Von Orcas und Robben

Geschrieben am 16.10.2013 von Bernd Rosen

Start der Schachbundesliga 2013/2014

Die Bundesligasaison 2013/2014 hat endlich begonnen. Dennoch erscheint zunächst noch einmal ein kurzer Blick zurück angezeigt: Die Abschlussrunde in Schwetzingen war von Betrugsvorwürfen gegen Jens Kotainy überschattet, die in der Folge den Anlass dafür gaben, sich von ihm zu trennen. Bereits vorher hatte GM Robert Fontaine seine Sachen gepackt. In Folge dessen gelang es uns leider auch nicht mehr, GM Katerina Lagno im Team zu halten. Bedauerlicher Weise entschied sich schließlich der frisch gebackene Deutsche Meister GM Klaus Bischoff dazu, in der kommenden Saison auszusetzen, um v. a. seiner Kommentatortätigkeit nachzugehen. Somit mussten vier Plätze im Team neu besetzt werden. Mit GM Alexandre Fier und IM Benjamin Bok konnten wir allerdings zwei äußerst talentierte Spieler für uns gewinnen, die nach meiner Überzeugung sowohl einen schachlichen als auch menschlichen Gewinn für das Team darstellen. An dieser Stelle noch einmal ein herzliches Willkommen! Die Mannschaft wird überdies durch FM Bernd Rosen verstärkt, der in den letzten Jahren immer mit guten Resultaten geglänzt hat. Im absoluten Notfall, der hoffentlich nicht eintritt, kann auch der Berichterstatter eingesetzt werden.

Die Vorbereitungen für die neue Saison begannen mit einer weiteren Überraschung. Wir bekamen einen neuen Reisepartner: den SK Turm Emsdetten. Mülheim wird mit künftig mit Wattenscheid reisen. Ansonsten blieb aber alles beim Alten. Dies galt auch für die schon fast traditionellen Aufstellungsprobleme in der Auftaktrunde, die diesmal in Emsdetten gegen Hockenheim und Baden-Baden stattfinden sollte. Es gab insoweit sicher leichtere Auftaktlose und wer zu Saisonbeginn stolpert, der läuft erstmal hinter her.  Nach einigem Hin und Her stand das Team aber. Nominiert wurden GM Andrei Volokitin, GM Yuriy Krivoruchko, GM Parimarjan Negi, IM Benjamin Bok, GM Nazar Firman, GM(!) Ilja Zaragatski, IM Christian Scholz und FM Bernd Rosen. Eine spielstarke und hoch motivierte Truppe. Viele Kaderspieler hatten die bundesligafreie Zeit übrigens für individuelle Turniere genutzt und dort zum Teil hervorragende Ergebnisse erzielt. Insofern ging ich mit Optimismus an die anstehenden Aufgaben.

Am Freitag fand diesmal leider nur ein kleiner Teil der Mannschaft zusammen. Die Begrüßung von Parimarjan, Benjamin und Ilja fiel deshalb umso herzlicher aus, zumal unser traditionelles Teamhotel Haus Kloppenborg, das diesmal auch die Mannschaft aus Baden-Baden beherbergte, für seine gute Küche bekannt ist. Mir schmeckte das Macropus giganteus fuliginosus jedenfalls. Doch der Abend war schnell Geschichte, denn die Jungs wollten früh ins Bett, um möglichst fit gegen Hockenheim anzutreten. Die Devise hieß: Mindestens ein Mannschaftspunkt!

Meine Nacht war jedenfalls kurz. Ich wurde so gegen 3.00 Uhr durch einen echt heftigen Wadenkrampf geweckt. Der war zwar schnell vorüber, doch der Schmerz hatte ausgereicht, meinen Adrenalinhaushalt derart aufzuputschen, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war. Zum Glück gibt’s ja das TV. Gleichwohl ging ich nach den üblichen Morgenzeremonien auch beizeiten zum Frühstück, allerdings mit dem Erfolg, dass ich bei der Nahrungsaufnahme ziemlich allein war. So was nennt man wohl einen eher suboptimalen Start in den Tag.

