Promis, Berlin und schnelles Schach

Geschrieben am 16.10.2015 von Ulrich Geilmann

Mein Besuch bei der Schnellschach-WM 2015

Bekanntlich kümmert sich eine meiner dissoziativen Identitäten immer noch um die Belange der Schachbundesliga. In diesem Zusammenhang erhielt ich vor einigen Wochen von Herbert Bastian, dem Präsidenten des Deutschen Schachbundes, eine persönliche und (wie auf dem entsprechenden Schriftstück unzweideutig zu lesen war) nicht übertragbare Einladung zur feierlichen Eröffnung der Schnell- und Blitzschachweltmeisterschaft. Die Veranstaltung sollte am 09.10.2015 in einem Berliner Kino stattfinden und beinhaltete zudem die Europapremiere des Films Pawn Sacrifice, der sich um den Kampf um die Schachkrone zwischen Spasski und Fischer dreht, die 1972 in Reykjavik ihre Klimax fand.

Da ich zudem auch noch eine Aufforderung für den 10.10.2015 auf dem Tisch hatte, an der Mitliederversammlung der Lasker-Gesellschaft teilzunehmen, der ich seit etwa einem Jahr angehöre, war schnell entschieden, wieder einmal ein Wochenende in der Hauptstadt zu verbringen. Außerdem ist Berlin immer eine Reise Wert!

So nahm ich mir ein paar Tage frei und befand mich am Morgen des 08.10.2015 wieder einmal auf dem Weg in den wilden Osten. Letztens hatte ich ja noch mit erheblichen Anreiseschwierigkeiten zu kämpfen. Diesmal musste ich aber nur einen kleinen Stau bei Hannover ertragen, den ich mehr oder weniger ohne größere nervliche Blessuren ertrug. Das vorgebuchte Hotel kannte ich auch schon aus früheren Berlinbesuchen, so dass einem unterhaltsamen Wochenende nichts mehr im Wege stand. Gut, die Parkplatzsituation rund um mein Mietdomizil war zunächst nicht ganz optimal, aber auch das Problem löste sich noch im Laufe des Donnerstages zu meiner Zufriedenheit auf. Gleichwohl ging’s früh in die Heia, da der Freitag lang werden würde.

Am nächsten Morgen war zunächst einmal ein ausgedehntes Sightseeingprogramm auf der Liste. Okay, die Mehrheit der Ziele kannte ich schon. Doch konnte es nicht schaden, mal nachzusehen, ob noch alles beim alten Platz war. In Berlin weiß man ja nie! Da wird bekanntlich gebaut, was das Zeug hält, auch wenn nicht alle Projekte gleich fertig werden. Sie kennen ja das etwas abgewandelte Ulbrichtzitat: Niemand hat die Absicht einen Flughafen zu bauen! Aber um es kurz zu machen: Alle Gebäude noch da wo sie hingehören und der Airport weiterhin beharrlich im Bau.

Insofern konnte ich also beruhigt zur Eröffnungsgala schreiten, für die gegen 19.00 Uhr eingeladen war. Zu diesem feinen Anlass hatte ich mir übrigens extra einen Kulturstrick und einen feinen Zwirn in den Koffer gelegt. Entsprechend aufgebrezelt kam ich etwa eine Stunde vor dem avisierten Einlass an und konnte mich nach der Anmeldung noch in aller Ruhe um einen adäquaten Sekt und ein paar Horsd'œuvre bemühen.

Als dann so nach und nach die geladenen Gäste eintrafen, hatte ich den Eindruck, bereits einen Großteil der entsprechenden Vorräte vernichtet zu haben. Ich war entsprechend bester Stimmung. Doch der Schein trog. AGON und der FIDE hatten für entsprechende Ressourcen gesorgt. Überdies las sich die Gästeliste dieses Abends wie das Who-is-Who des Schachs. Hohe internationale Funktionäre, Schachweltmeister, Meisterspieler und mitten drin der kleine Ulli.

Mein persönlicher Höhepunkt war jedoch eindeutig eine kurze Begegnung mit Boris Spasski, den ich zum ersten Mal im Jahre 1980 erleben durfte. Der Exweltmeister war zwar offensichtlich an den Rollstuhl gefesselt, doch geistig wieder frisch, wie der eine oder andere launige Kommentar und eine kleine Partieanalyse bewies. Ich war jedenfalls begeistert. Daneben verblasste für mich das Tete-a-tete mit Anand, Carlsen, Kramnik, Kasimdzhanov und Ponomariov oder anderen Großmeistern, wie Aronian, Bacrot, Gelfand, Ivanchuk, Leko, Navara, Seirawan und Svidler.

Den anschließenden Festakt habe ich wirklich genossen. Dazu trug ein äußerst angenehmer Sitznachbar bei. Denn wie es der Zufall wollte, saß ich direkt neben Dr. Helmut Pfleger, der sich notabene sehr lobend über den einen oder anderen Katernberger äußerte. Mir wurde übrigens ausdrücklich aufgetragen, Dr. Reinhard Kennemann zu grüßen, was hiermit erledigt ist.

Der Film war trotz einiger historischer Fehler sehr eindrucksvoll. Tobey Maguire gelang ein nachvollziehbares Psychogramm von Bobby Fischer und eine akzeptable cineastische Umsetzung der damaligen Ereignisse. Spasski wird allerdings etwas zu hölzern gespielt.

Mein ereignisreicher Tag endete dann gegen Mitternacht.

Der Samstag stand dann zuerst im Zeichen der Lasker-Gesellschaft, der an diesem Tag Dr. Helmut Pfleger zum Ehrenmitglied ernannte. Nach der Mitgliederversammlung ging es dann flugs in die Bolle Meierei zur Schnellschach-WM.

Hier wiederholte sich natürlich der Prominentenauflauf des Vortages. Besonders gefreut hat mich dabei allerdings das Wiedersehen mit den Katernberger Bundesligaspielern Yuriy Krivoruchko, Kateryna Lagno, Alexander Motylev, Evgeny Romanov und Andrei Volokitin sowie die kurzen Gespräche mit vielen Bekannten. Außerdem durfte ich dem FIDE-Präsidenten Iljumschinow kurz die Hand schütteln. Ob das allerdings wirklich eine Auszeichnung war, sei einmal dahin gestellt. Zumindest hatte ich nach der Begegnung aber noch alle Wertsachen!

Das Turnier war im Grunde gut organisiert, auch wenn die Spielpausen zwischen den Runden etwas zu lange dauerten. Außerdem fanden sich erstaunlich viele Zuschauer ein. Der Nachteil war allerdings, dass man trotz rigider Einlassregelung kaum etwas von den einzelnen Brettern zu Gesicht bekam, was ich sehr schade fand. Außerdem gab es für das Publikum weder etwas zu trinken noch kleine Snacks. Dafür sorgte Jan Gustafsson mit seiner Kommentierung im Vorraum aber für geistige Nahrung. Man kann halt nicht alles haben!

Nach der zweiten Runde war für mich allerdings Schluss. Ich war müde und hatte Hunger. Außerdem wollte ich am nächsten Morgen zurück an den beschaulichen Niederrhein. Ich begab mich daher nach einer entsprechenden Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme direkt zurück ins Hotel. Ich fiel erschöpft ins Bett und träumte von einem außergewöhnlichen Wochenende…

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Erasmus von Rotterdam

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