Gastspiel in Eppingen

Geschrieben am 24.02.2015 von Ulrich Geilmann

Schachbundesliga: SFK unterliegt Eppingen und Baden Baden

Mehr als verlieren geht nicht! So eine Erkenntnis befreit. Nach dem doch sehr ernüchternden Wochenende in Solingen sind unsere Aussichten, die Klasse doch noch zu halten, weiter gesunken. Ich fürchte zumindest, dass die Prämien, die uns eine Nichtabstiegsversicherung aufbrummen würde, wenn es sie gäbe, recht horrend wären.

Aber das hatte jetzt den Vorteil, dass wir uns mehr oder minder unaufgeregt und ohne besondere Erwartungshaltung in den Kraichgau begeben konnten. Meine Tiefenentspannung, die mich seit einigen Wochen begleitet, blieb jedenfalls bestehen; allenfalls konnte man von einer gewissen freudigen Erwartung reden, mal wieder ein Wochenende mit dem Team verbringen und qualitativ hochwertigem Schach zusehen zu können. Schließlich wartete immerhin der designierte deutsche Meister Baden-Oos auf uns und unsere Eppinger Freunde waren nun auch nicht von Pappe.

Hinsichtlich der Teamnominierung gab es aufgrund der anstehenden Europameisterschaft, die heuer in Jerusalem stattfinden, allerdings ein paar Rückschläge zu verkraften. Am Schluss blieben GM Alexandr Fier, GM Nazar Firman, GM Ilja Zaragatski, IM Robert Ris, IM Dr. Christian Scholz, WGM Sarah Hoolt, FM Bernd Rosen und FM Timothee Heinz.

Da ich am Freitag aufgrund meines Arbeitsplatzwechsels noch verpflichtet war, konnte ich erst gegen 13.00 Uhr an Abreise denken. Das passte aber hervorragend, da ich mit Robby ausgemacht hatte, ihn um 14.00 Uhr in Duisburg abzuholen. Klappte auch ganz gut und nach einem kleinen Intermezzo in Köln (da stieg Sarah zu) ging’s auf die Reise. Bernd und Nazar waren parallel auch schon auf der Autobahn. Alexandr, Timothee und Christian wollten mit dem Zug anreisen. Für Timo war die Anreise ohnehin eher ein Katzensprung. Ilja, der sich ja inzwischen beruflich in Hamburg etabliert, würde dann am Samstag anreisen.

Das Team kam insoweit kurz nach 19.00 Uhr fast gleichzeitig in unserem Eppinger Stammhotel Wilde Rose an. Auf der Hinfahrt entwickelte sich übrigens eine kleine Wette. Sarah behauptete steif und fest, dass sie nie in Eppingen gespielt habe. Nach meiner Erinnerung war das aber so. Jedenfalls verunsicherte mich ihre eindeutige Haltung so sehr, dass ich schon fast an meiner Gehirnleistung zweifelte. Jedenfalls bot ich den beiden Mitfahrern eine kleine Weinwette an. Jeder meiner Schäfchen sollte einen guten Roten erhalten, falls ich schief liegen sollte.

Tja, was soll ich sagen: Der alte Mann hatte doch recht! Kaum angekommen, kam ein fast kleinlautes „Oh, ich glaub, hier war ja ich doch schon mal…“. Hehe!

Dem Hotel ist ein wirklich leckerer Italiener angeschlossen. Ich hatte uns daher im Vorfeld für Freitag und Samstag avisiert. Daher war es keine Überraschung, dass man uns dort schon erwartete und nach bewährter mediterraner Art hervorragend bediente.

StudieDie Teamatmosphäre war perfekt. Timo hatte zur Auflockerung eine kleine Studie mitgebracht, an der sich unsere großen Meister ihre Zähne ausbissen. Schließlich kam Bernd, der an diesem Wochenende übrigens auch noch Opa zu werden drohte, auf den Trichter und löste das Rätsel. Er bewies damit, dass seine Aufstellung mehr als zu recht erfolgte und nicht allein auf den Präsidentenbonus zurückgeführt werden konnte! (Die Forderung lautet: Weiß zieht und hält Remis!)

Der Abend, der mit netten Gesprächen, Lachen und familiäres Frotzeln begleitet war, endete diesmal allerdings aufgrund allgemeiner Müdigkeit schon um 21.30 Uhr. Wir verabredeten uns noch für 9.00 Uhr zum Frühstück und dann ging’s auch schon in die Heia.

