Gegen die Hanse!

Geschrieben am 07.12.2014 von Ulrich Geilmann

Bundesligawochenende in Essen

Manchmal lassen sich berufliche und private Termine angenehm miteinander verbinden. So war das für mich am Nikolauswochenende: Freitagvormittag hatte ich eine Veranstaltung beim Regionalverband Ruhr (RVR), der ja an dem besagten Wochenende auch wieder einmal unser Gastgeber war. Es ging in der Besprechung um die Zukunft der Metropole Ruhr; genauer gesagt, um die Aufstellung des neuen Regionalplans, was mich als gelernten Stadtplaner natürlich brennend interessiert.

Und wie es das Schicksal wollte, tagten wir just in dem Saal, der dann am späten Nachmittag der Austragungsort der Begegnung mit unserem geschätzten Reisepartner Hansa Dortmund sein würde. Angesichts der Tatsache, dass uns am Vormittag knapp 150 Power-Point-Folien um die Ohren gehauen wurden, hatte ich erst die klamme Befürchtung, den Aufbau in einem Parforceritt umsetzen zu müssen. Doch – man muss das hier deutlich betonen – das RVR-Team nahm auch darauf Rücksicht und schloss den Diskurs genau um 13.30 Uhr mit ausdrücklichem Hinweis auf die Schachbundesliga ab.

Kurz danach hatten helfende Hände den künftigen Spielsaal abgeräumt, gereinigt und nach unseren Wünschen umgebaut. Als unser Präsident Bernd Rosen dann kurz nach 14.00 Uhr mit dem Spielmaterial ankam, war alles schon bereit. Wir bauten schnell auf, stellten die Uhren und schilderten noch kurz aus. Um 15.00 Uhr war dann alles in trockenen Tüchern.

An dieser Stelle ist allerdings einzuflechten, dass wir die Freitagsrunde diesmal nicht live übertragen konnten. Das lag wiederum an den beruflichen Verpflichtungen unseres Übertragungsteams aus Mülheim. Dies hatte wiederum den Nebeneffekt, dass wir zunächst nicht wie gewohnt im Plenarsaal spielen konnten, da ja dort ebenfalls zeitgleich aufgebaut werden musste. Aber auch hier war das RVR-Team bereits tätig geworden und hatte alle notwendigen Vorbereitungen getroffen. Tische und Stühle standen schon an ihren Platz und sogar die Bodenmarkierungen waren bereits perfekt gesetzt.

Ich sag’s mal ganz deutlich! Ohne die Kollegen um Bernhard van Loon wäre ich an diesem Tag eine ganz arme Sau gewesen! Deshalb an dieser Stelle nochmals meinen ganz besonderen Dank an das RVR-Team!

Um 15.30 Uhr ging’s dann zur Sache. Unser Schiedsrichter, Klaus Deventer, kam gerade noch rechtzeitig, um die Mannschaftsmeldung entgegen zu nehmen. Hansa spielte erwartungsgemäß fast in Bestbesetzung:

Brett SFK ELO Titel - Dortmund ELO Titel
1 Romanov, Evgeny 2642 GM - Anton Guijarro, David 2607 GM
2 Fier, Alexandr 2589 GM - Henrichs, Thomas 2492 IM
3 Firman, Nazar 2458 GM - Markus, Robert 2604 GM
4 Zaragatski, Ilja 2472 GM - Heberla, Bartlomeij 2567 GM
5 Siebrecht, Sebastian 2463 GM - Hera, Imre Jr. 2576 GM
6 Ris, Robert 2427 IM - Berg, Emanuel 2555 GM
7 Scholz, Christian Dr. 2344 IM - Korpa, Bence 2426 FM
8 Thesing, Matthias 2308 IM - Zelbel, Patrick 2418 IM

Leider konnte sich das Katernberger Team nicht wie üblich vor dem Kampf zusammensetzen. Das lag einerseits daran, dass sich die Anreise der Herren diesmal nur schlecht steuern ließ und andererseits an der privaten Unterbringung für die dankenswerter Weise wieder Dr. Reinhard Kennemann, Prof. Dr. Bruno Müller-Clostermann und Bernd Rosen sorgten. Deshalb trudelten unsere Kämpen nach und nach ein, so dass eigentlich nur Zeit für eine kurze Begrüßung und ein wenig Smalltalk blieb.

