Mülheim

Geschrieben am 02.02.2009 von Ulrich Geilmann

Ulrich Geilmann

Wenn man gegen die aktuelle Meistergarde der Bundesliga antreten muss, kann man dem Grunde nach nichts verlieren. Insofern konnte an diesem Wochenende eigentlich auch nichts schief gehen. Daher konnte sich Katernberg diesmal leisten, locker ins Rennen zu gehen. Die Mannschaft trat deshalb am Samstag auch ziemlich entspannt gegen den SC Eppingen an.

Eppingen hat bisher eine wirklich tolle Saison hingelegt und wollte so weiter machen! Ich war also gespannt, ob wir unseren süddeutschen Schachfreunden ein Bein stellen würden, zumal wir die letztjährige Begegnung erfolgreich gestalten konnten. Unsere stets sympathisch und angenehm bescheiden auftretenden südwestdeutschen Schachfreunde hatten jedenfalls groß aufgefahren und entfalteten eine durchaus deutliche Eloübermacht:

Braun-Chuchelov
Arik Braun - Vladimir Chuchelov

Unser allseits beliebter GM Vladimir Chuchelov spielte am Spitzenbrett mit Schwarz gegen GM Arik Braun. Es folgten die Begegnungen IM Nazar Firman - GM Csaba Balogh, GM Zoltan Gyimesi - GM Igor Glek, IM Christian Seel - GM Falko Bindrich, GM Robert Ruck - IM Sebastian Siebrecht und IM Georgios Souleidis - GM Peter Acs. Die Nachhut bildete GM Zoltan Medvegy - IM Matthias Thesing und IM Dr. Christian Scholz - GM Namig Guliyev. Ein interessanter Nachmittag bahnte sich an, zumal die äußeren Rahmenbedingungen wie immer in Mülheim gut waren und die illustre Zuschauerkulisse stimmte!

Zuschauer

Während sich im Nebenraum interessante Gespräche über die Gegenwart und Zukunft der Schachbundesliga entsponnen und im Rahmenprogramm interessante PowerPoint-Präsentationen vorgetragen wurden, werkelten unsere Spieler unverkrampft und munter an ihren Eröffnungen. Keine Zeitprobleme. Keine Einsteller. Eitel Sonnenschein. Alles lief gut. Ich war zufrieden.

Mein Rundgang nach der 1. Spielstunde zeigte ein durchaus noch ausgeglichenes Bild; nur Matthias schien etwas Probleme zu haben. Sein Gegner hatte seine Figuren auf den Königsflügel ausgerichtet und drückte zugleich etwas unangenehm auf einen entstandenen Isolani.

Bei Sebastian hatte ich hingegen das Gefühl, dass der durch seinen Spielpartner inszenierte Angriff auf der h-Linie beherrschbar sein würde. Jedenfalls schien Sebastian bei seinen kurzen Rundgängen ganz optimistisch zu sein, zumal der gegnerische König noch im Zentrum festsaß. Die Stellung war allerdings nicht ohne Gift. Sie glich einem Balanceakt am Abgrund. Ein falscher Schritt konnte der Letzte sein.

Kurz danach überraschte Christian Scholz mit einem netten Figurenopfer. Er bot einen Springer an (den sein Gegner natürlich nicht wirklich schlagen konnte ohne seine Königsstellung empfindlich zu kompromittieren) und erzielte so einen durchaus respektablen Stellungsvorteil. Allerdings war hier sein doch vergleichsweise hoher Zeitverbrauch ein kritischer Faktor.

Während dessen ging Nazar spazieren. Sein Gegner vergrub sich derweil in die Stellung. Was angesichts der doch sehr nach Theorie riechenden Position etwas überraschend war.

Image

Nach der 2. Stunde das etwa gleiche Bild: Igor hatte sich inzwischen satt gegessen und begann mit operationalen Manövern auf dem Königsflügel. Christian Seel schien sich auch nicht unwohl in seiner Stellung zu fühlen und während Georgios sich noch in einem leicht besser stehenden Mittelspiel bewegte, leitete Vladimir Nikolaijewitsch schon nonchalant in ein offenbar mehr oder weniger problemloses Endspiel über. Sah alles jetzt nicht ganz so schlecht aus.