Kurz nach 12.00 Uhr trudelte dann die Katernberger Hauptstreitmacht an und ich konnte mithin beruhigt zur Mannschaftsmeldung schreiten. Gespielt wurde übrigens in der geräumigen und hellen Mensa der Marienschule. Unser Reisepartner hatte hier für alle Annehmlichkeiten inklusive Partiekommentierung gesorgt. Bevor es aber losgehen konnte, mussten noch einige formale Hürden genommen werden. Unter anderem waren noch fehlende Spielervereinbarungen vorzulegen, die künftig vor  Betrugsversuchen schützen sollen. Es bleibt zu hoffen, dass das gelingt.Hockenheim war erwartungsgemäß mit einem mittelstarken Team angereist:

SF KaternbergHockenheim
Volokitin Buhmann
Kryvoruchko Lenic
Negi Baramidze
Bok Saric
Firman Wagner
Zaragatski Ribli
Dr. Scholz Papin
Rosen Rau

Im direkten Elovergleich eine relativ ausgeglichene Begegnung. Insoweit war es auch nicht weiter verwunderlich, dass beide Seiten eine gediegene Eröffnungsarbeit hinlegten. Mir gefiel dabei die Partieanlage unseres Neuzugangs Benjamin am besten, der sich gegen den Sizilianer ambitioniert aufbaute. Die schwierigste Eröffnungsstellung hatte hingegen Christan, der zunächst leicht gedrängt stand und später Druck gegen seinen Damenflügel durch eine halb offene B-Linie ertragen musste. Wir hatten dabei kurz vor der Partie darüber philosophiert, dass eine treffende Vorbereitung in der Auftaktrunde praktisch unmöglich sei und man als eloschwächerer Spieler durchaus etwas wagen könne. So hatte ich mir das aber eigentlich nicht gedacht. Jedenfalls war seine Stellung nicht mehr trivial.

In der nächsten Stunde passierte eigentlich nichts Wesentliches und ich versuchte, mich in die Partien zu denken. Den einen oder anderen Zug konnte ich dabei tatsächlich treffend vorhersagen, wobei ich mich manchmal selbst fragte, ob das tatsächlich ein gutes Zeichen war. Irgendwann blieb ich dann an Nazars Stellung kleben. Der war gerade dabei, einen Angriff aufs Brett zu zaubern. Irgendwie kam er mir dabei wie ein Schwertwal vor, der eine Robbe jagt, die auf einer Eisscholle liegt: Umkreisen, Wellen machen, anstupsen und darauf warten, dass das Frühstück ins Meer rutscht.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Andrei bereits ein fast schon remisverdächtige Endspiel auf dem Brett. An ein Unentschieden war jedoch noch lange nicht zu denken. Zum einen waren noch keine 20 Züge gespielt und zum anderen lotet Andrei im Regelfall immer alle Stellungsressourcen aus. Während dessen versuchte Bernd erfolgreich das drohende Gegenspiel seines Gegners am Damenflügel zu unterbinden und gleichzeitig am Königsflügel für Ungemach zu sorgen. Dabei klemmte er sich dort allerdings einen seiner Läufer ein und seine Entscheidung, ihn wieder heraus zu sprengen, führte zu einer mächtigen Bauernphalanx, die auf ihm zurollte. Ilja hatte zu dieser Zeit seine Stellung schon reichlich materialentleert. Gleichwohl hatte er einen Bauern mehr. Das sah ganz gut aus, doch ich wusste auch um die stabilen Spielkünste seines Gegners Ribli, der im wahrsten Sinne des Wortes ein Remiskönig ist.