Pünktlich um 16.00 Uhr dann der Anpfiff! Das war für mich dann das Zeichen, auf Entspannungsmodus zu stellen. Ich hatte meinen Teil erstmal getan. Was nicht heißt, dass mein Adrenalinspiegel unten blieb. Im Gegenteil. Nach gut zwei Stunden waren nämlich schon zwei Partien entschieden. Während sich der Rest der Partien noch weitgehend in der beginnenden Mittelspielphase befanden, hatte sich Nazar – einen Doppelangriff übersehend – schon selbst in die Luft gesprengt (0:1) und Alexandr seinen Gegner nach einen taktischen Schlag überspielt. 1:1.

Es folgte nach einer weiteren Stunde ein Remis bei Sebastian. Hier dachte ich zunächst, dass er aufgrund von komplexen Fesselungsmanövern besser gestanden hätte, doch das erwies sich im Nachhinein als Fiktion. 1,5:1,5. Bei genauerem Hinsehen sah es aber schon früh danach aus, als würde Dortmund immer mehr die Initiative übernehmen. Christian stand merkwürdig, Robby seltsam und Evgeny, der direkt aus Doha eingeflogen war, verdächtig.

Inzwischen meldeten sich unser Übertragungsteam an und begannen mit dem entsprechenden Aufbau im Plenarsaal. Kurz danach fiel mir auf, dass ich bei all den Vorbereitungen glatt vergessen hatte, mir noch in Essen eine Bleibe zu besorgen. Da Messezeit ist, war das gar nicht so einfach. Anrufe bei drei nahe gelegenen Hotels waren ergebnislos. Schließlich konnte aber auch hier der RVR helfen. Der Tipp, doch mal beim Ruhrturm-Hotel zu versuchen, erwies sich als goldrichtig. Die waren zwar ebenfalls im Prinzip ausgebucht, hatten aber noch genau ein Einzelzimmer im Angebot. Glück muss man haben.

Danach konnte ich mich wieder um die Bretter kümmern. Viel hatte sich aber nicht getan.Die Position, die Ilja inzwischen hatte, konnte ich auf die Schnelle nicht einschätzen. Mein Eindruck war aber, dass keiner der beiden Spieler einen Vorteil hatte, doch die Stellung war wiederum auch nicht so trivial, um einfach Remis zu machen.

Matthias hatte hingegen eine klar ausgeglichene Stellung und war daher mehr als erregt, als ich ihn kurz vor der Zeitnotphase auf Nachfrage bitten musste, nach einem gegnerischen Remisangebot weiter zu spielen. Eigentlich hatte er recht: Gewinnen konnte er die Partie nur dann, falls sein Gegner ordentlich patzen würde und das war nicht zu erwarten.

Doch es half alles nichts.

Zunächst brach Robby ein. 1,5:2,5.

Inzwischen hatte sich Christian zwar wieder erholt und sich nach einigen Endspielkomplikationen ein verdientes Remis erspielt (2:3), doch musste kurz danach Evgeny, der sich später darüber beklagte, die strategisch falsche Eröffnung gespielt zu haben, aufgeben. 2:4.

Damit war der Kampf praktisch entschieden, denn weder Ilja noch Matthias hatten realistische Gewinnchancen.

Nach einigem Hin und Her ergab sich bei Ilja schließlich eine Zugwiederholung, die ins Remis mündete. 2,5:4,5. Zwei – man muss das eingestehen – verdiente Mannschaftspunkte für Dortmund.

Matthias, der sich irgendwo vor der Zeitkontrolle sogar einen Mehrbauern erspielt hatte, nachfolgend aber in Nachteil geriet, wehrte sich danach noch nach besten Kräften. Alle Anstrengungen waren aber vergebens. Um 22.00 Uhr musste auch er sich dann geschlagen geben. 2,5:5,5. Im Nachhinein hatte ich dann doch ein schlechtes Gewissen, ihm das mögliche Remis verwehrt zu haben. Von Zeit zu Zeit trifft man halt auch mal falsche Entscheidungen.