Scheinbar habe ich jetzt, wo es eigentlich fast zu spät ist, meine Erste-Nacht-im-Hotel-Schlafphobie überwunden. Jedenfalls schlummerte ich wie ein Baby und obwohl mich eine verstopfte Nase einmal kurz hat wach werden lassen, war das für mich die behaglichste 1. Übernachtung seit Erfindung der Schachbundesliga. Ich war anderntags jedenfalls fit wie ein Turnschuh und freute mich auf die Begegnung gegen Eppingen.

Das Frühstück, das unsere Herbergseltern übrigens immer individuell kredenzen, war reichhaltig und lecker. Insofern wuchs die positive Stimmung im Team weiter. Gute Voraussetzungen für den Tag, denn wir erwarteten ein kleines Haifischbecken im Turniersaal. Klar war allerdings nur, das die israelischen Spieler Evgeny Postny und Maxim Rothstein ebenfalls wegen der Europameisterschaft nicht dabei sein konnten.

Um kurz vor 12.00 Uhr holte ich dann Ilja vom nahe gelegenen Bahnhof ab. Ich hatte mir seinen Zimmerschlüssel geben lassen, um unsere Wirtsleute zu entlasten. So sind sie halt, die Katernberger!

Üblicher Weise bin ich immer schon ein bisschen früher im Turniersaal, um mich einerseits einzurichten und mir andererseits die äußeren Rahmenbedingungen anzusehen. Doch da ich die gastgeberischen Qualitäten unserer Eppinger Freude aus nunmehr vielen Begegnungen gut kannte, schenkte ich mir diesmal noch einige Zeit und fuhr erst ein paar Minuten vor Meldeschluss zur Hardwaldhalle.

Dort angekommen, bewahrheitete sich allerdings meine Erwartung. Eppingen hatte einige Raubfische ins Becken gelassen. Dabei muss ich aber sagen, dass ich mich ohnehin immer besser fühle, wenn wir eben nicht in der Favoritenrolle sind, da der Erfolgsdruck dann i. d. R. auf der anderen Seite der Bretter lastet. Und so ganz einfach war es für die Kraichgauer eben auch nicht, da auch sie sich aktuell immer noch im Abstiegsstrudel befanden, wenngleich ich das für ein eher unwahrscheinliches Szenario hielt. Jedenfalls konnte für unsere heutigen Konkurrenten mehr schief gehen, als für uns und bekanntlich frisst Angst die Seele. Doch was nutzt das Sinnieren, auf den Brettern muss was passieren!

Brett Eppingen - Katernberg
1 Harikrishna - Fier
2 Bogner - Firman
3 Balogh - Zaragatski
4 Braun - Ris
5 Ruck - Scholz
6 Mons - Hoolt
7 Medvegy - Rosen
8 Noe - Heinz

Wie erwartet waren die äußeren Spielbedingungen perfekt. Das Eppinger Team um den agilen Vereinsvorsitzenden Rudi Eyer hatte wieder Großartiges geleistet. Insofern fühlte ich mich sofort wohl. Mit unserem Dortmunder Reisepartner, dem Schiedsrichter Dr. Holger Moritz sowie Rustem Dautov, Alisa Frey, Jan Gustafsson und Leon Mons durfte ich zudem ein paar alte Bekannte begrüßen. Fast kam so etwas wie ein familiäres Feeling kam auf und da das Buffet einladend aussah, war die Welt für mich im Prinzip vollkommen in Ordnung.

Herausragende Partie war zunächst die Begegnung zwischen Leon Mons und Sarah Hoolt, in der der Eppinger ein für die sizilianische Verteidigung durchaus typisches Springeropfer auf b5 anbot. Sarah hatte danach schon mehr als liebe Not, den Laden überhaupt noch zusammen halten zu können. Meines Erachtens nach verstieß dieser Zug mithin eindeutig gegen die Genfer Konvention! Aber Leon ist ja bekannt für seine brillanten Ideen. Hat er doch vor einigen Jahren bereits eine zu recht preisgekrönte Partie in der Bundesliga gespielt.

Gleichwohl zog Sarah nachfolgend scheinbar angstfrei und zumindest äußerlich völlig gelassen ihren Stiefel durch. Die nach einem Schlagintermezzo verbleibenden Materialverhältnisse waren dann auch nicht mehr ganz so klar. Insgesamt verfügte Weiß jedoch immer noch über erhebliche dynamische Ressourcen, so dass ich bei freier Farbwahl nicht umhin konnte, lieber die helle Seite spielen zu wollen.

