Licht und Schatten

Geschrieben am 26.10.2008 von Bernd Rosen

Jugendweltmeisterschaft in Vietnam

Jesusstatue Vung Tau

Der spielfreie Tag bot Gelegenheit, etwas näher Bekanntschaft mit dem Land des Ausrichters zu schließen: Eine Stadtrundfahrt in Vung Tau und der nachmittägliche Marktbesuch hinterließen zwiespältige Eindrücke bei mir - ebenso wie die 7. Runde, die für meine Schützlinge sehr unterschiedliche Resultate brachte: Filiz ist nach einem weiteren Sieg bis auf einen halben Punkt an die Führenden herangerückt, Jonathan schlug in überzeugender Manier einen ELO-starken Russen und die 8jährige Nadja zerlegte präzise einen Stonewallaufbau ihrer vietnamesischen Gegnerin (was für Eröffnungen bringen die den Kindern nur bei?). Doch Jens büßte mit einer Niederlage aus Gewinnstellung heraus seine Chancen ein, ganz vorne zu landen - entsprechend geknickt war er anschließend.

Haben wir den freien Tag genutzt, um himmlischen Beistand anzurufen? Fast könnte man es annehmen, denn im Mittelpunkt unserer mit Spannung erwarteten Stadtrundfahrt standen ausgerechnet eine Jesusstatue und eine Kirche – und dafür waren wir extra früh aufgestanden, um vor der Abfahrt um 8:30 noch frühstücken zu können. Dass sich der Aufbruch dann um fast 2 Stunden verschob, machte die Sache auch nicht besser. Immerhin gelang es unserem „Hirten“ Hartmut Jorczik auf diesem Kurztrip mühelos, all seine Schäfchen beisammen zu halten.

Jesusstatue Vung Tau (2)Dass die Jesusstatue auf dem Programm der Rundfahrt stehen würde, hatte ich mir schon gedacht. Die wurde laut meinem Reiseführer Anfang der 70er Jahre von reichen Katholiken aus Saigon errichtet, vermutlich um die US-Flotte (!) zu segnen. Das Ding thront auf einem Hügel, ist 28 Meter hoch und überragt alles in der Umgebung. Mich hätte es nicht gewundert, wäre dieses Monument nach dem Abzug der Amerikaner in Schutt und Asche gelegt worden. Aber die pragmatischen Vietnamesen machen eine begehbare Touriattraktion daraus, mit Souvenirläden, fliegenden Händlern und dem vollen Nepp-Programm. Und zu Hause wird sorgfältig die Höhe jeder geplanten Moschee unter die Lupe genommen...! Auf dem Foto ist im Vordergrund der Opa von Jonathan Carlstedt zu sehen, der leichtfüßig wie eine Bergziege die zahlreichen Stufen zur Statue erklomm – ich konnte gerade noch hinterher hecheln und ein Beweisfoto schießen. Der größte Teil unserer Gruppe verweigerte sich angesichts der tropischen Temperaturen dieser sportlichen Herausforderung.

Dennoch bot die Rundfahrt durch Vung Tau einige interessante Einblicke. Als wir die auf hunderten Metern zum Trocknen ausgebreiteten Fische passierten, verstanden wir zum Beispiel, warum hier viele Einheimische einen Mundschutz tragen – es stank schrecklich nach Fisch. Das hinderte den abgebildeten Vertreter einer Spezies mit wesentlich empfindlicherem Riechorgan jedoch nicht, einmal genauer zu untersuchen, welche Leckerlis dort angeboten wurden!

Hafen von Vung TauAm Nachmittag erhielten Thomas Pähtz und ich im Turnierbüro neue Ausweise, die mit einem „B“ gekennzeichnet sind: Nun dürfen wir auch in den Turniersaal, was bisher nur unserem Delegationsleiter Hartmut Jorczik vergönnt war. Vom Turnierbüro aus hat man einen schönen Blick auf den Hafen.