Hier noch einmal die Gesamtschau:

Brett SFK ELO Titel 2½ : 5½ Dortmund ELO Titel
1 Romanov, Evgeny 2642 GM 0 : 1 Anton Guijarro, David 2607 GM
2 Fier, Alexandr 2589 GM 1 : 0 Henrichs, Thomas 2492 IM
3 Firman, Nazar 2458 GM 0 : 1 Markus, Robert 2604 GM
4 Zaragatski, Ilja 2472 GM ½ : ½ Heberla, Bartlomeij 2567 GM
5 Siebrecht, Sebastian 2463 GM ½ : ½ Hera, Imre Jr. 2576 GM
6 Ris, Robert 2427 IM 0 : 1 Berg, Emanuel 2555 GM
7 Scholz, Christian Dr. 2344 IM ½ : ½ Korpa, Bence 2426 FM
8 Thesing, Matthias 2308 IM 0 : 1 Zelbel, Patrick 2418 IM

Herzlichen Glückwunsch an unseren Reisepartner!

Um 22.30 Uhr ging’s dann für mich zum Hotel. Da es schon recht spät war, hatten wir auf ein gemeinsames Abendessen verzichtet. Wir mussten uns alle erstmal von dem herben Rückschlag auf dem Weg zum Klassenerhalt erholen. Das Team wollte sich zudem auf den nächsten Gegner, unsere Hamburger Freunde, vorbereiten.

Müde und abgekämpft bin ich dann auch sofort ins Bett.

Vorher hatte sich noch Georgios Souleidis kurz bei mir gemeldet, um die Einzelergebnisse abzufragen. Erst wollte ich gar nicht mehr antworten, doch George, der alte Journalistenbluthund, blieb solange am Ball, bis er hatte, was er wollte. Ich gab auch deshalb nach, weil der gebürtige Spartaner drohte, mich wie einen Perser zu behandeln. Wer nicht weiß, was ich meine, sehe sich mal den Kinofilm "300" an! Da landete der Gesandte des Perserkönigs Xerxes mit Gebrüll in einem tiefen Brunnen. Dem wollte ich mich jedenfalls nicht aussetzen.

Der Schlaf kam danach schleichend aber entschieden.

Am nächsten Morgen galt es erstmal ausgewogen zu frühstücken. Am Vortag bin ich ja schließlich ohne Abendessen ins Bett, was Georgios übrigens mit der lakonischen Bemerkung quittierte, dass ich das ja auch mal gut vertragen könnte. Tzzz.

Jedenfalls fiel ich zunächst einmal über die Rühreier her, die ich mit reichlich Speck und Frühstückswürstchen garnierte. Nach dem Eiergedöns vernichtete ich noch zwei Wurstbrötchen, die ich mit reichlich Kaffee runterspülte. Gekrönt würde das Festmahl mit einer Weintraube; schließlich soll man ja bekanntlich viel Obst essen. Noch schnell einen Orangensaft und der neue Tag konnte kommen.

Wieder im Hotelzimmer wurde mir klar, was Georgios vielleicht mit seiner Randbemerkung gemeint haben könnte. Ich passte kaum noch in die bereit gelegte Jeans. Doch jetzt kam die Reue zu spät. Ach was: Ein Mann ohne Bauch ist ein Krüppel und schließlich braucht ein Sportler wie ich auch ein gewisses Kampfgewicht!

Nach den weiteren Morgenzeremonien musste zunächst noch ein Restaurant für den Abend gefunden werden; angesichts der vorweihnachtlichen Stimmungslage kein leichtes Unterfangen, zumal mit einer größeren Truppe. Es fand sich schließlich doch eine geeignete Lokalität in der Innenstadt. Ein Mongole mit dem klangvollen Namen Dschingis Khan sollte es sein. Würden wir doch nur wie die Mongolenstämme über die Hamburger herfallen, schoss es mir durch den Kopf!

Beim RVR angekommen mussten erst einmal die restlichen organisatorischen Dinge erledigt werden. Neue Ausschilderung, Aufkleben der Hinweisschilder, Herrichten des Analyseraums usw. ...  Während dessen legte das Übertragungsteam noch letzte Hand an die Bretter und begann damit. die Partien des Vortages einzugeben. Ich war froh, das nicht auch noch selbst machen zu müssen.

Um 13.00 Uhr war alles bereit und die ersten Gäste erreichten das Verbandsgebäude. Um 13.30 Uhr dann die Nominierungen. Mit der Tischbeschriftung (die mir zunächst nicht auf Anhieb gelang), der neuerlichen Lichtbegutachtung durch die Kampfleitung und vielen kleinen Handgriffen sowie der obligatorischen Handyabfrage nebst kurzer Ansprache ging es endlich los.

