Murphy's Wochenende

Geschrieben am 27.02.2013 von Ulrich Geilmann

Schachbundesliga in Bremen

Sie kennen das Theorem des amerikanischen Ingenieurs Edward A. Murphy? Bestimmt! Die Kurzfassung lautet: Alles, was schief gehen kann, geht schief! Wenn Sie also jemals eine praktisch schon gewonnene Partie verdorben haben, werden Sie genau wissen, was ich meine!

Murphy's Gesetz trifft allerdings genauso eine Aussage über Fehlerquellen in komplexen Systemen und ist daher fast auf alle Bereiche des menschlichen Lebens anwendbar. Kleines Beispiel gefällig? Natürlich! Sie können sich ja jetzt nicht dagegen wehren:

Welches Hin und Her im Vorfeld des Wochenendes mich von einer Verlegenheit in die nächste stürzte, das hier zu schildern würde jeden Rahmen sprengen. Nur so viel: Von privaten Schicksalsschlägen über anstehende Abiturprüfungen, eine profane Grippe und letztlich massive Visaprobleme war so ziemlich alles dabei, was das Herz eines Mannschaftsführers schwer machen kann. Stand Mittwoch, drei Tage vor dem Anstoß in Bremen, hatten wir exakt 7 einsatzfähige Spieler an Bord.

Ich tröstete mich erstmal mit einem Likör und der alten Operettenweisheit aus der Fledermaus von Johann Strauss: Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist!

Aber, mein Onkel Schorsch pflegte immer zu sagen: Und wenn Du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her! Für sein Leben hatte dieser Sinnspruch eine mehrfache Bedeutung, denn zum war sein Nachname tatsächlich Lichtlein und zum anderen hatte meine Tante ihn und die halbe Nachbarschaft nach einem großen Bombenangriff auf Würzburg im letzten Krieg mit bloßen Händen aus einem verschütteten Luftschutzbunker ausgegraben. Dafür gehört der alten Dame eigentlich posthum noch ein Orden verliehen! Aber ich schweife ab!

Jedenfalls sitz ich nun am Donnerstagvormittag in meinem grippeverseuchten Büro, als kurz nacheinander zwei höchst undienstliche Telefonate aufschlagen: Zunächst meldet sich Andrei damit, dass er gerade überraschend sein Visum erhalten habe und er daher (wenn noch erforderlich) am Freitag in Bremen sein könne. Und wie nötig das war! Dann, kaum 5 Minuten später, bimmelt Klaus an und teilt mit, dass er am Wochenende wohl doch spielen könne. Tiefes Durchatmen und erneute elektronische Nachricht ans Team: alles wieder auf Start!

Das ganze Hin und Her hatte natürlich auch jeweils Auswirkungen auf die Hotelbuchung, die ich (auch aufgrund immer wieder geänderter An- und Abreisedaten) mindestens sechsmal korrigieren musste. Die Rezeption wird sich daher vermutlich auch ihren Teil über diese Ruhrgebietschaoten gedacht haben!

Wie auch immer: am Freitag wollte sich zumindest ein Teil des Teams schon mal in der schönen Hansestadt Bremen zum traditionellen gemeinsamen Abendessen treffen. Geplant war, dass ich zunächst Ilja, der zurzeit an seiner Diplomarbeit bastelt, in Duisburg mit dem Auto aufgabele. Klaus und Christian wollten mit dem Zug anreisen. Andrei, Evgeny und Matthias sollten schließlich jeweils einzeln einfliegen. Am Samstag wollte dann Norbert Kotainy seinen Sohn Jens und Nazar, der ebenfalls bereits am Vortage mit dem Flugzeug in Dortmund ankommen und bei Bernd übernachten sollte, mitbringen. 

Soweit der Plan; ich hoffte nur, dass das auch so funktionieren würde, denn es war mal wieder winterliche Kälte und Schnee angesagt! Und bekanntlich geht ja schief, was schief gehen kann.

