Ruhrderby

Geschrieben am 27.02.2012 von Ulrich Geilmann

Wer ist die Spitzenmannschaft des Ruhrgebiets?

Wer ist die Spitzenmannschaft des Ruhrgebiets?

Vor Saisonbeginn hätte man ohne jeden Zweifel auf den spielstarken SV Mülheim Nord getippt, dessen Team eine durchschnittliche Elozahl von 2523 aufweist. Es folgen mit deutlichem Abstand der SV Wattenscheid (2481), der SC Hansa Dortmund (2462) und schließlich die SF Katernberg (2458). Nun, ein kurzer Blick auf den Tabellenstand nach der 9. Runde zeigte ein anderes Bild:

Die SF Katernberg  spielten bislang deutlich über den Erwartungen (6. Platz). Hingegen verlief die Saison für den SV Mülheim-Nord (9. Platz) und den SC Hansa Dortmund (15. Platz) bisher vergleichsweise enttäuschend. Lediglich der SV Wattenscheid (5. Platz) bewegte sich in etwa im Rahmen der Prognosen.

Doch was sind alle Zahlenspiele wert, wenn es tatsächlich los geht? Nichts! Elozahlen punkten nicht! Da geht es um gute Vorbereitung, die Tagesform, Team- und Kampfgeist, Emotionen und das Quäntchen Glück, das man halt doch braucht. Also waren die Karten wieder neu gemischt; alle Vorhersagen so falsch wie richtig. Dies gilt umso mehr bei einem Lokalderby! Oder, um es in der Schachsportlersprache zu sagen: „Wichtig ist auf dem Brett und eine Partie dauert verdammt lange!“ Deswegen machte ich mir im Vorfeld wahrscheinlich viel zu viele Gedanken darum, welche Ergebnisse dieses Wochenende wohl für uns zeitigen würde. Denn letztlich ging es einfach nur darum, unsere Haut so teuer wie möglich zu verkaufen. Wir spielten also einmal mehr um die sportliche Ehre – wenn Sie so wollen, liebe Leser.

Deshalb schickten wir diesmal mit den Großmeistern Andrei Volokitin, Robert Fontaine, Klaus Bischoff, Vladimir Chuchelov und Sebastian Siebrecht sowie den Internationalen Meistern Ilja Zaragatski, Robby Ris und Dr. Christian Scholz einmal mehr ein wirkliches Bullenteam an den Start. Ursprünglich war auch die erfolgsverwöhnte Kateryna Lahno nominiert. Sie musste allerdings diesmal zuhause in Frankreich bleiben, weil sie leider keinen Babysitter fand. Dafür rutschte aber am Sonntag endlich auch wieder einmal unsere bärenstarke WIM Sarah Hoolt ins Team, die sich übrigens mittlerweile ihre 3. Frauengroßmeisternorm erspielt hatte und dem entsprechend hoch motiviert war.

Ein Teil des Teams fand sich bereits am Freitag zusammen. Weil sich Klaus Bischoff wieder einmal dazu bereit erklärt hatte, die Vereinsmitglieder mit seinem profunden Schachwissen und netten Anekdoten zu erfreuen, fand das fast schon traditionelle gemeinsame Abendessen auf Einladung des Teamchefs diesmal deshalb in unserem Clubhaus auf Zeche Helene statt. Das Essen war durchaus schmackhaft und die Stimmung gelöst. Aber irgendwann hieß es dann doch die Zelte abzubrechen und die Hotelbetten aufzusuchen, denn der SC Hansa Dortmund, dem wir am Samstag gegenüber sitzen würden, war trotz des derzeitigen Tabellenplatzes ein mehr als ernst zu nehmender Gegner. Klaus und ich gönnten uns allerdings noch ein gemütliches Weißbier an der Hotelbar. Er  ist ja ein ausgewiesener Kenner der Szene und es ist immer total instruktiv, sich mit ihm über die aktuellen Schachereignisse auszutauschen.

Im Vorfeld eines jeden Bundesligakampfes orakelt das Team übrigens immer ein bisschen darüber, wen unsere Spielpartner wohl aufstellen werden. Diesmal waren die Meinungen dazu allerdings geteilt. Auf der einen Seite spekulierte man darüber, dass den Dortmunder Kollegen vielleicht bereits die spielerische Puste ausgegangen sei. Ich erwartete hingegen, dass unsere Konkurrenten alles daran setzen würden, die Abstiegszone zu verlassen. Wir würden also dem entsprechend einem starken Team gegenübersitzen und verletzte Raubtiere sind ja bekanntlich noch gefährlicher!

