Schach in Mülheim

Geschrieben am 11.03.2008 von Ulrich Geilmann

Ulrich Geilmann
Ulrich Geilmann

Es ging um die Sicherung des Klassenerhalts, als unsere Bundesligamannschaft am 08.03.2008 im Haus der Wirtschaft in Mülheim an der Ruhr gegen den Schachklub Godesberg und einen Tag später gegen den Schachclub Remagen auflief. Der Mannschaft war insofern durchaus eine gewisse Grundnervösität anzumerken, zumal das Organisationsteam in der vorbereitenden Mannschaftsinformation durch einen Verwechslungsfehler zunächst die falsche Brettfarbfolge dargestellt hatte. Dieser Fehler konnte allerdings dank der Aufmerksamkeit eines Spielers ein paar Tage vorher wieder ausgeglichen werden. Trotzdem: Das hätte fatal enden können. Insgesamt konnten wir aber an beiden Tagen ein starkes Team ins Rennen schicken und da der Turniersaal inklusive Liveübertragung wie immer nahezu perfekt organisiert war, konnte man zuversichtlich auf die Kämpfe blicken.

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Alexander Motylev

Samstag ging's also zunächst gegen den Godesberger SK. Am ersten Brett konnte GM Alexander Motyley sein diesjähriges Bundesligadebüt feiern. Leider war es aufgrund seiner vielen (aber sehr erfolgreichen) Verpflichtungen nicht möglich, ihn früher einzusetzen. Umso erfreulicher war sein Einsatz gegen den starken Exweltmeister GM Rustam Kasimdzhanov. GM Erwin l'Ami musste seine Spielkunst diesmal gegen GM Chrisopher Lutz unter Beweis stellen. Das dritte Brett lag in den Händen von GM Evgeny Postny, der sich IM Jan-Michael Sprenger gegenüber sah. GM Vladimir Chuchelov musste gegen GM Tomas Likavsky und IM Nazar Firman, der übrigens auf dem Weg zu einer Großmeisternorm ist, gegen IM Dennis Breder antreten. Der Gegner von IM Martin Senff war IM Thomas Jackelen. Die Nachhut bildete IM Robert Ris gegen IM Georg Seul und IM Georgios Souleidis gegen Alexander Dranov.

Eröffnungstechnisch gab es zunächst keine besonderen Probleme. Das tat der Komplexität einiger Stellungen natürlich keinen Abbruch. Besonders bei den Partien von Alexander, Erwin und Martin (der einen Bauern opferte und damit die gegnerische Dame geschickt in Bedrängnis brachte) ging's zur Sache. Auch Vladimir und Georgios hatten gute Positionen. Nazar und Evgeny standen hingegen etwas gedrückt. Robbys Abtauschspanier war nach einem Läufertausch aber eher remislich.

Wie fast nicht anders zu erwarten, forcierte dann Nazar im beginnenden Mittelspiel mit einem Springerscheinopfer seine Stellung. Er gewann dadurch einen wichtigen Bauern. Seine taktischen Fähigkeiten sind wirklich bemerkenswert.

Alexander (der einen Königsangriff inszenierte), Erwin (der einen Bauern gewann) und Martin (der die Qualität erhielt) setzten ihre Gegner ebenso unter Druck. Aber auch die anderen Jungs spielten gut. Nur Evgeny und Georgios schienen sich augenscheinlich nicht ganz so Wohl in ihrer Haut zu fühlen, obwohl ihre jeweiligen Positionen sicher nicht wirklich problematisch waren. Eigentlich war ich also ganz zufrieden.

Martin Senff
Martin Senff

Leider konnte Martin seine Stellung dann doch nicht mehr verwerten und erspielte das erste Remis des Tages (0,5 : 0,5). Wahrend dessen schienen Nazar und Erwin aber ihre Material- und Stellungsvorteile nutzen zu können. Parallel dazu ging Alexanders Angriff in die heiße Phase. Auch Georgios, Evgeny und Vladimir machten Druck. Es sah also insgesamt immer noch ganz gut aus; zumindest musste man sich an keinem Brett ernsthafte Sorgen machen. Doch nahte unerbittlich die Zeitkontrolle, so dass ich noch keine definitiven Aussagen wagen mochte.

Erwin l'Ami
Erwin l'Ami

Offenbar war dann aber auch das auf Erwins Brett entstandene Turmendspiel nicht zu gewinnen. Schade, denn eigentlich diktierte er die ganze Zeit über das Partiegeschehen (1 : 1). Alexander erspielte sich zu diesem Zeitpunkt einen Qualitätsgewinn; er geriet dabei aber etwas in Zeitnot, was der Sache natürlich zusätzliche Würze verlieh.

