Erinnerungen an Karl-Heinz

Geschrieben am 05.08.2019 von Bernd Rosen

Norbert Otto über die gemeinsame Zeit in der Katernberger Jugendmannschaft

Mit Karl-Heinz Podzielny hat nicht nur das Essener Schach seinen wohl schillerndsten Vertreter verloren, wie ich in meinem kurzen Nachruf auf der Homepage des ESV schrieb - auch in unserem Verein war Karl-Heinz von 1972 - 1980 Mitglied und maßgeblich an vielen Erfolgen unserer 1. Mannschaft bis hin zur Qualifikation für die Schachbundesliga beteiligt. Wenn ich gezögert habe, auch an dieser Stelle aus Sicht des Vereins etwas zu schreiben, dann aus dem Gefühl heraus, dass es schon eines Dostojewski bedürfte, diesem so widersprüchlichen Menschen gerecht zu werden, dessen Weggang aus dem Verein auch mit einem persönlichen Zerwürfnis einher ging. Nun habe ich aber gesehen, dass auch der Dirk Paulsen es richtig gut hingekriegt hat. Seinen Nachruf beim Schach-Ticker muss man vielleicht nur in einem Punkt korrigieren: Natürlich muss es Podzblitz heißen, den Potzblitz gab es ja schon vorher!

Und dann erreicht mich heute eine Mail von Norbert Otto, der (wie der Schreiber dieser Zeilen auch) noch zusammen mit Karl-Heinz in der Katernberger Jugendmannschaft gespielt hat. Auf dieser Homepage hat er bereits erklärt, warum in den 70er Jahren mitten in der Nacht eine Schachuhr per Taxi von Essen nach Wattenscheid reiste, und auch seine Erinnerungen an Karl-Heinz lassen eine Zeit wieder lebendig werden, die schon lange vergangen ist. Leider habe ich kein Foto von Karl-Heinz aus der damaligen Zeit gefunden, statt dessen jedoch ein Foto des Autors Norbert Otto von 1974. Das passt irgendwie auch, denn so ähnlich sahen wir damals alle aus...

Karl-Heinz Podzielny war ein Essener Junge. Ich bin 53 Tage älter gewesen als Karl-Heinz. Wir haben viele Stunden am Schachbrett im alten SFK-Spiellokal bei Nocken in Katernberg und manche halbe Tage auch privat miteinander verbracht. Das ist zwar lange her, doch als ich die Todesnachricht vorgestern las, waren mir dann doch zahlreiche gemeinsam verbrachte Stunden wieder lebendig und gegenwärtig.

In der Zeit von 1973-1974 haben Karl-Heinz und ich gemeinsam in der Jugendmannschaft des SFK gespielt. Karl-Heinz war natürlich unser Brett 1, dann folgten Jürgen Olberg und ich; zudem gehörten Bernd Rosen, Andreas Hilbert, Hans-Georg Schneider und Ralph May noch zu unserer Truppe. Es war „die große Zeit“ der SFK-Jugend mit dem Gewinn der Essener Stadtmeistermannschaft und der Teilnahme an der NRW-Jugendmannschaftsmeisterschaft, wo wir uns auch sehr beachtlich schlugen.

Karl-Heinz war zwar immer der „Komet“ in unserem Team, doch damals empfanden wir ihn als einen gleichaltrigen Freund, der „lediglich“ viel besser Schach spielen konnte als wir. Oft hat er einen von uns getröstet bzw. korrigiert, wenn ein schwacher Zug eine Partie verdorben hatte oder auch mit leichter Hand auf dem Brett schnell mal eine günstige alternative Zugfolge vor unseren staunenden Augen präsentiert. Wie nah wir uns damals im Jugend-Team waren, mag die Tatsache zeigen, dass wir unseren Topspieler „Kalle“ nannten.

Dass mit Karl-Heinz auch privat zu „rechnen“ war, bewies die Silvesternacht 1973/74: Zusammen mit „Kalle“  waren Jürgen Olberg und ich bei Willi Knebel eingeladen – Jahreswechsel in der Gustav-Adolf Straße in Wattenscheid! Es war natürlich schon im Vorfeld klar – wer „Wirbelwilli“ kannte, weiß das -  dass bei einem so hochkarätig besetzten „Teilnehmerfeld“ bei einer Silvesterfeier auch das Schachbrett irgendwann herausgeholt werden würde. Denn Jürgen und ich („Kalle“ ja sowieso) gehörten damals – unser „Benjamin“ Bernd Rosen war noch nicht auf Meisterniveau – zu den besten Blitzern im Essener Jugendschach.