Nach einer außergewöhnlich ruhigen Hotelnacht (ich hatte mich wie üblich ebenfalls im Teamhotel privat eingemietet, um mir die mehrfachen An- und Abreisen zu ersparen) zeigte sich aber, dass die anderen richtig lagen. 13.30 Uhr: Der SC Hansa Dortmund hatte scheinbar tatsächlich schon abgerüstet. Schon ein wenig ungewohnt, Elofavorit zu sein:

SC Hansa Dortmund-SF Katernberg
Steingrimsson - Volokitin
Henrichs - Fontaine
Kohlweyer - Bischoff
Schmittdiel - Chuchelov
Klyuner - Siebrecht
Wegener - Zaragatski
Zelbel - Ris
Blübaum - Dr. Scholz

Gespielt wurde übrigens in der Wattenscheider Pestalozzi Realschule, dem üblichen Austragungsort unserer Bochumer Spielgefährten. Hier bietet der SV Wattenscheid in seinen Heimkämpfen eigentlich schon immer eine eher schnörkellose und bodenständische Turnieratmosphäre. Allerdings wurde eine Vor-Ort-Kommentierung für die Zuschauer geboten; die hatten wir letztens zum Beispiel leider nicht.  Es ist halt immer schwierig, in Schulgebäuden für einen gewissen qualitativen Mindeststandard und ein bundesligataugliches Ambiente zu sorgen. Zunächst muss man vom Spielmaterial bis zur Verpflegung alles heran karren. Eine elende Plackerei. Dann sind alle nutzbaren Schul- und Nebenräume spieltauglich umzugestalten, was zusätzlichen Arbeitsaufwand bedeutet; ohne ein entsprechendes Organisationsteam und vielen Helferhänden ist man da oft aufgeschmissen. Schließlich muss dann auch noch die Technik passen, wobei die Liveübertragung in den professionellen Händen lag.  Aber ich muss auch ehrlich sagen, dass die urigen Rahmenbedingungen irgendwie gut zu einem zünftigen Ruhrgebietsderby passten. Außerdem trugen wir ja auch keinen Schönheitswettbewerb sondern einen Schachwettkampf aus, und da galt es sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: 64 Felder, 32 Spielsteine und 16 Partien mit schier unendlichem Variantendickicht.

Nach kurzen Begrüßungsreden setzte Schiedsrichter Klaus Löffelbein, der kurzfristig für den erkrankten Lothar Hinz eingesprungen war, die Partien um 14.00 Uhr vor ganz ansehnlicher Zuschauerkulisse in Gang.

Aus der beiderseitigen Eröffnungsarbeit ließen sich aber noch keine wirklichen Schlüsse ziehen. Holländisch, Französisch, Spanisch, Sizilianisch, Reti, Nimzo- und Königsindisch. Das ganze Schachuniversum. Zumindest war aber keine Partie taktisch angelegt. Man belauerte sich. Zur 2. Spielstunde spielte Sebastian eine sehr verpflichtende Idee. Er opferte zwei Bauern und verschaffte sich dabei zunächst einen gedeckten Freibauern auf d5. Ich hoffte inständig, dass er auch wirklich wusste, was er da tat. Außerdem schien Andrei die steingrimssonschen Figuren ins Abseits manövrieren zu wollen. Der Isländer ist übrigens ein besonderes Kerlchen. Aber jeder Jeck ist ja bekanntlich anders.

Mittlerweile musste man im Turniersaal fast schon Schal und Mütze rausholen, weil es immer kühler wurde. Einige Spieler zogen sogar schon ihre Mäntel an.

Ein halbes Stündchen später konnte man Robby Ris bei der Belagerung eines gegnerischen Zentralbauern zusehen. Außerdem lies Christian einen Springer in der gegnerischen Stellung explodieren und erspielte sich so eine auf den ersten Blick durchaus dynamische Angriffsposition. Parallel zelebrierte Klaus ein fast schon positionell anmutendes Läuferopfer auf d5. Auch Vladimir wollte offenbar mehr, zumindest lehnte er ein Remisangebot seines Gegners ab.