Das Hamburger Team um meinen Mannschaftsführerkollegen Reinhard Ahrens hatte klaren Elovorteil. Die Hansestädter hatten sich offenbar viel vorgenommen.

Brett SFK ELO Titel - HSK ELO Titel
1 Romanov, Evgeny 2642 GM - Van Kampen, Robin 2641 GM
2 Fier, Alexandr 2589 GM . Kempinski, Robert 2620 GM
3 Firman, Nazar 2458 GM - Kravtsiv, Martyn 2563 GM
4 Zaragatski, Ilja 2472 GM - Ernst, Sipke 2555 GM
5 Siebrecht, Sebastian 2463 GM :- Svane, Rasmus 2506 IM
6 Ris, Robert 2427 IM - Ftacnik, Lubomir 2557 GM
7 Scholz, Christian 2344 IM - Lampert, Jonas 2442 IM
8 Thesing, Matthias 2308 IM - Heinemann, Thies 2473 IM

Man muss dabei betonen, dass es uns bislang nur ein einziges Mal gelungen war, gegen den HSK zu punkten. In diesem Zusammenhang von einem Angstgegner zu sprechen, wäre sicher unangemessen, doch vor dem Traditionsverein muss man Respekt haben. Jedenfalls würde es ein interessanter Nachmittag werden.

Zunächst klappte aber die Liveübertragung nicht. Durch die mit der Dateneinstellung verbundene Verzögerung waren wir schließlich erst relativ spät online. Danach war auf der Außenanzeige im Foyer auch noch kurz eine Computerbewertung zu sehen. Auch das musste selbstverständlich erst korrigiert werden. Klar, dass das nicht ohne kluges Einreden unbeteiligter Zuschauer funktionierte, die wie üblich alles besser wussten. Offenbar durfte ich dieses Wochenende wirklich alles alleine machen! Naja, verantwortlich war ich allemal!

Nach gut einer Stunde kehrte bei mir aber wieder Ruhe ein und ich konnte erstmalig einen Blick auf die Partien werfen. Prinzipiell war ich nicht unzufrieden. Erfreulicher Weise füllte sich auch so langsam der Turniersaal mit dem einen oder anderen Zuschauer. Kein Vergleich zum Vortag.

Nach einer ausgedehnten Pause und einem kleinen Plausch in der 2. Spielstunde blickte ich wieder erwartungsvoll auf die Bretter. Und ich wurde nicht enttäuscht. Die Partien liefen insgesamt nicht unrund für uns. Scheinbar hatten wir uns ganz gut vom gestrigen Schlagabtausch erholt.

Vorher tauchte übrigens auch die Obstlieferung wieder auf. Matthias hatte die noch in seinem Säckchen versteckt. Wollte er etwa den Nikolaus spielen? Wie auch immer: Bruno übernahm erstmal die Verteilung der Lebensmittel. Überdies machte sich Reinhard Kennemann auf den Weg, um entsprechenden Nachschub zu besorgen.

Nach 2½ Stunden war immer noch nichts entschieden, aber ich hatte immerhin einen positiven Gesamteindruck. Das galt auch für unser Zeitmanagement. Allerdings hatte Alexandr bei Aufräumaktionen einen Bauern abgegeben. Ob das wiederum ein entscheidender Nachteil sein würde, konnte ich jedoch nicht mit absoluter Gewissheit sagen. Vermutlich war die Remisbreite aber noch nicht überschritten, dafür wirkte er zu cool.

Ein wenig unter Spannung war ich auch bei Evgeny. Er ließ sich gerade in eine wilde Rauferei ein. Ende offen. Andererseits war der russische Großmeister in der Jugend auch ein guter Wettkampfschwimmer. Er würde schon nicht untergehen.

Ilja hatte sich inzwischen eine Qualität erspielt, wobei ihn das wiederum ein Bauernpaar kostete.Bei Robert erspähte ich mittlerweile einen weit vorgerückten Freibauern, der die Position seines Gegners praktisch durchschnitt, wie Mose den Ozean teilte. Wenn der allerdings verloren gehen sollte, au weia! Ansonsten setzte auch Sebastian seinen Gegner unter Druck, zumindest wenn man den hohen Zeitverbrauch seines jungen Gegenspielers zum Maßstab nahm. Matthias, Christian und Nazar standen zu diesem Zeitpunkt weitgehend ausgeglichen. Es sah eigentlich nicht danach aus, dass etwa anbrennen würde.