Nach gut und gerne 2-3/4 Stunden verdüsterte sich allerdings Sebastians Stellung binnen weniger Züge. Ruck hatte zwischenzeitlich seine Schwerfiguren auf dem Königsflügel konzentriert und drohte, mit vereinten Kräften auf der h-Linie einzubringen. Das sah mehr als unschön aus, zumal dem schwarzen König die wirklich sicheren Rückzugsfelder fehlten. Alle sahen es kommen, nur Sebastian offenbar nicht. Statt vielleicht doch noch zu versuchen, mit dem König zu fliehen, zog er einen Turm aus der Deckung und stand plötzlich vor einem totalen Scherbenhaufen. Ein herber Rückschlag. (0:1).

Der übliche Rundegang in der 3. Stunde ließ mich allerdings wieder mit etwas mehr Optimismus zurück. Nazar schien endlich in eine Position zu kommen, die seinem angriffslustigen Naturell entsprach und die mittlerweile entstandene Endspielstellung von Christian Scholz sah verheißungsvoll aus. Bei den übrigen Partien hatte sich nach meiner (zugegeben oberflächlichen) Beurteilung im Prinzip nichts verändert. Der Kampf war also immer noch offen, wobei meiner Meinung nach die absolut gediegene Partieführung von Georgios heraus stach. Suspekt waren mir allerdings die inzwischen entstandenen Materialverhältnisse bei Matthias. Nun gut. Willy Rosen "beruhigte" mich dann allerdings mit der Analyse, dass das wohl die beste Chance gewesen wäre, die Stellung überhaupt noch zu halten. Wie feinfühlig und aufbauend er doch manchmal sein kann!

Das erste Remis des Tages erfolgte nach 3-3/4 Stunden zwischen Christian Seel und Falko Bindrich. (0,5 : 1,5). Die erbetene Zustimmung wäre mir natürlich viel leichter gefallen, wenn wir schon irgendwo konkret gepunktet gehabt hätten; doch insgesamt gesehen ging die Punkteteilung wohl in Ordnung, auch wenn Christians Läuferpärchen vielleicht leichte Stellungsvorteile generierte.

Gleichwohl ging's in der 4. Stunde erstmal mit zwei Verlustpartien weiter. Matthias konnte dem Druck seines Gegners nicht mehr standhalten. Alles Aufbäumen half nichts. Die Dame ist eben in der Regel doch stärker als Turm und Springer! (0,5:2,5).

Total überraschend war allerdings, dass auch Igor schlicht weg zusammenbrach. Dabei hatte er zwischenzeitlich so gut gestanden! Das Bauernendspiel war nach einem sicher zweifelhaften Durchbruchversuch aber dann doch nicht mehr zu halten. (0,5:3,5).

Unser saisonbezogenes Duselkonto schien offensichtlich aufgebraucht zu sein. Es ist halt doch nicht so leicht, den Verlauf eines Bundesligakampfes wirklich treffend vorherzusehen. Ein Restrisiko bleibt immer und sich jetzt noch Sorgen machen zu wollen, war irgendwie auch nicht mehr angebracht.

Georgios Souleidis
Georgios Souleidis - Peter Acs

Georgios konnte danach allerdings einen guten Jahresendvorsatz in die Tat umsetzen. Er wollte nämlich endlich mal wieder gegen einen Großmeister gewinnen. Und so überspielte er Peter Acs denn auch mustergültig. (1,5:3,5). Ich war sehr stolz auf ihn.

Das Remis, das Vladimir kurz danach beisteuerte, machte die Katernberger Lage aber eben nicht einfacher. Er hatte die Punkteteilung zwar noch vor einigen Zügen abgelehnt, doch zu gewinnen war sein Endspiel aber trotzdem nicht. (2,0:4,0).

Zu diesem Zeitpunkt zweifelte eigentlich niemand mehr daran, dass dieser Kampf verloren war. Die Partie von Christian Scholz schien nach wechselvollem Spiel ins Remis zu münden und Nazar hätte schon 2 Punkte machen müssen, um das Blatt noch zu wenden.

Dr. Christian Scholz
Dr. Christian Scholz

Christian spielte dann so wie erwartet. Das Remis war hart erkämpft und gerecht. (2,5:4,5). Damit machten unsere Eppinger Freunde endgültig den Sack zu! Die Partie von Nazar endete schließlich nach einer absolut präzisen Endspielbehandlung unseres Gardemeisters mit einem grandiosen Sieg. Die Partie lern ich auswendig und zeig sie später meinen Enkeln! (3,5:4,5).