Freitagvormittag erste Entwarnung: Bernd simst mir Nazar's Ankunft. Die nächsten Positivmeldungen dann von Matthias: Er sei eben angekommen; zwar ohne Gepäck (das wollte die Lufthansa wohl noch kurzfristig nachliefern), aber dafür wäre sein Hotelzimmer immerhin deutlich größer als seine derzeitige Bleibe in Bukarest. Dabei ist anzumerken, dass unser Teamhotel in dieser Beziehung wirklich ein absolut gutes Preis-Leistungsverhältnis liefert. Kurz vor 18.00 Uhr – inzwischen hatte ich Ilja im Kofferraum – die zweite Wasserstandsmeldung von Matthias: Sowohl Andrei als auch Klaus wären eingetrudelt; außerdem habe er sein Gepäck wieder. Als wir schließlich ankamen, liefen mir auch die Mülheimer Kollegen über die Füße. Für mehr als einen kleinen Plausch reichte aber die Zeit nicht, denn wir hatten alle Hunger und da das Hotel neuerdings über ein griechisches Restaurant verfügte, fackelten wir nicht lange. Hinein, bestellt und aufgetischt! Die Speisegaststätte war keine schlechte Wahl, so dass wir uns zunächst einmal ordentlich satt aßen und auch in ausreichenden Mengen alkoholische Getränke zu uns nahmen. Kurz nach 20.00 Uhr kam dann Christian dazu und wir hatten noch einen vergnüglichen Abend!

Um 22.00 Uhr chattete ich dann noch einmal mal via Facebook mit Jens, der mir aber plausibel versicherte, dass er zusammen mit Nazar rechtzeitig vor dem Kampf ankommen würde. Jetzt fehlte eigentlich nur Evgeny, der sich ja ebenfalls noch für heute Abend angesagt hatte. Allerdings hatte unser Vorzeigerusse keine spezielle Uhrzeit für seine Ankunft aus St. Petersburg angegeben. Angesichts der jüngsten Erfahrungswerte verspürte ich eine leichte Grundnervosität. Ich dachte an Murphy’s Gesetz. Andererseits hatte Evgeny, der übrigens ebenfalls im Examen steckt, bislang alle seine Termine punktgenau eingehalten. Also noch kein Grund, um sich wirklich Sorgen zu machen. Gleichwohl fragte ich noch einmal bei der Rezeption an. Ich vereinbarte einen kurzen Anruf, sobald Herr Romanov ankommen würde. Sollte das nicht bis 24.00 Uhr geschehen (bis dahin war der Empfang besetzt), wollte ich für alle Fälle seinen Zimmerschlüssel an mich nehmen.  Um 22.30 Uhr dann aber die befreiende Nachricht. Evgeny war da! Er meldete sich sogar noch bei mir und wir unterhielten uns kurz. Außerdem überreichte ich ihm zwei Tickets für ein Depeche-Mode-Konzert, die er über mich bestellt hatte. Jetzt konnte ich mich endlich entspannt zurückziehen.  Erstaunlicher Weise konnte ich danach sogar gut schlafen.

Das Frühstück am Samstagmorgen schmeckte gut wie immer und das Team hatte perfekte Laune. Alles soweit im grünen Bereich. Natürlich gab’s wie immer auch kleine Mannschaftsführerpflichten: PC-Ladekabel und Ohrstöpsel für Matthias bereitstellen, Wecker für Ilja besorgen, Rezeption über ein verändertes Abreisedatum informieren und ein Taxi zum Spiellokal bestellen. Danach ein paar Telefonate (u. a. mit Norbert Kotainy, der mir um 12.30 Uhr die Ankunft von Jens und Nazar anzeigte) und ab zum Turniersaal.

Werder Bremen residierte diesmal in der noblen Platin-Loge des Weserstadions. Ein wirklich würdiger Spielort mit allem Komfort. Sogar für einen frei zugänglichen Internetanschluss war gesorgt worden. Vorbildlich!

Insofern war alles bestens vorbereitet und ich konnte noch ein sehr entspanntes Gespräch mit der stets freundlichen Schachjournalistenlegende Otto Borik führen, dessen Buch „Das Budapester Gambit" ich heute noch zu den Veröffentlichungen zähle, die meine eigene Schachpraxis (die vor der Öffentlichkeit allerdings aus guten Gründen streng geheim gehalten wird) sehr beeinflusst haben. Borik, der in den guten alten Zeiten mit Bochum 31 häufiger Gast in Katernberg war, ist die treibende Kraft hinter Schach Magazin 64, dem führenden deutschen Schach-Magazin.