Willis Ehefrau Inge und die Kinder waren anfangs noch munter mit von der Partie, als wir uns kulinarisch und trinktechnisch (allerdings gemäßigt) der Mitternachtsstunde näherten. Man unterhielt sich, aß, plauderte und fühlte sich in Willis Wohnzimmer einfach sauwohl. Nach Mitternacht, Willis Kinder waren längst im Bett, wurde dann doch unvermeidlicherweise das Schachbrett ausgepackt und wir blitzten: Willi, Karl-Heinz, Jürgen und ich. „Gewinner bleibt sitzen“ hieß es. Nach der ersten Runde musste Jürgen Olberg passen (Gin-Fizz) und wurde in irgendeinem halbdunklen Raum in ein doppelstöckiges Bett verfrachtet. Wir hievten ihn noch zu dritt in die erste Etage. Weg war er. Nach zwei weiteren Partien – die er wahrscheinlich noch gewonnen hatte – schraubte sich Kalle aus dem Sessel (Whisky) und schwankte in denselben diffus beleuchteten Raum wie Jürgen. Es war gegen 3.00 Uhr. Ich sah nur noch Kalles Heck, als er sich in die obere Etage eines Doppelbetts verzwirbelte. Übrig blieben Willi und ich. Ich hatte zwar nicht viel getrunken, aber ca. 7 verschiedene Alkoholsorten durcheinandergekippt. So war ich, wie Willi, auch nur noch eingeschränkt kampfbereit. Gegen 4 Uhr haben wir dann unsere Neujahrsblitzerei beendet (Ergebnis unbekannt). Doch bevor Willi und ich uns schlafen legten, haben wir noch einmal einen Blick auf unsere schlummernden Mitblitzer geworfen – wobei mir auffiel, dass Kalle ziemliche Geräusche durch die Nase von sich gab…

Nun, so war das damals in den Siebzigern. Da wurde auch noch kräftig am Schachbrett geraucht. Karl-Heinz hatte damals einen kleinen, leicht schütteren spätpubertären Schnauzbart, der vom Hochzischen des Zigarettenrauchs eine gelbliche Färbung hatte, genau wie seine Fingerspitzen der rechten Hand. Aber das hatten wir Katernberger Jugendspitzenspieler damals fast alle…

Dass Karl-Heinz nicht immer „einfach“ war, wussten wir damals auch – doch seine „Starallüren“ hielten sich uns gegenüber wirklich in Grenzen. Einmal hatte er sich über mich geärgert, wollte es aber nicht zeigen und stattdessen einen Scherz machen. Daher packte er mich an der Nasenspitze und drehte sie nach rechts. Das tat weh und ich hatte zwei Wochen lang eine blau-grüne Nasenspitze. Aber so grob war das von Kalle nicht gemeint – so war er eben.

Zweimal habe ich in Turnieren gegen Karl-Heinz gespielt: 1973 bei der Essener Jugendeinzelmeisterschaft und einmal im SFK-Vereinspokal. Ich hatte beide Male die schwarzen Steine – wurde auch zweimal locker abgezockt.

Ich werde Karl-Heinz, mit dem ich meine letzten Teenagerjahre verbrachte, in guter Erinnerung behalten und ich denke noch gerne und lebhaft an die vielen gemeinsamen Stunden zurück, die wir miteinander verbrachten – „so einfach von Mensch zu Mensch“.

Soweit die Erinnerungen von Norbert Otto. Wenn Dirk Paulsen meint, Karl-Heinz sei niemals "Kalle" genannt worden, dann hat er einfach den Norbert nicht gekannt. Der hat damals nämlich jedem einen Spitznamen verpasst - und sich selbst als "Nashorn" Otto davon nicht ausgenommen. Daran hätte ich mich heute allerdings nicht mehr erinnert, wenn ich es nicht jetzt aus aktuellem Anlass im "Katernberger Schachspiegel" vom 01.04.1973 noch einmal nachgelesen hätte. Aus dieser Ausgabe unserer Vereinszeitung stammt auch dieser Auszug:

Katernberger Schachspiegel von 1973

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Immanuel Kant

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