Fast gleichzeitig steuerte dann Nazar in großmeisterlicher Manier einen Punkt bei (2 : 1). Der Mann spielt im Moment wirklich gut. Die in diesem Jahr erspielte zweite Großmeisternorm ist wirklich mehr als verdient!

Georgios Souleidis
Georgios Souleidis

Das Zeitnotgedränge ging doch etwas gemächlicher ab, als erwartet; auch mussten keine Einbrüche verzeichnet werden. Lediglich Georgios durfte sich etwas strecken. Das dabei entstandene Endspiel war zwar nicht leicht zu handhaben, doch er schaffte trotzdem das verdiente Kampfremis (2,5 : 1,5).

Die Stimmung an den übrigen Brettern war freundlich; jedenfalls standen die Großmeister nicht schlechter und auch Robby "Löwenherz" hatte inzwischen Gewinnperspektive, so dass sich das zahlreich erschienene Katernberger Gefolge recht optimistisch zeigte. Der Sieg schien wirklich zum Greifen nah.

Dann steuerte Alexander ein Unentschieden bei. Auch er konnte die Qualität leider nicht verwerten; aber das Remis ging trotzdem voll in Ordnung (3 : 2). Robbys Stellung wurde während dessen allerdings noch einmal spannend. Er erspielte sich auch bald einen weiteren Punkt. Großes Lob für seinen kämpferischen Einsatz (4 : 2)!

Es sah danach zumindest so aus, als ob auch Vladimir seine Partie mit einem ganzen Punkt nach Hause fahren wollte; Evgeny arbeitete aber ebenso in dem stimmungsvollen und Licht durchfluteten Turniersaal an seiner Position.

Evgeny Postny
Evgeny Postny

Evgeny konnte dann seine Bemühungen tatsächlich mit Erfolg krönen (5 : 2), so dass noch Vladimir als letzter Katernberger am Brett saß. Aber auch er ließ nichts anbrennen. Er gewann sein Endspiel verdient und verhalf so Katernberg zu einem 6 : 2 ohne Verlustpartie. Ein wichtiger Schritt in Richtung Klassenerhalt war getan.

Als wir dann später bei Bernd Rosen, der seinen 50. Geburtstag feierte, Bilanz zogen, waren alle Beteiligten mehr als zufrieden. Das Team hatte in einer geschlossenen Mannschaftsleistung über 6 Stunden lang engagiertes Kampfschach gezeigt und dabei zu Recht zwei weitere Punkte eingefahren. So lässt's sich gut feiern!

Hier noch einmal die Einzelergebnisse:

Motylev ½ : ½ Kasimdzhanov
l'Ami ½ : ½ Lutz
Postny 1 : 0 Sprenger
Chuchelov 1 : 0 Likavsky
Firman 1 : 0 Breder
Senff ½ : ½ Jackelen
Ris 1 : 0 Seul
Souleidis ½ : ½ Dranov

 

Sebastian Siebrecht
Sebastian Siebrecht

Während wir gegen Godesberg noch als leichte Favoriten ins Rennen gingen, war die Ausgangssituation gegen Remagen am Sonntag nicht ganz so klar. Alexander spielte gegen GM Evgeny Miroshnichenko. Gegen Erwin lief GM Boris Avrukh auf. Evgeny sah sich GM Sergey Fedorchuk gegenüber während sich Vladimir mit GM Alexander Goloschapov auseinander setzen musste. Nazar spielte gegen den französischen GM Jean-Marie Degraeve. Martins Gegner war GM Petar Popovic. Um nicht ganz so aus rechenbar zu sein, setzten wir am 7. Brett unseren IM Sebastian Siebrecht ein. Sein Gegner war GM Romunald Mainka. Am 8. Brett kam es dann zu einer rein niederländischen Begegnung: Robert traf auf Robin Swinkels. Die Mannschaft wurde diesmal übrigens auch durch die charmante Sarah Hoolt unterstützt, die in diesem Jahr bestimmt auch noch einmal zum Einsatz kommt!

Die Eröffnungsphase verlief eigentlich zunächst ziemlich unspektakulär, wenn man einmal davon absah, dass Erwin eine Variante spielte, die seine Dame gegen Turm, Springer und Bauer vom Brett verschwinden ließ; natürlich alles Theorie! Er hatte die Variante sogar schon einmal mit vertauschten Farben auf dem Brett. Außerdem wählte Alexander ein Abspiel, das aus der Eröffnung gleich ins leicht vorteilhafte Endspiel führte. Ansonsten gab's aber keine besonderen Vorkommnisse.