Um 13.30 Uhr gab's dann auch keine Überraschungen mehr:

SK Turm Emsdetten-SF Katernberg
Mehedlishvili - Volokitin
Swiercz - Romanov
Spoelman - Firman
Pruijssers - Bischoff
Hector - Zaragatski
Janssen - Kotainy
Burg - Thesing
Fiebig - Dr. Scholz

Offenbar hatten wir uns zumindest richtig vorbereitet, denn unsere Emsdettener Freunde um meinen Mannschaftsführerkollegen Reinhard Lüke hatten ebenfalls einen deutlichen Aderlass durch das eine oder andere internationale Turnier erlitten. Im direkten Elovergleich wiesen die Kollegen aus Emsdetten aber trotzdem spürbares Mehrgewicht auf. Aber wir wissen ja: Ratings sind im Zweifelsfall nur Schall und Rauch! Wichtig ist auf'm Brett!

Nach der üblichen Eröffnungszeremonie, die diesmal eine Ehrung für meinen ehemaligen Mannschaftsführerkollegen Ingolf Meier-Siebert enthielt, ging's dann zur Sache. Schiedsrichter Ralf Schöngart eröffnete um Punkt 14.00 Uhr den Reigen.

Mit der anschließenden Eröffnungsarbeit meines gemischten Knabenchores konnte ich zunächst gut leben. Allerdings plagte unsere Jungs der Hunger, denn leider war das übliche Buffet noch nicht aufgebaut. But who cares?! Wir waren eigentlich ja auch hier, um Schach zu spielen! Außerdem war das Problem um 15.00 Uhr durch vitamin- und kalorienreiche Kost gelöst. Allerdings wies mich der Schiedsrichter darauf hin, dass eine Nahrungsaufnahme am Brett nicht ganz der einzuhaltenden Etikette entspräche. Ich bat ihn, das zu verzeihen; schließlich kämen wir ja aus dem Ruhrpott - da kennt man keine vornehme Zurückhaltung!

Ein (zugegeben) oberflächlicher Blick auf die Bretter zu Beginn der 2. Spielstunde ließ mich dann mit dem Eindruck zurück, dass wir in der Gesamtschau eigentlich gar nicht so schlecht standen. Allerdings befand sich Evgeny unter Druck, wobei er leider nicht nur gedrückt stand, sondern neben seinem Entwicklungsnachteil auch noch eine Turmverdoppelung auf der d-Linie ertragen musste. Schwere Kost! Aber – wie ich später erfuhr – moderne Theorie.

Auch Christian stand nicht optimal, zumal sein Gegner gerade damit begann, einen rückständigen Isolani auf c6 mit den Schwerfiguren zu massieren. Ich befürchtete einen entsprechenden Materialverlust, da unserem langen Kerl ein natürlicher Deckungszug mit dem Turm auch noch durch eine Springergabel verwehrt war. Und so kam es auch. Christian versuchte es zwar noch mit einer Stellungsöffnung, aber der Bauer war weg!

Kurz danach gab es draußen eine kleine Geräuschkulisse durch ein paar Jugendliche, die im nahe gelegenen Park ihren Ghettoblaster aufdrehten. Doch auch dieses Thema war dank des unnachahmlichen hanseatischen Charmes unserer Gastgeber schnell erledigt.

Um 17.00 Uhr begann es dann zu schneien. Die Witterung wurde entsprechend frostiger, was offenbar auch Auswirkungen auf die eine oder andere Partie hatte. Direkter Nutznießer war unser Jens, der eine fehlerhafte Zugfolge seines Gegners gnadenlos ausnutzte. (1-0).

Während bei Klaus noch nichts entschieden war, erspielten sich überdies Andrei und Ilja erste Materialvorteile. Zusätzlich konnte sich Evgeny endlich aus der Umklammerung befreien und leitete in ein strukturell mehr als hoffnungsvolles Turmendspiel über. Ferner schien auch Nazar langsam die schon länger bestehende positionelle Übermacht umsetzen zu können. Hingegen standen Matthias und Christian schlechter. Der Kampf verlief damit insgesamt wohl zu unseren Gunsten. Insoweit belohnte ich mich mit einer leckeren Erdbeere aus dem Obstkorb.

Kurz vor der Zeitkontrolle musste Christian dann allerdings tatsächlich aufgeben. Er hatte am Schluss zuviel Material gegen sich. (1-1). Matthias ging es leider ebenso. Das entstandene Turmendspiel war hoffnungslos geworden. Er überschritt in dieser Situation die Zeit. Damit ging Emsdetten (nicht unverdient) in Führung. (1-2).

Irgendwie ließ sich dann aber auch Andrei vom allgemeinen bacillus debacelus anstecken. Nicht nur, dass er seine an sich gute Stellung in der Zeitnotphase immer mehr verdarb. Er überschritt kurz danach auch noch die Zeit! Das war jetzt allerdings ein mehr als herber Einschlag in mein Kontor! (1-3). Murphy ließ grüßen.