Langsam aber sicher bekamen die Partien ihre Konturen. Die Spannung stieg spürbar, was sich insbesondere auch in einem teilweise deftigen Zeitverbrauch des einen oder anderen Spielers und in meiner aufkommenden Nervosität niederschlug. Den ersten finalen Rettungsschuss setzte dann Klaus. Der übrigens das erste Mal in seinem Schachleben in der Wattenscheider Aula einen vollen Punkt machte. (1:0). Nach einem taktischen Geplänkel räumten dann Robert Fontaine und Andrei kurz hintereinander ihre Gegner vom Brett (3:0). Es ging Schlag auf Schlag, aber mein Puls ging wieder spürbar runter. Ich glaub, ich sollte mal ein Elektrokardiogramm von mir anfertigen lassen. Mein Hausarzt wäre sicher entzückt und würde mir gleich eine Kur im Kloster verschreiben. Um 18.00 Uhr lichtete sich der Kampfnebel wieder und es war Zeit, bei den verbleibenden Brettern eine kleine Zwischenbilanz zu ziehen:

  •  Vladimir – mehr oder weniger todremises Turmendspiel,
  • Sebastian – dynamische Stellung mit Remisaussichten,
  • Ilja – vielleicht minimale Vorteile, Remisbreite aber nicht überschritten,
  • Robby – klare Gewinnaussichten,
  • hristian – merkwürdiges Endspiel mit eventuellen Remisaussichten.

Da sollte uns eigentlich niemand mehr die Butter vom Brot nehmen. Kaum eine halbe Stunde später kam uns auch noch Fortuna zur Hilfe als sich Christians Gegner ausmanövrierte und sich so quasi selbst in die Luft sprengte. (4:0). Kurz danach machte Vladimir den Sack mit einem Remis zu. (4,5:0,5). Es folgte das im Prinzip schon erwartete Remis bei Sebastian (5:1). Obwohl es sich Robby zwischendurch selbst etwas schwer gemacht hatte, machte dann auch er einen ganzen Punkt. Gut gearbeitet! (6:1). Somit blieb wieder einmal unser armer Ilja übrig. Allerdings unter ganz anderen Vorzeichen als bei der Begegnung gegen Bremen! Trotzdem schaffte er auch diesmal „nur" die Punkteteilung. (6,5:1,5)

SC Hansa Dortmund1,5 : 6,5SF Katernberg
Steingrimsson 0 : 1 Volokitin
Henrichs 0 : 1 Fontaine
Kohlweyer 0 : 1 Bischoff
Schmittdiel ½ : ½ Chuchelov
Klyuner ½ : ½ Siebrecht
Wegener ½ / ½ Zaragatski
Zelbel 0 : 1 Ris
Blübaum 0 : 1 Dr. Scholz

Das anschließende Mannschaftsessen im Hotel war reichlich und gut. Leider gab's aber offenbar einige Schwierigkeiten bei der rechtzeitigen Speisenherstellung und die Getränkelieferung war auch verbesserungsfähig. Dafür gab's dann am Schluss kostenfreie Dessertwahl. Alles in allem ein runder Tag.

Am nächsten Morgen ging's dann gegen Wattenscheid, die gestern unseren Reisepartner Mülheim deutlich von den Brettern geholt hatten. Sie schickten das Team vom Vortage ins Rennen. Bei der letztjährigen Begegnung schafften wir ja einen schier unglaublichen 7 : 1 Kantersieg. Unsere Bochumer Schachfreunde gingen also also mit Sicherheit mehr als motiviert zu Werke, zumal es heute quasi auch um die Ruhrgebietsmeisterschaft ging! Im direkten Elo-Vergleich waren wir allerdings wieder einmal deutlicher Underdog. Schiedsrichter war diesmal Rainer Niermann.

SF Katernberg-SV Wattenscheid
Volokitin - Vitiugov
Fontaine - Najer
Bischoff - Bogner
Chuchelov - Rusemov
Siebrecht - Appel
Zaragatski - Dr. Holzke
Ris - Handke
Hoolt - Hirneise

Endlich kam also auch Sarah zu ihrem 1. Bundesligaeinsatz in diesem Jahr!

