1. Evgeny und Christian waren zu diesem Zeitpunkt zwar etwas unter Druck geraten, doch insgesamt schien es gut für die Katernberger zu laufen. Die optimistische Prognose lautete 5 : 3 für uns. Aber durch eine Prognose ist ja bekanntlich noch nie ein Mannschaftskampf gewonnen worden und das Erfurter Team hat in dieser Saison schon oft seine Kampfkraft unter Beweis gestellt.

In der 3. Spielstunde hatte sich der Druck bei Evgeny über das Material entladen. Er spuckte zunächst eine Figur für zwei Bauern. Ich hatte eigentlich zunächst das Gefühl, dass das in Anbetracht der bisherigen Stellungsprobleme ein guter Tausch war; doch Kraemer nutzte nachfolgend seine Stellung durchaus geschickt aus. Derweil setzte übrigens Nazar zu seinem fast schon obligatorischen Königsangriff an; wirklich aller liebst anzuschauen, wie er den Punkt einfuhr. Ich war natürlich sehr Stolz auf ihn, besonders weil ich ja quasi den größten Beitrag an seinem Sieg geleistet hatte; schließlich notierte er die Partie doch mit meinem Stift! Leider hatte parallel dazu Christan Scholz nur noch 2 Minuten für 10 Züge auf der Uhr, was die Gesamtstimmung doch wieder etwas dämpfte. Sein Gegner wusste dies findig zu nutzen und glich wenig später den Mannschaftskampf verdient aus! 2 : 2.

Dann remisierte Martin. Das Turmendspiel war nicht zu gewinnen. 2,5 : 2,5.

Vor der Zeitkontrolle wurde es wieder spannend. Blitzduelle in dieser Phase sind immer prickelnd und zehren an den Nerven. Aber da mussten Evgeny und Stelios jetzt durch. Matthias hatte seine Zeit hingegen ökonomischer eingeteilt und konnte den 40. Zug gemütlicher angehen. Aber wie sah es auf den Brettern aus? Durchwachsen würde man beim Metzger sagen! Matthias stand immer noch mit einer Gewinnstellung da, während die Positionen von Stelios und Evgeny mehr oder weniger unklar waren; am 2. Brett mit mehr und am 1. Brett mit weniger Remischancen. Da war er wieder - der vielgepriesene Kampfgeist unserer Gastgeber.

 

Matthias Thesing
Matthias Thesing

Wenig später ergaben sich dann die bei Stelios und Matthias prognostizierten Resultate. Somit stand es 4 : 3 für Katernberg. Sollte Evgeny jetzt seine Stellung remis halten, war der Kampf gewonnen! Aber das war leichter gesagt als getan. Tatsächlich erspielte er sich im Laufe der Partie einen weiteren Bauern, doch würde das angesichts der Felderschwächen in seinem Lager reichen? Das Katernberger Lager bezweifelte das eigentlich. Evgeny kämpfte aber tapfer und versuchte die Löcher in seinem Lager zu stopfen. Er konnte dann allerdings auch nicht verhindern, dass der Mehrläufer seines Gegners in seine Eingeweide eindrang und die Existenz seiner Holzökonomen bedrohte. Doch im abschließenden Zeitnotgedränge schaffte es "Lucky" Evgeny tatsächlich doch noch einen ganzen Punkt einzufahren. Spassiba, Evgeny!

Somit endete der Kampf etwas glücklich, aber nicht unverdient mit 5 : 3. Ein wichtiger Teilschritt in Richtung Klassenerhalt. Den Kugelschreiber durfte Nazar übrigens behalten! Hier noch mal die Einzelresultate:

GM Evgeny Postny 1:0 IM Martin Kraemer
GM Stelios Halkias ½:½ GM Jan Votava
IM Nazar Firman 1:0 GM Petr Haba
IM Martin Senff ½:½ GM Robert Kuczynski
IM Sebastian Siebrecht ½:½ IM Heiko Machelett
IM Georgios Souleidis ½:½ IM Matthias Mueller
IM Dr. Christan Scholz 0:1 GM Peter Enders
IM Matthias Thesing 1:0 FM Bernd Voeckler

 

Nazar Firman
Nazar Firman: 2 Punkte!

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Wer nichts weiß, muss alles glauben.

Marie von Ebner-Eschenbach

Schachaufgabe

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