Nach der Zeitkontrolle hatte ich denn auch kein gutes Gefühl mehr. Jedenfalls wurde mir bei der Betrachtung der verbleibenden Stellungen kalt und heiß, wobei mir nicht klar war, ob das von dem katastrophalen Kampfverlauf oder von einer jetzt doch vielleicht heraufziehenden Grippe herrührte. Verwundert hätte mich beides nicht:

  • Evgeny stand meiner Einschätzung nach nicht unproblematisch, wobei mir v. a. ein weit vorgerückter Freibauer seines Gegners Sorgen machte.
  • Nazar hatte zwar in leicht vorteilhafter Position seine Dame gegen zwei Türme getauscht, doch klar war da noch gar nichts.
  • Klaus versuchte seine Partie nach wie vor in etwa im Gleichgewicht zu halten, was allerdings zunehmend schwieriger wurde, weil sein Gegner begann, in seine Position einzudringen.
  • Einziger Lichtblick schien Ilja zu sein, der ein leichtes relatives Materialplus und eine beweglichere Stellung hatte.

Ich fürchtete, dass es trotzdem noch ein langer und erschöpfender Abend werden würde. Alle drei verbleibenden Partien waren schwierig und erforderten wirklich die volle Konzentration. Manch einer konnte hier nicht mehr mithalten. Ich hatte jedenfalls kaum Hoffnung, dass meine gestrige Tischbestellung für 20.00 Uhr beim Hotelgriechen gehalten werden würde. Es folgte aber zunächst ein sehr instruktives Gespräch mit dem früheren Teamchef der Bremer Dr. Till Schelz-Brandenburg, der sich zwar vor einigen Jahren aus dem aktiven Funktionärsgeschäft zurückgezogen hatte, sich aber heute immer noch für eine dynamische Gestaltung der Schachbundesliga stark macht.

Um 19.35 Uhr fiel dann auf Ilja's Brett die Entscheidung. Er konnte sein leichtes Materialplus leider nicht optimal verwerten und willigte ins Remis. Mithin gingen zwei letztlich verdiente Mannschaftspunkte in den hohen Norden von Nordrhein-Westfalen! (1,5-4,5).

Die restlichen Partien blieben indes weitestgehend unklar. Dabei musste Evgeny zwischenzeitlich zwar seinen Turm gegen den vorgepreschten Bauern opfern, aber er versuchte nun alles, um seine verbliebenen Freibauern zur Umwandlung zu bringen. Das sah gut aus. Bei Nazar hatte sich inzwischen ein etwa gleich stehendes Endspiel ergeben, wobei ich aber die dynamischen Chancen eher seinem Gegner zubilligte. Aber ich hatte mich ja heute schon so oft geirrt. Kurz vor 20.00 Uhr kam Evgeny wenn auch reichlich zu spät zum Elfmeter, den er wirklich souverän verwandelte. Seine inzwischen aufmarschierte Bauenphalanx war nicht mehr aufzuhalten. (2,5:4,5). Leider vergeigte schließlich aber Nazar seine Partie. (2,5:5,5). Er war danach so mürrisch, dass er lange brauchte, um die Sprache wieder zu finden. Wie gesagt: Murphy! Hier die leider etwas traurige Zusammenfassung des Tages mit herzlichen Glückwünschen nach Emsdetten:

SK Turm Emsdetten5½ : 2½SF Katernberg
Mehedlishvili 1 : 0 Volokitin
Swiercz 0 : 1 Romanov
Spoelman 1 : 0 Firman
Pruijssers 1 : 0 Bischoff
Hector ½ : ½ Zaragatski
Janssen 0 : 1 Kotainy
Burg 1 : 0 Thesing
Fiebig 1 : 0 Dr. Scholz

Selten eine so gedrückte Stimmung erlebt, wie an diesem Abend. Da halfen auch diverse Ouzo-Spülungen nicht! Später gönnten sich Klaus und ich noch zwei Flaschen Wein an der Hotelbar. Dabei kam ich zu der Erkenntnis, dass Schach ja doch ein wirklich schönes Spiel ist. Aber eben nur, falls man gewinnt. Ansonsten ist es nämlich eine verdammte Zeitverschwendung! In vino veritas.