Hier noch einmal die Einzelergebnisse in der Gesamtschau:

Brett SF Katerberg 3,5 : 4,5 SC Eppingen
1 GM Vladimir Chuchelov ½ - ½ GM Arik Braun
2 IM Nazar Firman 1: 0 GM Csaba Balogh
3 GM Igor Glek 0 : 1 GM Zoltan Gyimesi
4 IM Christian Seel ½ : ½ GM Falko Bindrich
5 IM Sebastian Siebrecht 0 : 1 GM Robert Ruck
6 IM Georigios Souleidis 1 : 0 GM Peter Acs
7 IM Matthinas Thesing 0 : 1 GM Zoltan Medvegy
8 IM Christian Scholz ½ : ½ GM Namig Guliyev

Nochmals meine herzlichen Glückwünsche nach Eppingen!

Am Abend besuchten wir dann noch unseren Mülheimer Stammitaliener "Don Peppino" zum gemeinsamen Abendessen. Die abendlichen Gespräche waren diesmal allerdings von eher ernsterer Natur, da die augenblickliche Wirtschaftskrise weder spurlos an den Vereinen noch an der Schachbundesliga vorbei geht.

Mein Abend endete danach im Hotel Handelshof. Ich hatte mich dort wie üblich auf eigene Kosten einquartiert, damit die Jungs nicht so alleine waren und mir die zweimalige An- und Abfahrt erspart blieb; außerdem frühstücke ich doch so gerne Eier mit Speck!


Nach einer überraschend erholsamen Nacht ging's dann am Sonntag gegen den OSG Baden-Baden, der sich am Vortage ein alles in allem glückliches 4 : 4 gegen unsere Mülheimer Schachfreunde erspielt hatte. Beide Mannschaften traten dabei allerdings relativ ersatzgeschwächt auf. Ein Blutzoll an die attraktiven Einladungsturniere der Weltschachszene, den auch wir zu beklagen haben.

Am nächsten Morgen hatte ich übrigens noch eine augenzwinkernde Unterhaltung mit Nazar. Wir überlegten, wie wir wohl die Motivation unserer Spieler weiter steigern könnten. Er kam schließlich auf die Idee, dass zukünftig jeder Partiegewinn mit einem netten Mädchen belohnt wird, das dann jeweils auf dem Hotelzimmer warten würde. Natürlich war ich aus moralischen Gründen strickt dagegen! Aber ich würde die Bedenken vielleicht zurückstellen können, falls auch der Teamchef von dieser Regelung profitiert. Ich werde das mal so dem Vorstand vortragen!

Während dessen suchte sich Georgios schon mal eine entsprechende Dame aus einem der üblichen Kataloge aus:

Georgios Souleidis

Da in der Regel halb NRW am Sonntag ebenfalls Schach spielt, war die Zuschauerkulisse nicht ganz so berauschend. Baden-Baden spielte in der Besetzung des Vortages (GM Alexei Shirov, GM Liviu-Dieter Nisipeanu, GM Etienne Bacrot, GM Arkadij Naiditsch, GM Peter Heine Nielsen, GM Rustem Dautov, GM Philipp Schlosser und GM Fabian Doettling) und auch ich hatte diesmal keine andere Wahl. Die Farben waren allerdings im Vergleich zum Samstag vertauscht.

Der erste Kontrollgang brachte keine besonderen Vorkommnisse; überall recht solide Partieanlagen. Naja... stimmt nicht ganz, denn die eine oder andere Eröffnungsbehandlung fand ich ja doch etwas merkwürdig. Etwas suboptimal für uns verlief allerdings auch die Stellungsentwicklung in der Partie Naiditsch - Seel. Christian ließ dabei einen zentralen Freibauern zu, den er von da an mit Argusaugen unter Kontrolle halten musste. Aber dafür stand zunächst Igor ganz gut, wobei sich später allerdings sein Turm hinter den feindlichen Linien zu verlaufen schien.

Matthias Thesing
Matthias Thesing

Nach der 2. Spielstunde endete die Partie Thesing - Schlosser mit einem verdienten Remis (0,5:0,5) und bei Siebrecht - Nielsen gab's ebenfalls eine Zugwiederholung (1:1).

Während dessen schaltete allerdings Nazar mit Schwarz gegen Nisipeanu auf Angriffsmodus; er gewann dabei zunächst die Qualität gegen zwei Bauern. Im Sinne der Kampfbalance war das aber auch dringend erforderlich, denn Igors Stellung sah nach seinem Turmausflug nicht mehr wirklich herzerfrischend aus. Bacrot hatte inzwischen einen starken freien Mehrbauern auf der a-Linie.