Als ich die nächste Runde machte, fuhr Nazar gerade eine Dame ein. Wieso da seinem Gegner was entglitten war, konnte ich nicht so recht nachvollziehen. Irgendwas musste aber passiert sein, soviel stand fest.Evgeny bot derweil Punkteteilung an, was sein Gegner nach Regelrückfrage, ab welcher Zugzahl er das dürfe, annahm. 0,5:0,5.

Zwischenzeitlich materialisierte sich auch Sebastians Position. Mein alter Schachkumpane Martin Hugger hätte dazu gesagt: Die Kuh gibt Milch! Das galt für uns aber offenbar genauso. Ilja stellte im Prinzip zweizügig einen Turm ein und gab danach sofort auf. Ein wahres Nikolausgeschenk für seinen Gegner, der sein Glück zunächst fast gar nicht zu fassen schien. 0,5:1,5.

Für mich überraschend verlor dann auch Alexandr seine Partie. Das schien ja ein sehr merkwürdiger Virus zu sein. 0,5:2,5. So langsam bekam ich eine Stirnhöhlenvereiterung! Die wurde nach dem ebenso überraschenden Remis bei Sebastian immer virulenter. 1:3. Irgendwie verstand ich die Welt nicht mehr. Wenn’s den Titel Weltmeister im Wegwerfen gäbe, wären wir im Moment jedenfalls ein ernst zu nehmender Aspirant. Naja, vermutlich habe ich ganz einfach keine Ahnung von Schach!

Zumindest enttäuschte mich Robby nicht, der für den Anschlusstreffer sorgte. Anscheinend die erste wirklich sauber gespielte Partie in diesem Match. 2:3.

Da waren es nur noch drei Musketiere: Matthias und Christian mit jeweils materiell gleich stehenden Turmendspielen sowie Nazar mit Materialvorteil. Ein 4:4? Doch erstmal die Zeitnotphase überstehen. Dann würde man weitersehen.

Um 18.00 Uhr hatte sich nichts substanziell verändert. Nazar stand immer noch auf Gewinn und hinten schienen sich die Positionen auf die erwarteten Ergebnisse einzupendeln, wobei Christian immerhin ein Bäuerchen mehr auf der Habenseite hatte. Ein klitzekleines, ganz zartes Pflänzchen Hoffnung keimte auf.

Kurz danach gab Nazars Gegner auf. Auch ein psychologisch wichtiges Ausgleichstor für unseren ukrainischen Goalgetter! 3:3. Jetzt gilt’s!

Zwischenzeitlich stellte ich fest, dass sich die Liveübertragung im Foyer nicht selbständig aktualisierte. Wenn man nicht überall ist! Aber auch das war schnell repariert.

Um 19.00 Uhr hatten wir dann an beiden Brettern Vorteil. Bei Christian verschwanden die Türme vom Brett und es sah immer deutlicher danach aus, als ob sich sein Gegner dadurch einen Bärendienst erwiesen hatte. Jedenfalls marschierte Christians a-Bauer schnurstracks und ohne Hindernisse zur Dame. 4:3. Geht doch! Meinen nachfolgenden Heiratsantrag lehnte Christian dann allerdings doch ab.

Matthias, den ich übrigens in eine extra ruhige Ecke des Turniersaals gesetzt hatte, weil der Gute über ein absolut feinfühliges Gehör verfügt und deshalb auch die leisesten Geräusche als störend empfindet, führte sein Turmendspiel sehr aktiv, was ihm eine deutliche Initiative sicherte. Damit war der erste Saisonsieg tatsächlich zum Greifen nah.

Etwa zu dieser Zeit kam mein Dortmunder Mannschaftskollege Andreas Warsitz zu mir und zollte Anerkennung: Gottseidank habt Ihr gestern nicht so gut gespielt wie heute. Tja, wieso eigentlich nicht? Ich hatte keine Antwort. Vielleicht, weil Schach nun mal so ist, wie es ist! Ein Sport und manchmal eben nicht vorhersehbar.