Am nächsten Morgen musste ich erst noch mal den Wein verdünnen und den Kopf kühlen. Die frühmorgendlichen Zeremonien und das gute Frühstück ließen mich aber bald wieder halbwegs nüchtern werden. Das Team schien sich inzwischen auch wieder gefangen zu haben, so dass ich letztlich frohen Mutes zusammen mit Klaus zum Turniersaal fuhr. Dort musste ich dann feststellen, dass Werder (die sich am Vortage noch ein langes und schließlich ausgeglichenes Match gegen Mülheim lieferten) leicht umgestellt hatten. Unsere Vorbereitung lief damit zumindest an den unteren Brettern ein wenig ins Leere. Aber damit muss man bei einem Auswärtskampf ja immer rechnen.

SF Katernberg-Werder Bremen
Volokitin - McShane
Romanov - Efimenko
Firman - Fressinet
Bischoff - Nyback
Zaragatski - Rapport
Kotainy - Fish
Thesing - Bluebaum
Dr. Scholz - Joachim

Das Bremer Team, das insgesamt gesehen an allen Brettern elostärker antrat, kam allerdings witterungsbedingt einige Minuten zu spät, was Schiedsrichter jedoch geschickt durch eine etwas verspätete aber dafür leicht verlängerte Auftaktrede zu kaschieren versuchte. Um 10.07 Uhr ging's dann aber endlich los.

Während die Begegnungen von Evgeny, Ilja und Klaus offenbar noch im Theoriedschungel weilten, sah es bei der Naydorf-Partie McShane – Volokitin zunächst so aus, als wollte man sich nicht ganz regelkonform schon nach ein paar Zügen auf Remis einigen. Jedenfalls zogen erstmal ein Läufer und ein Springer hin und her. Das mündete dann allerdings in ein wildromantisches Handgemenge mit zwei hängenden weißen Zentralspringern.

Christian spielte im Grünfeldinder zur gleichen Zeit eine ebenfalls klar taktisch orientierte Partie.

Einen ähnlich morbiden Charme entfaltete die Partie Fressinet – Firman. Hier bereitete der französische Spitzenspieler bereits im Rahmen eines nicht ungefährlich anmutenden Königsangriffs den Abtausch des schwarzen Fianchettoläufers und die Öffnung der h-Linie vor.

Auch Matthias wählte eine eher etwas exzentrisch anmutende Variante im angenommenen Damengambit. Jedenfalls entwickelte er zusammen mit seinem Namensvetter einen nahezu gordisch anmutenden Figurenknoten am Damenflügel. Während der junge Schachprinz dabei jedoch seine eigene Dame bewegungsfähig hielt, steckte die thesingsche Queen stocksteif mittendrin im Gewühle.

Eine eher kampfbetonte Stimmung nahm ich schließlich auch bei der Partie Kotainy – Fish wahr. Jens musste sich dabei zunächst mit einem gewissen Raumnachteil und einer durchaus unangenehmen Fesselung herum plagen.

Kaum hatte ich meine erste Runde beendet, bemerkte ich, dass sich inzwischen auch der Charakter der Partie Romanov – Efimenko geändert hatte. Aufgrund der ursprünglichen Partieanlage hätte ich eher ein schwerblütiges Positionsgeschiebe erwartet. Doch nun legte Evgeny, der seinen Gegner gut kennt, offenbar einen Zahn zu und brachte seine Läufer in Stellung. Das Ziel war dabei klar umrissen und hieß eindeutig Schwarzer König. Allerdings hatte er dabei auch seinen eigenen Königsflügel geöffnet.

Uiuiui! Das versprach ja ein aufregender Vormittag zu werden! Eigentlich keine wirklich gut geeignete Therapie für meine doch noch leicht verkaterte aber inzwischen kaffeegedopte Birne.

Während ich dann mein Mittagessen einnahm (übrigens ein sehr schmackhaftes Buffet), konnte ich trotzdem kein Auge von den Partien lassen. Die Liveübertragung ist selbst im Vor-Ort-Modus ein verfluchter Segen.

Der stets freundliche Luke McShane opferte nämlich just zu dieser Zeit einen seiner Springer und riss dabei Andrei's Königsflügel auf. Mir fiel glatt die Gabel aus der Hand!

Ähnlich agierte Schachprinz Bluebaum. Bei ihm war's ein Läufer, der seiner Dame die Tore zum Angriff öffnete. Zunächst schien sich das aber in Wohlgefallen (sprich in eine Zugwiederholung) aufzulösen. Doch dann wollte der junge Mann mehr und ich vergaß bei der Betrachtung der Stellung sogar das Kauen.