Die restlichen Partien gestalteten sich hingegen noch relativ ausgeglichen, wobei ich bei objektiver Stellungsbeurteilung insgesamt gesehen bereits hauchdünne Vorteile für Baden-Baden einräumen musste. Angesichts der eklatanten Eloübermacht der Gäste eigentlich keine Überraschung.

Ein paar Minuten später zeigte sich dann, dass ich zumindest Nazars Optionen etwas zu euphorisch eingeschätzt hatte. Das Remis ging allerdings trotzdem in Ordnung. (1,5:1,5).

Nach 2-3/4 Stunden richtete sich meine Aufmerksamkeit erstmalig auf die Partie Dautov - Souleidis. Hier öffnete sich die Stellung im Zuge eines verschachtelten Abtauschmanövers. Georgios konnte dabei zunächst sogar ein Bauernpaar einheimsen. Die danach entstandene Stellung war jedoch mehr als unklar. Die hereinbrechende 4. Spielstunde ergab nur noch bei der Partie Doettling - Scholz ausgeglichene Materialverhältnisse.

Igor und Vladimir (der mit Weiß gegen den stark aufspielenden Alexei Shirov spielte) mühten sich jeweils mit einem Minusbauern ab. Christian Seel hatte gegen Arkadij Naiditsch zu diesem Zeitpunkt im Gegensatz dazu zwar einen Agronomen mehr, doch stellte er leider kurz danach durch eine fatale Fehleinschätzung im Prinzip bereits die Partie weg.

Zwischenzeitig konterte Rustem Dautov gegen Georgios mit einem geschickt eingefädelten Qualitätsgewinn, was die örtlichen Materialverhältnisse praktisch wieder umdrehte und ihm einen nachhaltigen Stellungsvorteil sicherte. Womit wieder einmal bewiesen wäre, dass im Schach letztlich der Geist doch über der Materie siegt.

Igor Glek
Igor Glek

Kurz danach musste dann Igor die Waffen strecken. (1,5:2,5). Das war für ihn sicher kein sonderlich aufbauendes Wochenende, zumal er wohl auch in dieser Partie redliche Remischancen hatte. Ähnlich erging's dann auch schließlich Christian Seel (1,5:3,5).

Der sympathische Philipp Schlosser prognostizierte zu diesem Zeitpunkt bereits ehrlich bedauernd, dass Katernberg vermutlich jetzt wohl keinen weiteren Punkt mehr machen würde. Nun, mit einem hatte er zumindest schon Recht: Insgesamt gesehen sah es nun wirklich ziemlich traurig aus, zumal auch Christian Scholz einen wichtigen Bauern verlor.

Als erstes ereilte dann Georgios das Schicksal. Er konnte das drohende Matt nicht mehr abwenden. Der Kampf war damit entschieden (1,5:4,5). Später haderte er allerdings ein bisschen mit der Partie, in der er sich (vielleicht etwas zu selbstkritisch) als völlig chancenlos sah.

Auch Vladimir verlor schließlich nach einem Fingerfehler, obwohl er nach eigenem Bekunden im Prinzip eigentlich gar nicht mehr so schlecht gestanden habe. (1,5:5,5).

Um 15.22 Uhr war es dann amtlich. Nach zähem Widerstand gab Christian Scholz auch seine Partie auf. (1,5 : 6,5). Philipp Schlosser hatte Recht behalten! Ein wirklich rabenschwarzer Tag für Katernberg:

Brett OSG Baden-Baden 1,5 : 6,5 SF Katernberg
1 GM Alexei Shirov 1 : 0 GM Vladimir Chuchelov
2 GM Liviu-Dieter Nisipeanu ½ - ½ IM Nazar Firman
3 GM Etienne Bacrot 1 : 0 GM Igor Glek
4 GM Arkadij Naiditsch 1 : 0 IM Christian Seel
5 GM Peter Heine Nielsen ½ - ½ IM Sebastian Siebrecht
6 GM Rustem Dautov 1 : 0 IM Georigios Souleidis
7 GM Philipp Schlosser ½ - ½ IM Matthinas Thesing
8 GM Fabian Doettling 1 : 0 IM Christian Scholz

Baden-Baden gewann letztlich aber auch in der Höhe verdient. Herzliche Glückwünsche an den amtierenden Deutschen Meister!

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