Als das Mittelspiel eingeläutet wurde, hatte sich nicht viel getan. Nazar erspielte sich allerdings durchaus Stellungsvorteile, was aber durch die Position von Vladimir wieder egalisiert wurde. Ansonsten werkelten die Katernberger munter an ihren Stellungen. Insgesamt ergab sich daher eine durchaus optimistische Einschätzung der Lage. Sarah sah's etwas enthusiastischer: "Ich bin ganz zufrieden mit den Jungs!" Naja, ich war's ja eigentlich auch, zumal dem Team ein 4 : 4 ausgereicht würde, um den Klassenerhalt weiter zu sichern.

Wie am Samstag fuhr Martin das erste Ergebnis ein. In relativ geblockter Stellung akzeptierte er nach kurzem Nachdenken in Absprache mit der Mannschaftsführung das Remis (0,5 : 0,5). Auch er scheint übrigens auf dem Weg zu einer Großmeisternorm zu sein.

Nazar Firman
Nazar Firman

Kurz danach landete Nazar einen seiner gefürchteten Aufwärtshaken. Der Typ hat echt einen phänomenalen Killerinstinkt! (1,5 : 0,5)

Bis kurz vor der Zeitkontrolle gab's eigentlich keine wirklichen Veränderungen zu vermelden. Robert hatte inzwischen ein mehr oder weniger remisliches Bauernendspiel erreicht, während Sebastian, Evgeny und Alexander um minimale Stellungsmerkmale rangen. Erwin's Position war hingegen kaum zu verlieren. Ein bisschen Sorge bereitete allerdings die Stellung von Vladimir.

Vladimir brach dann leider auch schnell ein. Er verlor wie aus dem Nichts eine Figur und musste die Waffen strecken! (1,5 : 1,5).

Als nächstes remisierte Erwin. (2 : 2). Außerdem steckte Alexander die Qualität ins Geschäft, um seinen Freibauern mehr Druck zu verleihen, doch ob's tatsächlich zum Gewinn reichen würde, war nicht abzusehen. Auch Evgenys Stellung sah eigentlich nicht so schlecht aus. Als dann aber Sebastian seine Stellung durch ein zu optimistisches Läuferopfer verschlechterte, war mir ehrlich gesagt überhaupt nicht mehr so wohl zu Mute. Ich glaube, mich kosten solche Situationen mehr Nerven als die beteiligten Spieler! Man sollte erst gar nicht hinsehen.

Und: Kannste was machen? Nee, nix kannste machen!

Robert Ris
Robert Ris

Bei Robby ergab sich schließlich das schon lange vorherzusehende Unentschieden. (2,5 : 2,5). Während dessen wurde allerdings Alexander immer nachdenklicher. Sein Zeitverbrauch wurde langsam kritisch. Ob das auch an den mittlerweile nicht mehr so ganz optimalen Sauerstoffbedingungen im Turniersaal lag? Man weiß es nicht; jedenfalls war die Stellung tatsächlich nicht einfach. Es dauerte dann einige Zeit bis er wieder den Turbo anwarf. Doch das reichte schlussendlich nur zum Remis (3 : 3). Vielleicht war tatsächlich mehr drin; doch in der Hitze des Gefechts kann man schon mal die Übersicht verlieren.

Da Sebastians Position mittlerweile mehr oder minder verlustig aussah, lastete der ganze Druck wieder einmal auf Evgeny. Er hatte zwar inzwischen in einem komplizierten Doppelspringerendspiel einen Bauern gewonnen, doch schien die Remisbreite nicht überschritten zu sein. So langsam aber sicher freundete ich mich mit den Gedanken an, dass wir diesen Kampf wohl etwas unverdient mit 3,5 : 4,5 verlieren würden. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Als Sebastian aufgeben musste (3 : 4), hatte sich die Stellung bei Evgeny insoweit verändert, als dass ein Springerpaar vom Brett verschwunden war. Seine Gewinnoptionen hatten sich dadurch sicherlich geringfügig verbessert, doch eine klare Gewinnstellung war das noch nicht. Allerdings hatte er auch die klar bessere Zeit, so dass bei mir wieder doch noch ein wenig Hoffnung aufkeimte.

Zu Recht. Evgeny zeigte wieder einmal seine Klasse und gewann verdient (4 : 4). An dieser Stelle ein lieber Gruß an den Remagener Teamchef Peter Noras, der während des Kampfes sicher genauso gelitten hat, wie ich!

Katernberg ist nunmehr mit 12 Punkten auf dem 6. Platz. Mit dem Abstieg sollten wir nichts mehr zu tun haben.

Zum guten Schluss noch einmal die Endresultate:

Motylev ½ : ½ Miroshnichenko
l'Ami ½ : ½ Avrukh
Postny 1 : 0 Fedorchuk
Chuchelov 0 : 1 Goloschapov
Firman 1 : 0 Degraeve
Senff ½ : ½ Popovic
Siebrecht 0 : 1 Mainka
Ris ½ : ½ Swinkels

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