Die ersten zwei Spielstunden zeigten schon, dass es heute unruhiger zugehen würde. Die Partienführung der Wattenscheider Spieler war im Schnitt deutlich ambitionierter, wobei ich persönlich Iljas Stellung am unübersichtlichsten fand. Gewisse Komplikationen erwartete ich aber auch bei den Partien von Robert Fontaine und Klaus Bischoff. Das versprach ein nervenaufreibender Tag zu werden! Überraschend war auch der exorbitante Zeitverbrauch von Vladimir in einer an sich bekannten Theoriestellung.

Um die Mittagszeit musste sich unser Klaus eines sehr tapferen Figurenopfers erwehren, der seinem jungen Gegner klare Angriffsoptionen am Königsflügel eröffnete. Sarah spulte derweil eine hübsche Sizilianischpartie ab. In den Partien von Sebastian und Andrei war hingegen noch nicht so viel los. Sicher, man tauschte die eine oder andere Spitze aus, aber im Grunde genommen sah es vordergründig nicht so aus, als wolle man sich wirklich weh tun. Andererseits sind es ja oft die Drohungen unter der Eisdecke, die am gefährlichsten sind.

Gegen 13.00 Uhr hatte „Anatoly" Fontaine einen Bauern mehr und offenbar die volle Kontrolle über das Brett. Auch Klaus schien sich wieder so langsam aus seiner Stellung zu pellen. Leichte Sorgen machte ich mir allerdings dann doch bei Robby. Hier schien ein Königsangriff seines Gegners durchzuschlagen. Kurze Zeit später verirrte sich auch Sarah im Variantendschungel und spuckte Material.

Um 13.30 Uhr ereilte Klaus dann sein Schicksaal. Wattenscheid ging verdient in Führung. (0:1). Kurz danach endete die Partie von Lucky Ris doch im Remis. (0,5:1,5). Eine Sorge weniger! Offenbar hatte sich die Zeit, die Vladimir am Anfang in seine Stellung gesteckt hatte, investiert. Inzwischen stand er wirklich nicht schlecht. Um 14.00 Uhr machte Ilja Remis. Die Partie war bis zuletzt ein hübsches Durcheinander! (1:2). Parallel dazu setzte Andrei hübsche Akzente. Außerdem schoss Robert Fontaine den Ausgleich (2:2). Der Gewinnpunkt passte auch zeitlich ganz gut, damit er noch seinen Zug nach Cannes erreichen konnte. Der Gute hatte jetzt noch 7 Stunden Zugfahrt vor sich. Er vergaß allerdings in der Eile sein Handy bei mir. Wird nachgeschickt!

Zumindest an den Spitzenbrettern lief's also heute scheinbar ganz gut für uns, zumal Vladimir kurze Zeit später einen ganzen Punkt machte. Katernberg ging in Führung! (3:2). Leider musste zu diesem Zeitpunkt aber Sebastian, der schon geraume Zeit breit stand, aufgeben. (3:3). Da Sarah noch kämpfte, aber praktisch auf Verlust stand, musste es also nach meiner Rechnung wieder einmal Andrei richten. Wir brauchten einen ganzen Punkt, um noch das Unentschieden erreichen zu können. Ob das aber tatsächlich gelingen würde, war noch völlig offen.

Gegen 15.00 Uhr stiegen die Aktien bei Andrei, obgleich immer noch nichts entschieden war. Es blieb spannend. Und dann geschah das Wunder! Sarah fand eine hübsche Pattfalle und ihr Gegner stieg darauf ein. Was für ein Teufelsbraten! (3,5:3,5). Und dann setzte Andrei, dieser Bulle am Brett, doch tatsächlich seine bessere Stellung in einen Gewinn um. (4,5:3,5). Katernberg ist - wenngleich mit gehörigem Dusel - Revierkönig!!

Katernberg4,5 : 3,5SV Wattenscheid
Volokitin 1 : 0 Vitiugov
Fontaine 1 : 0 Najer
Bischoff 0 : 1 Bogner
Chuchelov 1 : 0 Rusemov
Siebrecht 0 : 1 Appel
Zaragatski ½ : ½ Dr. Holzke
Ris ½ : ½ Handke
Hoolt ½ : ½ Hirneise

15 Mannschaftspunkte, 5. Platz! Wer hätte das vor Saisonbeginn gedacht?  Hamburg – wir kommen!

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Es ist keine Sünde, ein Dummkopf zu sein, aber die größten Sünden werden von Dummköpfen begangen.

Marie von Ebner-Eschenbach

Schachaufgabe

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