Hoch im Norden

Geschrieben am 24.03.2012 von Ulrich Geilmann

Bundesligawochenende in Hamburg

von Gastkommentatorin Heidi Saller

Eine Münchnerin in Hamburg! Quasi im Himmel! Ich schwärme ja bekanntlich für den hohen Norden; auch wenn man hier ab und zu auf den Seehund kommt! An der Nooordseeküstäää, am plattdeutschen Strand, sind die Fiiiische im Wasser und seltäään an Land!

Die Hansestadt hat viel zu bieten. Zum Beispiel den HSV, der sich allerdings in der Fußballbundesliga momentan genauso wie der HSK in der Schachbundesliga auf Glatteis befindet.

Wir hatten uns in einem Hotel eingemietet, in dem man „auch mal problemlos übernachten kann“, wie auch unser Klaus Bischoff bemerkte. Der Aussage schließe ich mich an, denn wir Katernberger benötigen ja keine Luxus-Jause, um Stimmung aufkommen zu lassen, oder?!

Es macht Sinn, vor Ort zu essen, um nicht noch Umwege und Zeitverluste in Kauf nehmen zu müssen. Man hatte uns sogar in einem Extraraum des Restaurants einquartiert. Dort war auf vielen Bildern die Geschichte des Bierbrauens dargestellt. Man sieht: Völkerverständigung beginnt beim Bier im Hofbräuhaus. Hopfen und Malz – Gott erhalt’s! Oans, Zwoa, Gesuffa!

Allerdings wurden wir vorsorglich auf eine ½ Stunde Wartezeit hingewiesen. Als dann alle eingetrudelt waren, stand dann tatsächlich schon mal die Suppe auf dem Tisch;  hatte zwar keine bestellt, war aber trotzdem echt lecker!

Wie immer gab’s nette Anekdoten und viel zu lachen. So berichtete zum Beispiel unser Igor Glek, dass er gerne irgendwann einmal Deputierter im russischen Parlament werden möchte, was wiederum Klaus Bischoff zu der launigen Bemerkung veranlasste, dass er dann aufpassen müsse, nicht auch noch zum Deportierten zu werden.

Wie auch immer. In der Mensa der Signal-Iduna-Versicherung ging’s dann am Samstag erstmal gegen die starken SF Berlin. Ein Prestigeduell. Die 1:7 Niederlage aus dem Jahre 2010 schmerzt immer noch. Das 4:4 des Vorjahres konnte da nur unzureichend ausgleichen.

Teamchef Ulli Geilmann hatte die Devise ausgegeben, dass der aktuelle Tabellenstand um jeden Preis zu halten sei, um das bislang nahezu perfektes Saisonergebnis zu bestätigen. Aber der Ulli hatte auch Sorgen, da er diesmal nur mit Mühe eine schlagkräftige Truppe aufstellen konnte. Das zeichnete sich aber schon in der Winterpause ab. So hatten Andrei Volokitin, Yurij Kryvruchko, Kateryna Lahno, Robert Fontaine, Vladimir Nikoleijewich Chuchelov, Sebastian Siebrecht, Sarah Hoolt und Ilja Zaragatski andere Verpflichtungen. Keine wirklich guten Vorzeichen, aber man würde ja sehen:

SF Berlin-SF Katernberg
Melkumyan - Negi
Kraemer - Bischoff
Antoniewski - Firman
Lauber - Kotainy
Schneider - Glek
Polzin - Thesing
Thiede - Ris
Abel - Dr. Scholz

Wie zu erwarten standen wir im Elovergleich wieder mal hinten. Doch wir hatten andererseits schon oft in dieser Saison gezeigt, dass uns das eher anspornt.

Aus der Eröffnungsphase stach lediglich die sizilianische Abtauschorgie der Partie Polzin – Thesing heraus, die mit merkwürdigen Stellungs- und Materialverhältnissen verblieb. Das musste man weiter beobachten. Bemerkenswert war auch die Igelstellung von Klaus Bischoff. In Kennerkreisen heißt diese Eröffnung ja übrigens auch Hippopotamus- oder Nilpferd-Variante; nicht, weil sie so genügsam wäre, sondern weil der Schwarze hier aus einer gesicherten Stellung kräftig zubeißt.