Übrigens hatten wir eine recht anständige Besucherzahl. Irgendwie gelingt es den Eppinger Schachfreunden besser als anderen Vereinen, ihr Klientel zu begeistern.

Meine übliche 16.00-Uhr-Runde zeigte ansonsten ein recht ausgeglichenes Bild. Ich konnte bei überschlägiger Beurteilung zumindest nirgends Dinge entdecken, die ich in den vergangenen Jahren nicht schon so oder so ähnlich gesehen hatte. Solide Mittelspielarbeit.

Etwas Sorge bereitete mir allerdings der schon recht hohe Zeitverbrauch an dem einen oder anderen Katernberger Brett. Noch war das nicht dramatisch, doch zeigte sich so der Druck, den unsere Gegner erzeugten. Soviel zu meinen eben geäußerten tiefenpsychologischen Vorüberlegungen.

Außerdem ging Christian kurz danach ein nicht unwichtiger Bauer verloren. Seine Position bot jedoch immer noch die eine oder andere Option, da sein Gegner erst noch die Stellung seiner Schwerfiguren optimieren musste.

Während dessen gab Sarah auf und das Kraichgauer Team ging nicht unverdient in Führung (0-1).

An den vorderen Brettern tat sich in Spiel entscheidender Richtung zunächst nicht viel. Alexandr wehrte sich gegen seinen spielstarken indischen Gegner allerdings prächtig. Mittlerweile war ein Doppelturmendspiel entstanden, das jetzt nicht so schlecht für uns aussah.

Nach drei Spielstunden kristallisierten sich bei Alexandr, Robby und Timothee bereits mehr oder weniger klare Remisendspiele heraus. Dachte ich jedenfalls. Bei den übrigen Partien schwelte noch genügend Glut, um ein Feuer zu entfachen, insoweit wagte ich dort keine Prognose. Ernste Sorgen musste ich mir hier jedoch auch nicht machen. Andererseits liefen wir ja einem Punkt hinterher, so dass es nach augenblicklichem Spielstand selbst für einen Mannschaftspunkt leider nicht reichen würde.

Um 17.10 Uhr kam dann die vorläufige Bestätigung meiner Abschätzung in Form eines jeweils geteilten Brettpunktes durch Alexandr (0,5-1,5) und Robert (1-2). Aber es nahte auch die Zeitkontrolle und da kann erfahrungsgemäß eine ganze Menge passieren.

Die Zeitnotphase war spannend. So wie ich das sah, kamen wir aber nicht schlecht weg. Mein Resümee sah wie folgt aus: Christian und Bernd standen gut und spielten offensichtlich auf Gewinn. Timo konnte nicht mehr verlieren. Die Partien von Nazar und Ilja waren auf die Schnelle allerdings immer noch schwer einzuschätzen.

Dann ging’s erstmal zügig: Ein ganzer Punkt bei Christian (2-2) und ein halber bei Nazar (2,5-2,5). Ausgleich!

Moment mal: Geht da noch was?

Doch erstmal noch das Remis bei Timo, dem ich darauf hin glatt einen Heiratsantrag gemacht hätte (3-3). Der Mann spielt sicher wie Beton!

Zwischenzeitlich klärte sich auch die Stellung von Ilja. Er hatte zwar einen Bauern weniger, vereinfachte aber durch Generalabtausch, so dass sich die Waagschale wieder etwas mehr zur Mitte ausschlug. Trotzdem blieb es schwer, zumal ich selbst bei näherer Betrachtung nicht mit Bestimmtheit sagen konnte, ob Bernd nun wirklich eine Gewinnpartie hatte. Er spielte zwar mit einer Qualle mehr, doch die Stellung war stark vereinfacht und der verbliebene gegnerische Läufer war eine gute Deckungsfigur für die schon weit vorgerückte Bauernphalanx seines Gegners. Momentan war insofern noch kein Endergebnis auszuschließen. Es blieb also weiterhin spannend.

Es ist kaum möglich, den abschließenden Showdown bis ins Detail zu schildern. Jedenfalls mühte sich das verbleibende Doppel nach besten Kräften ab. Ich pendelte jedenfalls ständig zwischen beiden Partien hin und her, um ja keinen Spielzug zu verpassen und jeweils selbst ein wenig mitzurechnen. Ein aufreibendes Erlebnis. Sag noch mal einer, Schach wäre langweilig.