Die Bilanz nach der dritten Spielstunde sah ein wenig verändert aus. Nazar hatte inzwischen den gegen ihn gerichteten Königsangriff abgewendet. Weiterhin konnte Christians mit einem mittlerweile weit vorgerückten Freibauern ganz hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Jens hatte sich zu dieser Zeit ebenfalls befreit und nachfolgend eine zumindest optisch vorteilhafte Stellung erspielt. Einen ähnlichen Eindruck hatte ich bei Ilja, der es geschafft hatte, die Bauernstruktur seines Gegners Brett umspannend auseinander zu reißen.

Kurz danach bot Evgeny ein Qualitätsopfer an, das der Gegner aber keines Blickes würdigte. Ich glaubte beiden aufs Wort, dass die Annahme wohl tödlich geendet hätte. Doch änderte auch die Ablehnung der Offerte nichts an den spielerischen Vorteilen des Sankt Petersburgers. Zumindest hier würde nichts schief gehen.

Inzwischen hatte Bluebaum die geopferte Figur wieder mit Zinsen eingestrichen. Überdies war auch der Stellungsknoten entwirrt. Wenn es ihm jetzt noch gelang, seinen König in Sicherheit zu bringen, würde es unseren Matthias einfach zerbröseln. Und so kam es dann leider auch kurze Zeit später. Werder ging in Führung. (0-1).

Derweil ließ "Braveheart" McShane einen Turm in Andrei's Verteidigungsring explodieren! Ich hoffte nur, dass sich der Engländer dabei veropfert hatte.

Während danach Jens seinem Pferd die Sporen gab und damit begann, ein hübsches Mattnetz zu knüpfen, suchte Christian sein Heil in ein – wie ich meinte – etwas spekulatives Abspiel mit dynamischen Materialverhältnissen. Allerdings muss auch das eine gewisse Berechtigung gehabt haben, denn kurz darauf einigte man sich an diesem Brett auf Remis. (0,5-1,5).

Dann hagelte es Partieergebnisse: Angelerfolg durch Jens (1,5-1,5), Remis durch Dauerschach bei Andrei (2-2) und Klaus (2,5-2,5) sowie Führungstreffer durch Evgeny, der seinen Gegner in effektiver Weise überspielt hatte. Katernberg ging in Führung! (3,5-2,5).

Evgeny und Jens waren damit die eindeutigen Stars des Wochenendes.

Somit verblieben Nazar, dem allerdings in komplexer Stellung eine Qualle fehlte und Ilja, dessen Position im Moment aber wohl nicht ganz ausgeglichen war. Allerdings mussten die Beiden sowieso erst noch die Zeitkontrolle überstehen, was dann aber auch so erfolgte.

In der folgenden Spielstunde hielten die beiden ihre jeweiligen Stellungen ungefähr in der Waage, so dass vielleicht sogar ein knapper Sieg möglich würde. Gleichwohl kam mir immer wieder der so vertraute Murphy in den Sinn.

Diese bösen Vorahnungen zerrten irgendwie an meinen Nerven, zumal Ilja seine Stellung in aufkeimender Zeitnot nun sukzessive zu verschlechtern schien. Parallel dazu wurde aber auch Nazars Zeitbuget immer enger, was letztlich keine positiven Auswirkungen auf seine Position hatte!

Beide schafften die letzte Zeitkontrolle dann zwar wieder mit Ach und Krach, doch der SV Werder stand nun in beiden Partien einfach auf Gewinn. Ich hatte es geahnt! Es sollte an diesem Wochenende offenbar einfach nichts gut gehen!

Tja, was soll ich sagen. Zunächst segnete Ilja das Zeitliche (3,5-3,5) und dann Nazar (3,5-4,5)! Ich glaub, ich werde langsam einfach zu alt für diesen Sch...!

Hier noch einmal das Debakel in Zeitlupe:

SF Katernberg3½ : 4½Werder Bremen
Volokitin ½ : ½ McShane
Romanov 1 : 0 Efimenko
Firman 0 : 1 Fressinet
Bischoff ½ : ½ Nyback
Zaragatski 0 : 1 Rapport
Kotainy 1 : 0 Fish
Thesing 0 : 1 Bluebaum
Dr. Scholz ½ : ½ Joachim

Gruß und Glückwünsche nach Bremen! Scheibenkleister, nun stecken wir doch noch irgendwie im Abstiegsschlamassel!

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