Pünktlich um 15 Uhr traf dann auch der Katernberger Fanbus ein und brachte gutgelaunte Gäste mit. Das war wirklich eine gelungene Überraschung!

Danach hatte ich erstmal einen Hunger. Nachdem es aber zunächst nix Besonderes zum Essen ned gab, wollte ich mich wenigstens auf die Backwaren stürzen. Aber zu meinem Pech fand ich da nur Nusskuchen, den i aba zwengs meiner Allergie ja ned essen deaf. Hätte mich nur umgebracht! Launiges Zitat des Teamchefs: „Naja… ein bisschen Schwund ist immer!“ Tja, so san’s de Preußischen Pott-Prinzen!

Nach der 2. Spielstunde hab ich mich erstmal in Nazar seine Partie vertieft, der seinen Gegner offenbar einschnüren, verpacken und nach Berlin zurück schicka wollt´. Überdies öffnete Parimarjan kurz die Schleusen am Königsflügel und erspielte sich einen Materialvorteil.

Derweil verpasste Igor seinem Gegner Ilja Schneider auf dem Damenflügel zunächst einen Doppelbauern, der eine strukturelle Schwäche dargestellt, die man ja gerne mal so anrempelt. Hielt aber nicht lange und die Stellung sah remislich aus. Der Schneider Ilja hatte übrigens ein nettes T-Shirt an. Erst auf den zweiten Blick sah man, dass es nicht etwa das Konterfeil von Wladimir Iljitch Lenin trug, sondern ein Stromberg-Profil! Allerliebst!

Also im Moment sah alles doch wirklich gut aus, so dass ich mich fragte, ob das vorher prognostizierte Wunschergebnis des Teamchefs (4:4) nicht ein wenig zu pessimistisch war.

Um 17 Uhr galt es, eine weitere Zwischenbilanz zu ziehen. Alle Partien liefen noch, aber das Bild hatte sich leicht gewandelt:

Am 1. Brett konnte Parimarjan einen deutlichen Materialvorteil gegen den Aronian-Schüler Melkumyan verbuchen, wenngleich die Stellung nicht einfach war.

Klaus stand etwas schlechter, zumal sein Gegner mittlerweile einen zentralen Freibauern hatte.

Nazar gewann zwischenzeitlich die Qualität. Vermutlich Gewinnstellung.

  • Mein Jens, der kürzlich den 3. Platz bei der Deutschen Einzelmeisterschaft und sich eine weitere IM Norm erspielt hatte, stand wie immer sehr ambitioniert. Die Materialverhältnisse waren allerdings… äh… wild!
  • Die Partie von Igor stand aufgrund ungleicher Läufer irgendwo auf Remis. Gleichwohl konnte vielleicht sein Freibauer was ausrichten.
  • Matthias hatte inzwischen Material eingebüßt. Seine Remischancen schwanden zusehends.
  • Robby Ris stand auf Remis.
  • Christian, der übrigens heute im Prinzip ein Heimspiel hatte (er arbeitet als Mathematiker beim Eigentümer des Spiellokals), war etwas zerknautscht. Entschieden war aber noch nichts.

Was würde die Zeitnotphase bringen? Zunächst lief alles wie prophezeit: Als erster erspielte sich Robert das bereits vorausgesagte Ergebnis. (0,5:0,5).Nach der Partie gratulierte der Teamchef mit einem breiten Grinsen und nicht ganz Ernst gemeint: „Oh, haven´t I told you? Draw-players will be executet!“ Frei übersetzt: „Fein gemacht – du wirst gleich umgebracht!“ Irgendwie schien der Ulli heute morbid drauf zu sein. Oder war das eine Vorahnung, dass der Tag heute vielleicht nicht ganz so optimal verlaufen sollte, wie wir uns das gewünscht hatten?

Sei’s drum: unserm Thesing Hias gelang etwa zur gleichen Zeit jedenfalls a gloans Wunda, in dem er dem Gegner ein Remis abtrotzte. (1,0:1,0). Gleichzeitig verlor aber unser Dokta die Qualität. Im höheren Sinne glich dies wiederum Nazar mit einem mustergültig herausgespielten Sieg aus. (2,0:1,0). Parallel dazu schien sich Klaus  Bischoff von seinem Stellungsschnupfen zu erholen. Wie immer also ein „aufi und obi“.