Na ja, ein bisschen kann ich ja verstehen, dass sich die Dramatik des Spiels oft nur Eingeweihten erschließt, denn eigentlich sitzen die Kontrahenten nur da und schieben die Klötzchen hin und her. Aber: jeder Zug verändert im Prinzip die Lage auf dem Brett und lässt die Waage auf- und abschwingen. Analogieschlüsse zum richtigen Leben bleiben da nicht aus, denn auch in der Realität des Seins führt nahezu jede Entscheidung - und sei sie noch so tief durchdacht - zu oft unübersehbaren Konsequenzen. Mann, werd ich philosophisch auf die alten Tage!

Daher zurück in den Turniersaal:

Dort blieb in der Gesamtbetrachtung weiterhin alles sehr unklar. Bernd musste inzwischen auf einen brandgefährlichen Freibauern achten und Ilja lief immer noch dem Minusbauern hinterher.

Gegen 19.30 Uhr kämpfte Ilja schließlich mit blankem Läufer aber leider abseitigem König gegen einen inzwischen weit vorgerückten a-Bauern nebst nahem Springer und König. Das war selbst bei bester Technik nicht mehr zu halten (3-4).

Mithin hätte nun der Vereinspräsident gewinnen müssen, um wenigstens noch einen Mannschaftspunkt zu retten. Doch dort war inzwischen ein Turmendspiel entstanden und zu allem Überfluss auch noch eins mit einem Minusbauern. Insofern hätte man froh sein können, hier überhaupt noch ein Remis zu erzielen. Doch selbst das sollte am Schluss nicht mehr gelingen (3-5).

Offenbar werden wir in diesem Jahr von Pech und Unglück verfolgt. Oder, wie man im Fußballjargon sagen würde: Wir haben echt die Seuche!

Nun, hier noch einmal die Einzelergebnisse in der Gesamtschau:

Brett Eppingen - Katernberg 5 - 3
1 Harikrishna - Fier ½ - ½
2 Bogner - Firman ½ - ½
3 Balogh - Zaragatski 1 – 0
4 Braun - Ris ½ - ½
5 Ruck - Scholz 0 – 1
6 Mons - Hoolt 1 – 0
7 Medvegy - Rosen 1 – 0
8 Noe - Heinz ½ - ½

Fazit: Schach ist ein wunderschönes Spiel, aber eben nur, falls Du gewinnst! Ansonsten ist es eine verdammte Zeitverschwendung!

Wie auch immer: Herzlichen Glückwunsch nach Eppingen!

Dass der Abend dann mehr nicht ganz so gelöst verlaufen ist, muss nicht betont werden. Doch es ist wie es ist und bevor ich mir den Appetit an einem Grillteller verleiten lasse, muss schon mehr passieren!

Mich plagten die Nacht über ganz andere Sorgen. Ich hatte bereits erwähnt, dass mir in der Nacht von Freitag auf Samstag die Nase zu saß. Nun, dieses Symptom materialisierte sich im Laufe des Samstages zu einer kleinen Erkältung mit Hustenreiz und laufender Nase. Tagsüber kann ich so was eigentlich ganz gut ab, aber wenn ich dann zur Ruhe komme, bin ich empfindlich. Wird Ihnen auch so oder so ähnlich gehen, oder?!

Jedenfalls fand ich nur wenig Schlaf und war eigentlich ganz froh, als um 7.00 Uhr endlich der Wecker ging. Als amtierender Mannschaftsarzt habe ich zudem immer ein paar pflanzliche Arzneimittel dabei, die gewisse Linderung versprachen.

Nach Absolvierung meiner üblichen morgendlichen Abläufe und der Klärung meiner fiskalischen Obliegenheiten gegenüber dem Hotel ging’s dann zunächst wieder ins Spiellokal zur Mannschaftsmeldung. Dabei hatte sich gegenüber der Vortagesaufstellung bei Baden-Oos aber erwartungsgemäß nichts verändert:

Brett Katernberg - Baden-Oos
1 Fier - Aronjan
2 Firman - Bacrot
3 Zaragatski - Shirov
4 Ris - Naidisch
5 Scholz - Vallejo-Pons
6 Hoolt - Movsesian
7 Rosen - Gustafsson
8 Heinz - Dautov

Uns wurde damit buchstäblich ein Weltklasseteam präsentiert.