Orcinus orca nazaris steckte derweil einen Springer ins Geschäft, doch sein vermeindliches Opfer wehrte sich nach Kräften. Hatte sich der Schwerwal diesmal verrechnet? Während ich darüber nachdachte und registrierte, dass Parimarjan inzwischen deutliche Zeitvorteile hatte, fügten sich Andrei und auch Ilja ins Remis. Kurz danach remisierte auch Parimarjan (1,5:1,5).

Mein nächster Rundgang lies mich nachdenklich werden. Alles in allem noch nicht mal ein ehrenvolles 4 : 4:

  • Nazar stand immer merkwürdiger und Schachprinz Dennis begann gerade damit, seinen Materialvorteil geschickt einzusetzen.
  • Bernd hatte zwar eine Qualle mehr, doch dafür einen mehr als luftigen König. Konnte das gut gehen?
  • Christian wehrte sich nach Kräften, aber er hatte immer noch deutliche Probleme.
  • Benjamin spielte inzwischen in einer nur noch ausgeglichenen Stellung.
  • Ähnlich schätzte ich Yuriys Position ein, wobei ihm mittlerweile beide gegnerischen Springer auf der Nase herum tanzten.

Als dann auch noch nacheinander Bernd und Christian die Flügel streckten (1,5:3,5) und sich bei Benjamin eine Spiel entscheidende Zugwiederholung ergab (2:4), war für mich ehrlich gesagt, der Keks gegessen. Nazar stand platt und Yuriy höchstens auf Remis.

Doch was soll ich sagen?! Der Schwertwal fing wieder an, an der Eisscholle zu rütteln und Dennis Wagner war schließlich einen entscheidenden Augenblick lang unvorsichtig. Vielleicht hätte man ihm sagen sollen, dass man Nazar mindestens zweimal totschlagen muss. Wie auch immer: Der Ukrainer lies nun nicht mehr locker und am Schluss verspeiste der Orca dann doch die Robbe (3:4).

Und während ich noch darüber nachdachte, ob Yuriy seine stark verschachtelte Partie überhaupt noch halten können würde, begann so etwas wie das Wunder von Emsdetten. Es entwickelte sich dabei zunächst eine regelrechte Nervenschlacht. Sein Gegner hatte inzwischen die Springer tief in die Stellung geschraubt. Allerdings verbrauchte er dabei viel Bedenkzeit, was natürlich den Druck zusätzlich erhöhte. In Folge dessen verschwand dann doch einer der bislang schier unantastbaren Springer vom Brett. Ich traute meinen Augen kaum. Plötzlich stand Yuriy sogar auf Gewinn! Und den lies er sich dann auch nicht mehr nehmen (4:4). Selten eine so abgezockt coole Spielführung erlebt!

SF Katernberg4:4Hockenheim
Volokitin ½:½ Buhmann
Kryvoruchko 1:0 Lenic
Negi ½:½ Baramidze
Bok ½:½ Saric
Firman 1:0 Wagner
Zaragatski ½:½ Ribli
Dr.Scholz 0:1 Papin
Rosen 0:1 Rau

Das Team feierte den mehr als glücklichen Punktgewinn danach im Mannschaftshotel bei einem leckeren Abendessen.

Am nächsten Morgen waren dann die Rollen getauscht: Jetzt waren wir das Frühstück für die Schwertwale! Insoweit stellte sich dabei die Frage nach der grundsätzlichen Spielstrategie. Ich war dafür in seichten Gewässern zu bleiben, schnell zu sein, um den Orcas in die Heckflossen zu beißen und die Walschule schließlich stranden lassen. Aber wie heißt es doch so richtig: Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand. Unser Schiedsrichter, der Jurist Klaus Deventer, meinte hierzu übrigens, dass dies vor Gericht nicht gelte. "Stimmt…", meinte ein weiterer Schachfreund lakonisch, "…vor Gericht hilft Dir nicht mal Gott"!