Kurz danach kam dann allerdings ein Berliner Uppercut, dem zunächst Christian (2,0:2,0), dann Jens (2,0:3,0) und schließlich auch noch Klaus zum Opfer fielen. (2,0:4,0).

Das war mehr bitter, denn Parimarjan stand zwar immer noch auf Gewinn, aber bei Igor war kein voller Punkt mehr in Sicht.

Danach passierte ewig lange nichts mehr. Erst als um 19.30 Uhr unser kleiner Inder gewann, konnte man wirklich noch mal ein Fünkchen Hoffnung auf ein gutes Ende haben. (3,0:4,0).

Fighting Igor versuchte dann buchstäblich alles, um das Blatt doch noch irgendwie zu wenden. Aber leider passte es dann doch nicht zum Gewinn. Das vom sympathischen Ilja Schneider clever heraus gespielte Remis sicherte Berlin den Sieg. (3,5:4,5). Ich bin zwar tieftraurig, aber trotzdem nochmals Glückwünsche nach Berlin!

SF Berlin4,5 : 3,5SF Katernberg
Melkumyan 0 : 1 Negi
Kraemer 1 : 0 Bischoff
Antoniewski 0 : 1 Firman
Lauber 1 : 0 Kotainy
Schneider ½ : ½ Glek
Polzin ½ : ½ Thesing
Thiede ½ : ½ Ris
Abel 1 : 0 Dr. Scholz

Naja. Das Teamdinner war natürlich etwas gedrückt. Igor analysierte die ganze Zeit, aber nur um zu erkennen, dass es offensichtlich doch keinen Gewinnweg mehr gab. Tja, zumindest konnten wir an diesem Tag trotzdem erstmal den 5. Tabellenplatz halten. Insofern hatte das Team den Metaarbeitsauftrag seines Mannschaftsführers ja doch irgendwo erfüllen können.

Am Sonntag stand dann unser freundlicher Gastgeber auf dem Programm. Zum HSK pflegen wir ja wirklich freundschaftliche Beziehungen. Gleichwohl konnten wir noch nie gegen den Hamburger Traditionsclub um den agilen Christian Zickelbein gewinnen. Auch im letzten Jahr gab’s einen knappen Verlust.

In Hamburg kursierte in diesem Jahr das Abstiegsgespenst. Doch mit dem knappen Sieg gegen unseren Reisepartner am Vortage war dieser Albtraum sicher vom Tisch gewischt. Entsprechend selbstbewusst änderte Mannschaftsführer Reinhard Ahrens die Aufstellung. Der Endspielgott Dr. Karsten Müller setzte aus. Für ihn kam Thies Heinemann ins Spiel. Dabei heißt es doch: never change a winning team!? Wie auch immer: es würde ein harter Fight gegen den klaren Elofavoriten werden.

SF Katernberg-Hamburger SK
Negi - Wojtaszek
Bischoff - Ghaem Maggami
Firman - Zherebukh
Kotainy - Hansen
Glek - Huschenbeth
Thesing - Ftacnik
Ris - Rogozenco
Dr. Scholz - Heinemann

Nach einer kurzen Rede von Christian Zickelbein, eröffnete der souverän agierende Schiedsrichter Hugo Schulz um 10.00 Uhr den Reigen.

In der Eröffnungsphase lief zunächst nur die Partie am Spitzenbrett etwas merkwürdig. Parimarjan konnte mit Schwarz ein fast schon zu verlockendes Scheinopfer mit Bauerngewinn anbringen. Aber bei genauerem Hinsehen offenbarte sich aber die strategische Idee des weißen Manövers. Unser Vorzeigeinder war schnell gezwungen, wieder den Rückwärtsgang einzulegen. Allerdings nur, um kurze Zeit später wieder nach Vorne zu marschieren. Man fühlte sich unwillkürlich an die Schlacht von Canae erinnert, als der Karthager Hannibal die Römer vernaschte. Bloß war es diesmal ein Inder gegen einen Polen und es war völlig unklar, wer jetzt eigentlich Hannibal war.