Den Tisch beim Mongolen hatte ich für 20.30 Uhr bestellt, so dass ich mir die nun folgende Endspielbehandlung der beiden Internationalen Meister in aller Ruhe ansehen konnte. Man weiß ja schließlich nicht, ob man das nicht mal selbst als Rüstzeug braucht.

Es wurde 20.00 Uhr und Matthias zelebrierte inzwischen weiter seine Kunst. Fast sah es so aus, als wolle er seine gute Leistung sogar noch mit einem ganzen Punkt krönen. Jedenfalls gelang ihm zumindest ein Bauerngewinn.

Während dessen ging der Parallelkampf übrigens mit einem klaren 6:2 für unseren Reisepartner aus. Bisher ein erfolgreiches Wochenende für die Dortmunder.

Doch am Schluss war’s dann bei Matthias doch „nur“ Remis. Aber was soll’s. Der erste Saisonsieg stand fest. 4,5:3,5. Danke, meine Herren!

Brett SFK ELO Titel 4,5 : 3,5 HSK ELO Titel
1 Romanov, E. 2642 GM 0,5 : 0,5 Van Kampen, R. 2641 GM
2 Fier, Alexandr 2589 GM 0 : 1 Kempinski, Robert 2620 GM
3 Firman, Nazar 2458 GM 1 : 0 Kravtsiv, Martyn 2563 GM
4 Zaragatski, Ilja 2472 GM 0 : 1 Ernst, Sipke 2555 GM
5 Siebrecht, S. 2463 GM 0,5 : 0,5 Svane, Rasmus 2506 IM
6 Ris, Robert 2427 IM 1 : 0 Ftacnik, Lubomir 2557 GM
7 Scholz, Christian 2344 IM 1 : 0 Lampert, Jonas 2442 IM
8 Thesing, M. 2308 IM 0,5 : 0,5 Heinemann, Thies 2473 IM

Der Abend wurde dann würdig mit einem mongolischen Fressgelage beendet. Dsching, Dsching, Dschingis Kahn, Hey Reiter, Ho Reiter, Hey Reiter, immer weiter… Der Steppenfürst wäre stolz auf uns gewesen! Doch um 22.00 Uhr war Schluss mit Lustig. Morgen wartete schließlich mit Rostock die dritte Hansestadt auf uns! Übrigens fand ich in meinem Glückskeks folgende Nachricht: You could win something. It’s in the air! – Du kannst was gewinnen. Es liegt in der Luft.

Na, wenn das kein gutes Omen ist!

Meine Hotelnacht war durchwachsen. Ich hatte ein an sich sehr repräsentatives Einzelzimmer im 11. Stock des Ruhrturm-Hotels. Das Problem war, dass ich kein Fenster öffnen konnte und die Klimaanlage für sehr trockene Luft sorgte. Die Folge: Stirnhöhle zog sich zu, so dass ich regelmäßig aufwachte. Um 2.00 Uhr hatte ich dann den Papp auf und half mir mit einem Nasenspray, das ich auf Reisen als amtierender Mannschaftsarzt stets dabei habe.

Mein Frühstück war genauso lecker wie am Vortage. Allerdings ließ ich die Weintraube weg, denn die war gestern eindeutig Schuld an meinen Problemen, in meine Jeans zu kommen!

Der nächste Morgen war, was die organisatorischen Vorbereitungen betraf, mehr oder weniger Tiefenentspannt. Es gab nur noch wenig zu tun. Tischbeschriftung ändern, Gepäckraum öffnen, und Liveübertragung im Foyer einrichten (natürlich ohne Engine). Den Rest besorgte wieder das Betreuungsteam des RVR.

Um 9.30 Uhr standen dann die Mannschaftsaufstellungen fest. Rostock griff erwartungsgemäß auf das Vortagesteam zurück. Ich ebenfalls. Damit waren die Randbedingungen klar. 10.00 Uhr - Katernberg in der verpflichtenden Favoritenrolle:

Brett Rostock ELO Titel - SFK ELO Titel
1 Tomczak, Jacek 2560 GM - Romanov, Evgeny 2642 GM
2 Brynell, Stellan 2459 GM - Fier, Alexandr 2589 GM
3 Szelag, Marcin 2456 IM - Firman, Nazar 2458 GM
4 Rudolf, Henrik 2357 FM - Zaragatski, Ilja 2472 GM
5 Tomczak, Rafal 2374 FM - Siebrecht, S. 2463 GM
6 Becker, Michael 2321 FM - Ris, Robert 2427 IM
7 Ackermann, H. 2287 FM - Scholz, Christian 2344 IM
8 Jeske, Eckhard 2165 - - Thesing, Matthias 2308 IM

Nach einem Plausch mit meinen Mannschaftsführerkollegen nutzte ich um 11.00 Uhr die Gelegenheit zu einem Kaffee und riskierte einen ersten Blick auf die Bretter:

Wenn ich das richtig sah, spielten meine Jungs locker auf. Eröffnungstheoretische Knaller konnte ich auf den ersten Blick aber nicht entdecken. Also alles scheinbar im grünen Bereich! Natürlich beruhte diese Einschätzung ausschließlich auf der unbegründeten Hybris eines Teamchefs, der naiv glaubt, alles schon einmal gesehen zu haben.

Mein zweiter Durchgang bestätigte allerdings die wesentlichen Ergebnisse der ersten Beurteilung. Gleichwohl ließen mich die aktuellen Positionen und Robert und Ilja mit Fragezeichen zurück. Robby stand offen wie ein Scheunentor und Ilja verschachtelt wie ein Berliner Hinterhaus.

Doch kurz danach konnte ich innere Entwarnung geben. Beide Schacharchitekten schienen sich in ihren Bauplänen bestens auszukennen. Jedenfalls ergaben sich schnell wieder halbwegs überschaubare Positionen, so dass ich erstmal in aller Ruhe in die Mittagspause gehen konnte. Vorher erspielte sich allerdings Sebastian einen Mehrbauern in klar besserer Stellung.

Als ich nach einer gehaltvollen Rindfleischsuppe und dem obligatorischen Bockwürstchen wieder in den Spielsaal kam, war die Situation nahezu unverändert. Rostock hielt gut mit und meine Vortagspredigt, man dürfe den aktuellen Tabellenplatz des gegnerischen Teams nicht mit ihrer tatsächlichen Leistungsfähigkeit verwechseln, erwies sich als zutreffend.

Als dann Ilja kurz vor 13.00 Uhr bei dynamischen Materialverhältnissen auf Angriffsmodus stellte, bekam ich veritables Nasenbluten. Das lag allerdings weniger an den Manövern unseres Vorzeigegroßmeisters, sondern war mehr eine Strafe für den nächtlichen Einsatz des Nasensprays. Ich hatte allerdings beides irgendwie kommen sehen.

Nachdem ich den kleinen Blutsturz im Griff hatte, erlaubte ich mir einen kurzen Blick auf das Zeitmanagement unseres Teams. Beruhigend war, dass wir an fast allen Brettern noch deutliche Zeitpolster hatten, während die Bedenkzeiten unserer Gegner insgesamt knapp wurden. Außerdem fuhr Evgeny den ersten Bauern ein. Er hatte bereits frühzeitig für strukturelle Defizite im gegnerischen Lager gesorgt, die nun umso deutlicher zu Tage traten.

Der Kampf ging nun eindeutig in die heiße Phase über.

Doch zunächst machte erstmal Evgeny den Sack zu! 1:0. Sein Gegner wurde danach herzlich durch die Rostocker Betreuung getröstet, was wiederum ein tolles Zeichen für den hervorragenden Mannschaftsgeist dieses Teams ist!

Zwischenzeitlich hatte Sebastian, der seinen Gegner schon seit längerer Zeit mit Mattdrohungen verfolgte und dadurch immer mehr unter Druck setzte, einen weiteren Bauern eingestrichen.

Darüber hinaus spielte Robby mit einer Figur mehr, wobei die allerdings auf a8 eingeklemmt war und er sich erst noch einiger lästiger Freibauern seines Gegners entledigen musste, bevor man wirklich von einer Gewinnstellung hätte reden können.

Heimlich, still und leise erarbeitete sich danach Matthias aus einer tendenziell eher ausgeglichenen Partie einen ganzen Punkt. Sehr effektiv gespielt. 2:0.

Den nächsten Schlag setzte dann kurz danach Ilja. 3:0. Die Maschine kam jetzt offenbar wirklich in Fahrt.