Baden BadenSF Katernberg
Bacrot Volokitin
Naiditsch Kryvoruchko
Kazimdzhanov Negi
Movsesian Bok
Shirov Firman
Nielsen Zaragatski
Schlosser Dr. Scholz
Dautov Rosen

Die Eröffnungswahl war diesmal etwas spartanischer als sonst. Die Hitliste führte Spanisch und Sizilianisch an. Absoluter Exot war hingegen der Holländer von Bernd. Herausheben muss man dabei allerdings die Blitzorgie am Spitzenbrett, die erst im 21. Zug endete, als Andrei in tiefes Nachdenken verfiel.

Nach zwei Spielstunden befanden sich alle Robben noch auf ihren Eisschollen. Ich konnte mithin erstmal beruhigt Essen fassen. Ich kam gerade noch rechtzeitig wieder, um das verdiente Remis von Parimarjan zu registrieren, der übrigens extra wegen der Bundesligapartien aus Indien angereist war (0,5:0,5).

In der dritten Stunde begannen die ersten Eisschollen gefährlich zu schwanken. Als ersten erwischte es dabei Christian, der sich bei einer Abwicklung böse verrechnet hatte. Der freundliche Philipp Schlosser, der heuer notabene keinen Glückshut trug, lies nachfolgend nichts anbrennen (0,5:1,5). Da half auch keine Selbstkasteiung mit den zuvor von mir draußen ausgelegten Geißeln mehr.

Parallel dazu verloren sowohl Benjamin als auch Bernd den Boden unter den Füßen. Dabei wurde Bernd nach einer kleinen Nachlässigkeit als erster vom Eis geschuppt (0,5:2,5). Hingegen kämpften Andrei, Yuriy, Nazar und Ilja tapfer. Dabei waren die Stellungen unseres ukrainischen Trios sogar recht aussichtsreich.

Kurze Zeit später klärte sich Andreis Position. Er hatte zeitweise zwei Bauern weniger, doch seine Stellung war letztlich trotz zum teil herber Zeitnot so gut, dass er nach einigen präzisen Zügen sogar mit einem Mehrbauern da stand. Leider war das Endspiel aufgrund ungleichfarbiger Läufer dann letztlich stark remisverdächtig.

Zunächst stellte sich dann aber zunächst ein Remis bei Yuriy (1:3) und danach ein Partieverlust bei Benjamin ein, der mittlerweile auch schon einen Klotz weniger hatte (1:4). Der Sack war schließlich zu, als Andrei seine Gewinnversuche einstellte und in das Unentschieden einwilligte (1,5:4,5).

Nazar und Ilja kämpften noch geraume Zeit weiter. Nazar hatte zwischenzeitlich vielleicht sogar Gewinnaussichten, doch Shirov strandete dann eben doch nicht und flüchtete stattdessen in den rettenden Remishafen (2:5).

Schlussendlich ließ sich aber leider auch Ilja vom Eis ins Wasser jagen und wurde nach Turmverlust zum Walfraß (2:6). Man muss die absolute Überlegenheit der Baden-Badener Crew neidlos anerkennen.

Baden-Baden6 : 2SF Katernberg
Bacrot ½ : ½ Volokitin
Naiditsch ½ : ½ Kryvoruchko
Kazimdzhanov ½ : ½ Negi
Movsesian 1 : 0 Bok
Shirov ½ : ½ Firman
Nielsen 1 : 0 Zaragatski
Schlosser 1 : 0 Dr. Scholz
Dautov 1 : 0 Rosen

In der nächsten Doppelrunde stehen Wattenscheid und Mülheim auf dem Programm. Auch hier werden wir nicht zwangsläufig am oberen Ende der Nahrungskette stehen. Unser Team hat also jede Unterstützung nötig!

Zurück

Wenn der Mensch so viel Vernunft hätte wie Verstand, wäre vieles einfacher.

Linus Pauling

Schachaufgabe

<<  <  >  >>
-