Später bekam allerdings auch Robby ernste Probleme, die ihm aufgrund einer zunächst etwas schlapp anmutenden Spielführung wohl nicht nur die Qualität kostete. Matthias ließ sich ebenfalls von den Stellungskrankheiten seiner Kompanie anstecken und erlaubte seinem Gegenspieler Lubomir Ftacnik einen gedeckten Springer ohne Gegenwehr nach d3 zu spielen. Zu vergleichen mit einem Tritt in die Weichteile beim Taekwondo. Tat auf jeden Fall weh!

Die Begegnung begann also nicht verheißungsvoll, wobei allerdings der Jens moi wieda wia d´Feuerwehr unterwegs war. Und auch der Igor stand nicht so schlecht. Sein Gegner hatte einen seiner Bauern keck in sein Lager geführt und den belagerte er jetzt mit seinen Schwerfiguren. Er müsste ihn halt nur gewinnen, dann… Der Rundgang um 13.00 Uhr ließ mich dann allerdings auch bei Christians Partie mit einem Fragezeichen zurück. Da hatte sich zwischenzeitlich ebenfalls ein Schwerfigurenendspiel entwickelt; nur leider mit einem Bauern weniger für den lieben Dokta. Überdies bekam Nazar ernste Stellungs- und Zeitprobleme. Hingegen schien sich Klaus strukturell zu verbessern.

Als ersten erwischte es dann Nazar nach einer völligen taktischen Fehleinschätzung. Sein ukrainischer Landsmann brachte ihn mit einem brutalen Damenopfer zu Fall. (0:1). Passiert unserem Schachcowboy ja eigentlich nur selten.

Doch danach wurde uns allen klar, dass das jetzt ein böser Nachmittag werden würde. Den nächsten Todesstoß mussten wir dann postwendend beim Hias hinnehmen; aber der Stand ja eh schon die ganze Zeit wie ein Schluck Wasser in der Kurve. (0:2). Manno!

Es folgte eine Punkteteilung bei Parimarjan nach taktischen Verwicklungen. (0,5:2,5). Und selbst mein anderer Hoffnungsträger, der Jens, spielte nur Remis (1,0:3,0). Auch beim Klaus war lediglich ein glückliches Unentschieden drin. (1,5:3,5). Irgendwie gingen uns jetzt so langsam aber sicher die Ressourcen aus!

Okay. Nach der Zeitkontrolle war mal wieder ein Kassensturz angesagt:

  • Igor: Turmendspiel mit minimalem Vorteil,
  • Robby: steht ziemlich platt und
  • Christian: Turmendspiel mit minimalem Nachteil.

Nun, man musste der Wirklichkeit ins Auge sehen. Wir wurden praktisch ohne Gegenwehr zu Hundesfutter  verarbeitet. Auch der Teamchef war enttäuscht: „Das war gar nix!“

Kurz danach machte dann erwartungsgemäß Rogozenco den Sack beim Robby zu. (1,5:4,5). Die restlichen Partien wurden daher fortan praktisch nur noch für die individuelle Statistik der beteiligten Spieler ausgetragen. Insoweit war das Remis bei Christian (2,0:5,0) und das weitere Unentschieden von Igor (2,5:5,5) wirklich nur noch Makulatur.

Katernberg2,5 : 5,5Hamburger SK
Negi ½ : ½ Wojtaszek
Bischoff ½ : ½ Ghaem Maggami
Firman 0 : 1 Zherebukh
Kotainy ½ : ½ Hansen
Glek ½ : ½ Huschenbeth
Thesing 0 : 1 Ftacnik
Ris 0 : 1 Rogozenco
Dr. Scholz ½ : ½ Heinemann

Ende des bösen Spiels. Glückwünsche an den HSK!

Hoffen wir mal, dass das in der letzten Runde gegen Remagen und Solingen noch was wird! Der Saisonabschluss muss einfach gelingen!

Ach so: bei der direkten Konkurrenz lief es auch ned vui besser, so dass Katernberg trotz der Nullnummern tatsächlich immer noch den 5. Platz hält. Weisungsgemäß – sozusagen. Des is allerdings kaum zu glauben. So aan Dusel.

Wär schön, Euch dann alle in Mülheim zu sehen!

Eure Heidi Saller!

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Man muss über große Geistesgegenwart verfügen, um nicht gleich nach der Beute zu haschen, sondern dies erst nach ein paar starken Vorbereitungszügen zu tun.

Rudolf Spielmann

Schachaufgabe

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