In der Zeitnotphase zeigte Robby seine Qualitäten. Er hatte zunächst einige Schwierigkeiten mit der gegnerischen Bauernwalze, die einen Vertreter sogar bis d7 entsandte. Doch nach einigen exakten Zügen, war von der gesamten Herrlichkeit der verbundenen Bauernkette nichts mehr übrig. Robby musste dabei zwar wieder seinen Mehrläufer hergeben, doch das danach entstandene Endspiel war für ihn insgesamt eher positiv einzuschätzen. In dieser Partie würde nichts mehr anbrennen.

14.00 Uhr. Zeit für eine Zwischenbilanz:

  • Alexandr – Mehrfigur gegen vorgerückten Freibauern. Wohl Gewinnstellung
  • Nazar – Minusbauer im Turmendspiel, aber aktive Stellung. Wahrscheinlich Remis.
  • Sebastian – Zwei Mehrbauern. Gewinnstellung.
  • Robby – Mehrbauer und aktiver König im Figurenendspiel. Steht besser.
  • Christian – Komplizierte Mittelspielstellung ohne Damen – dynamisch relativ ausgeglichen.

Das sollte in Anbetracht des momentanen Punktestandes reichen. Die Weissagung des Glückskeks schien sich zu erfüllen.

Alexandr machte es dann kurz danach amtlich und holte sich den Punkt. 4:0. Kurz danach konnte schließlich auch Sebastian die Früchte seiner Arbeit ernten. 5:0. Zwei weitere Mannschaftspunkte, die in Anbetracht der Tabellensituation dringend gebraucht wurden, auch wenn wir mit Rostock damit wenig gastlich umgingen.

Dann Remis bei Robert. 5,5:0,5. Robby war nach der Partie ziemlich angefressen, da er sich zwischenzeitlich auf der Gewinnerstraße sah und wohl auch war. Außerdem erhielten dadurch seine Normbestrebungen einen Rückschlag. Alles gute Gründe, sauer zu sein.

Blieben noch Nazar und Christian.

Bei Nazar hatte ich inzwischen Sorge, ob diese Partie tatsächlich noch im Remishafen landen würde. Der Gute stand mittlerweile schon fast mit dem Rücken zur Wand. Doch er schaffte es dann doch gerade rechtzeitig das Turmendspiel in ein remisliches Damenendspiel zu transformieren. 6:1.

Christian schien derweil seine Stellung verbessert zu haben. Zumindest hatte er inzwischen einen Bauern mehr. Die Partie würde aber wohl noch etwas länger dauern.

Damit blieb genügend Zeit, die Wochenendabrechnung zu machen.

Um 16.00 Uhr erspielte sich Christian dann endlich eine klare Gewinnstellung. Allerdings musste er erst noch ein bisschen Arbeit investieren, bevor das Endergebnis 7:1 tatsächlich feststand.

Brett Rostock ELO Titel 1 : 7 SFK ELO Titel
1 Tomczak, Jacek 2560 GM 0 : 1 Romanov, Evgeny 2642 GM
2 Brynell, Stellan 2459 GM 0 : 1 Fier, Alexandr 2589 GM
3 Szelag, Marcin 2456 IM 0,5 : 0,5 Firman, Nazar 2458 GM
4 Rudolf, Henrik 2357 FM 0 : 1 Zaragatski, Ilja 2472 GM
5 Tomczak, Rafal 2374 FM 0 : 1 Siebrecht, S. 2463 GM
6 Becker, Michael 2321 FM 0,5 : 0,5 Ris, Robert 2427 IM
7 Ackermann, H. 2287 FM 0 : 1 Scholz, Christian 2344 IM
8 Jeske, Eckhard 2165 - 0 : 1 Thesing, Matthias 2308 IM

Damit hatten wir einen großen Schritt in Richtung Klassenerhalt geschafft. Allerdings warten im neuen Jahr noch große Aufgaben auf uns. Derzeit 13. Tabellenplatz mit 5 Mannschaftspunkten.

Der Parallelkampf endete übrigens mit einem knappen Sieg für Dortmund.

Fotos von Bruno Müller-Clostermann:

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Nichts ist schwieriger im Schach, als von zwei anscheinend gleich guten Zügen den stärkeren, der häufig der einzig richtige ist, herauszufinden.

Dr. Siegbert Tarrasch

Schachaufgabe

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