Anschließend besuchten wir noch den in der Nähe liegenden Markt, auf dem man so ziemlich alles kaufen kann (aber nicht unbedingt will). Eine ermüdende Angelegenheit, offensichtlich nicht nur für die Kunden:

Unschwer feststellen konnten wir auch, dass es in Vietnam wohl keinen Tierschutzverein gibt. Käfighaltung auf asiatisch!

Ob die angebotenen T-Shirts wirklich alle von Hand genäht sind? Wohl kaum, aber kleine Änderungen werden sofort erledigt.

Markthalle Vung TauArtgerechte Haltung?Markthalle Vung Tau (2)

Markthalle Vung Tau (3)Und Klamotten kaufen ist offensichtlich auch in Vietnam eine Angelegenheit, für die sich vor allem die Frauen erwärmen können:

Am Abend gab es dann noch einen Folkloreabend, bei dem die Gastgeber sich laut Hartmut Jorczik noch einmal übertroffen haben. Auch diese Veranstaltung wurde live im Fernsehen übertragen, die unvermeidlichen Schönheitsköniginnen waren ebenfalls wieder da, Künstler von nationalem Rang traten auf, perfekte Bühnenshow usw. usf. Ich musste leider meinen Überstunden in den Nächten zuvor Tribut zollen, der Schlafmangel trieb mich in Morpheus' Arme, so dass ich mich auf diese kurzen Stichworte aus zweiter Hand begnügen muss.

Heute ging es dann wieder mit Schach weiter, und ich bekam einmal mehr bestätigt, dass die Erlaubnis sich während der Partien im Turniersaal aufzuhalten ein zweifelhaftes Privileg ist. Vor allem Filiz Osmanodja machte sich das Leben wieder schwer. Aus der Eröffnung kam sie mit deutlichen Vorteilen, wollte zu viel, berechnete unnötige Taktik und hatte um den Zug 25 herum nur noch 58 Sekunden – plus 30 Sekunden für jeden Zug, den sie noch auszuführen schaffte. Jens Kotainy fand gegen den Verzweiflungsangriff seines georgischen Gegners nicht das richtige Rezept und war untröstlich ob seiner Niederlage. Aber Julian Jorczik und Maximilian Berchtenbreiter, der hier ganz groß aufspielt, schafften klar herausgespielte Siege und liegen mit jetzt mit 5 Punkten wieder gut im Rennen. Jonathan Carlstedt spielte mit den weißen Steinen den Russen Anton Klimov (ELO 2451!) in Grund und Boden, Hans Möhn, Sonja Maria Bluhm, Sophia Schmalhorst und zu guter Letzt auch Filiz Osmanodja siegten ebenfalls. Filiz liegt jetzt auf Platz 4, hat nur noch einen halben Punkt Rückstand auf die beiden Führenden Mo Zhai (China) und Warda Aulia Medina (Indonesien) – morgen spielt sie an Tisch 2 gegen die Indonesierin (live im Internet auf der Turnierseite wycc2008.vietnamchess.com).

HartmutJorczik mit Sr. Rodriguez

Am Rande der WM gibt es natürlich unzählige Begegnungen mit Schachspielern und Schachinteressierten aus aller Welt. Bei dem hier so engagiert argumentierenden Herrn handelt es sich um Sr. Luis Fernando Rodriguez aus Kolumbien, der mit seiner Tochter Paula Andrea nach Vietnam gekommen ist. Die liegt übrigens bei den U12 Mädchen gleichauf mit Filiz und konkurriert mit ihr um den Titel. Vater Luis Fernando zeigte sich brennend interessiert am Thema Schulschach, da er weder Englisch noch Deutsch, ich jedoch kein Spanisch spreche, übersetzte unser Delegationsleiter Hartmut Jorczik, dessen Ehefrau aus Kolumbien stammt.

Weitere Fotots: Fotogalerie Vietnam

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Wer sich die Fähigkeit anerziehen will im Schach selbstständig zu denken, der muss alles meiden, was leblos ist: ausgeklügelte Theorien, die sich auf sehr wenige Beispiele und eine Menge Hirngespinste stützen.

Dr. Emanuel Lasker

Schachaufgabe

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