Wir hatten vereinbart, dass ich nach der Mannschaftsmeldung noch einmal zum Hotel zurückkomme, damit wir Spieler und Gepäck zum Spiellokal transportieren konnten. Als ich dort ankam traf ich zunächst auf Bernd, der mit seiner neuen Kamera ein wenig Lokalkolorit sammelte. Kurz danach gesellte sich Nazar zu uns und verstaute sein Gepäck im Kofferraum von Bernds Auto. Bernd schloss den Gepäckraum und widmete sich wieder seiner Kamera.

Kurze Zeit später trudelten nach und nach auch die übrigen Teammitglieder ein und ich begann, deren Gepäckstücke in mein Fahrzeug zu laden. Als das voll war, bat ich Bernd, doch auch noch einmal seinen Gepäckraum zu öffnen. Erst dann bemerkte er das Malheur. Offenbar hatte er seinen Autoschlüssel in den Kofferraum seines Fahrzeuges gelegt. Der Kofferraum ließ sich nun aber eben nicht mehr öffnen und da sein Auto ansonsten abgeschlossen war, standen wir vor einem Problem.

Okay. Erstmal kühlen Kopf bewahren. First comes first. Zunächst war es wichtig, die Mannschaft rechtzeitig zum Spiellokal zu bringen.

Das funktionierte zeitgerecht. Ein Teil des Teams lief und die restlichen Spieler nahm ich mit.

Als wir die Spielstätte betraten, bekamen wir sogar noch die Ehrung für den diesjährigen deutschen Polizei-Schachmeister, den Dortmunder Spieler Ralf Kotter, mit. Eine schöne Geste. Die Meisterschaft wird übrigens regelmäßig von Rudi Eyer organisiert.

Gut, jetzt konnte ich mich um das Schlüsselproblem kümmern. Rudi Eyer hatte inzwischen versucht, einen örtlichen Automechaniker aufzutun, musste jedoch sein Scheitern vermelden. Insofern konnte jetzt eigentlich nur noch der ADAC helfen.

Meine Versuche, den Autoclub telefonisch zu bewegen, eine entsprechende Fachkraft zu schicken, waren jedoch nicht erfolgreich. Da es nicht mein Auto war, blieben die Herren naturgemäß reserviert. Da könne ja jeder kommen. Stimmt auch wieder! Bernd müsste dort insoweit selbst anrufen.

Daher versuchte es jetzt noch mal bei Rudi. Als Polizist i. R. hat man ja noch Beziehungen. Vielleicht konnte ja ein diensthabender Kollege helfen.

Doch auch hier ergab sich eine Fehlanzeige. Daher konnte man im Augenblick nichts tun.

Ach so: Schach wurde auch gespielt und wiederum war es zunächst leider wieder Sarahs Position, die mir Sorgen machte. Ihr armenischer Gegner hatte sich bereits nach einer Stunde einen zentralen Freibauern verschafft, der ihr nachfolgend sicher noch viele Probleme bereiten würde.

Bei Alexandr, Ilja und Timo waren zu diesem Zeitpunkt übrigens bereits Endspiele auf dem Brett. Vom strukturellen Standpunkt aus hatte ich dabei v. a. bei Ilja ein gutes Gefühl. Andererseits gilt Shirov als ein ausgesprochener Theorieexperte und er wird sich - so dachte ich - auf die aktuellen Bauerninseln und den Doppelbauern in der ansonsten freien c-Linie nicht fahrlässig eingelassen haben.

Zu den übrigen Partien war eigentlich noch wenig zu sagen, wobei eine Computerbewertung sicher das eine oder andere Bauernzehntel aufgezeigt hätte. Aber für mich sind Blechtrottel mit Zugang zum Internet oder aufgespielten Schachprogrammen eben Tabu!

Dabei hätte mich v. a. Bernds Partie interessiert. Der musste sich gegen einen bereits weit vorgerückten Freibauern abmühen. Doch andererseits genügte hier schon ein flüchtiger Blick, um zu erkennen, dass die Zerschneidungswirkung dieses Holzagronomen schon beträchtlich war. Insoweit schien Jan Gustafsson hier bereits einen deutlichen Vorteil zu haben.

Mein Mittagessen bestand diesmal übrigens aus ein paar frisch zubereiteten Brötchen und den besagten Hexenkräutern aus meiner Bordapotheke. Danach machte sich die faktisch durchgemachte Nacht bemerkbar. Ich wurde ziemlich müde und betrieb in den nächsten 45 Minuten vornehmlich Augeninnenpflege.

Während dessen gab dann Bernd auf (0-1). Er hatte seine Gedanken vermutlich sowieso ganz woanders. Jetzt musste er sich erstmal um sein Auto kümmern. Ich stellte hierzu zunächst mein Autotelefon zur Verfügung und die Gelben Engel versprachen schnelle Hilfe.

Als ich zurück kam, überraschte mich der Schiedsrichter mit der Nachricht, dass Alexandr zwischenzeitlich aufgegeben habe. Eine Rückfrage ergab, dass er vermutlich irgendwo fehl gegriffen hatte und so seine vermutlich remisliche Stellung verdarb (0-2). Gegen Weltklassegroßmeister reicht halt schon eine kleine Fehleinschätzung aus und es geht unaufhaltsam den Bach runter.

Ich fürchtete allerdings, dass mich derartige Irrtümer noch den ganzen Nachmittag begleiten würden. Momentan (es war kurz nach 13.00 Uhr) konnte ich eigentlich aber mit den Partiestellungen noch ganz gut leben.

Scheinbar hatte ich mich bei der Einschätzung der Shirov’schen Endspielkünste nicht getäuscht. Er konnte trotz (oder vielleicht sogar wegen) der offenen Strukturen nach und nach einen starken Druck aufbauen, dem Ilja dann schließlich nicht mehr gewachsen war (0-3). Der russische Ausnahmespieler versteht halt sein Handwerk!

Dann ein kleiner Lichtblick: Nazar hatte in seiner Partie zunächst einige Bauern ins Geschäft gesteckt und seinem Gegner dadurch eine Reihe auseinandergerissener Bauern verschafft. Er nahm diese Schwächen nachfolgend der Reihe nach aufs Korn. Die Position war danach wohl mehr oder weniger ausgeglichen. Doch dann stellte sein französischer Gegner einen ganzen Turm weg (1-3).

Nach der Zeitkontrolle sah es für mich so aus, als ob der Kampf nun nicht mehr allzu lange dauern würde:

  • Robby prügelte sich in einer vogelwilden Stellung, wobei sein Gegenüber gerade an einem Mattnetz arbeitete. Verluststellung.

  • Christian sah sich einem heranrollenden Güterzug in Form eines a- und b-Bauern gegenüber. Verluststellung.

  • Sarah hatte immer noch das Problem mit diesem ominösen Freibauern, auch wenn der inzwischen Linie und Reihe gewechselt hatte. Vielleicht eine kleine Chance auf Remis nach dem Prinzip Hoffnung.

  • Timo wehrte sich immer noch sehr effektiv. Hier war die Remisbreite nicht überschritten. Aber was versteh ich schon davon!?

Eine halbe Stunde später gaben Christian und Robby auf (1-5).

Kurz danach tauchte Bernd wieder auf und erklärte, dass er sein Auto immer noch nicht aufbekommen habe. Der ADAC-Techniker hatte nach einigen Fehlversuchen verzweifelt das Handtuch geworfen. Statt nun eine Scheibe einzuschlagen, wie ich es gemacht hätte, hatte sich Bernd daraufhin telefonisch mit seiner Frau beraten, die nun aus Essen anreisen würde, um einen Zweischlüssel vorbeizubringen. Das würde insoweit also noch ein langer Tag für die Beiden und Nazar werden.

Um 15.00 Uhr streckte dann auch Sarah, die einen großen Kampf hinter sich hatte, die Waffen. Der gefährliche Freibauer war inzwischen zur Dame geworden (1-6).

Dann wurde auch die Partie von Timothee remisiert. Ich hatte eigentlich erwartet, dass das noch eine kleine Weile dauern würde, aber so war mir das natürlich auch ganz recht (1,5-6,5).

Nachfolgend noch mal das amtliche Endergebnis in allen Details:

Brett Katernberg - Baden-Oos 1½ : 6½
1 Fier - Aronjan 0 :1
2 Firman - Bacrot 1 : 0
3 Zaragatski - Shirov 0 :1
4 Ris - Naidisch 0 :1
5 Scholz - Vallejo-Pons 0 :1
6 Hoolt - Movsesian 0 :1
7 Rosen - Gustafsson 0 :1
8 Heinz - Dautov ½ : ½

Der Verlust war aber auch in dieser Höhe keine Bloßstellung. Gegen den deutschen Meister sind schon ganz andere Mannschaften grandios gescheitert. Glückwünsche nach Baden-Baden!

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Intelligente Fehler zu machen, ist eine große Kunst.

Federico Fellini

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