Wir lieben die Stürme...

Geschrieben am 10.02.2020 von Bernd Rosen

Jugendbundesliga: SFK erkämpft Sieg gegen Bochum 31

Nach sehr wechselhaftem Saisonverlauf mit 4:4 Punkten stand unsere U20 in Spiel der 5. Runde gegen Bochum 31 am Scheideweg: Eine weitere Niederlage hätte uns in den Abstiegskampf hineingezogen, bei einem Sieg dagegen stünde das Tor zur erneuten Qualifikation für die DVM wieder offen. Für Aufregung sorgte zusätzlich die Sturmwarnung vor dem Tief Sabine: Am späten Samstagabend stellte der Staffelleiter den Vereinen frei, den Kampf zu verlegen, was Norbert Franke für Bochum und ich für Katernberg ablehnten, alle anderen Vereine jedoch wahrnahmen. Yakub sorgte für zusätzliche Verwirrung, da er in Erwartung eines Auswärtsspiels schon in Bochum aus dem Zug ausstieg und daher mit einer Viertelstunde Verspätung im Spiellokal eintraf. Und während sich im Hintergrund Sabine warmlief und immer heftigere Böen um die Zeche Helene tobten, entwickelte sich auch das Geschehen auf den Brettern immer stürmischer:

Werfen wir mal einen Blick auf das Spitzenbrett:

Diagramm

Hier folgte 1.Le7 fxe4 2.Sg5 Lh6 3.Txc5 Dxc5 4.Sxe6 Lxd2 5.Sxc5 exd3 - mit unklarer Stellung. Leider fand Timo in der Folge kein wirksames Rezept gegen den Freibauern auf d6. Er kämpfte zwar unverdrossen im Turmendspiel weiter, aber sein abgeschnittener König ließ nie Zweifel am Ausgang aufkommen. Damit hatten wir unser bestes Brett (gemessen am DWZ-Vergleich) leider ohne Punkt "verbraten".

Wenig hoffnungsfroh stimmte auch die Stellung von Nikta, der Alles auf einen Königsangriff setzte, an der umsichtigen Verteidigung des jungen Robert Prieb aber scheiterte. Hier der Partieschluss:

Diagramm

Leider ist Schwarz am Zug, und daher 1...Tc2+ 2.Kg3 [2.Ke3 Txg2 3.Th8+ Sxh8 4.Txh8+ Tg8] 2...f4+ 0-1

Auch hier hatten wir einen DWZ-Vorteil von rund 100 Punkten, die sich in Luft auflösten.

Und was halten Sie von Noels Stellung gegen Christian Gluma? Auch diese beiden alten Rivaken trennen inzwischen 100 DWZ-Punkte, die Noel voraus hat.

Diagramm

Hier entkorkte Noel 1...Sg4! Nur mit diesem Zug kann Schwarz noch weiterspielen. [1...Lg4? 2.Sf5; 1...Sh5? 2.Dg6!] Nach 2.Sf5 Lxf5 3.hxg4 Le6 4.Lg5 fehlte ihm aber einfach ein Bauer, und besser entwickelt war der Weiße auch noch. Um so überraschender war es also, dass ausgerechnet Noel den ersten Sieg meldete - wie das zugegangen ist, habe ich überhaupt nicht mitbekommen. Es muss aber wohl etwas mit der weißen Könnigsstellung zu tun gehabt haben, die ja ebenfalls nicht ohne Schwächen ist...

Vermutlich war ich einfach zu sehr in Jonas' Stellung vertieft, der gegen den DWZ-stärkeren Vincent Klugstedt mit einer "kleinen Kombination" einen Bauern zurückgewann, der ihm in der Eröffnung abhanden gekommen war - lassen wir offen, ob es sich wirklich um ein Opfer gehandelt hat.

Diagramm

1.Txe5! fxe5 2.Dxf8+ Dxf8 3.Lxh7+ Kxh7 4.Txf8 wenig später erhielt Jonas ein Remisangebot, das er auf mein Geheiß aber ablehnte. Mir war schon beim U25-Open aufgefallen, dass Vincent in der Behandlung von Turmendspielen großen Nachholbedarf hat - ein Mangel, den er offensichtlich noch immer nicht behoben hat. Anstatt mit e5-e4 auf aktives Gegenspiel zu setzen, ließ er den weißen König ungehindert nach e4 laufen und versäumte außerdem, mit g7-g5 die weiße Mehrheit zu blockieren. Jonas rannte mit seinem König bis nach c6, sprengte mit a4-a5! die schwarze Bauernkette und sammelte sämtliche schwarzen Bauern ein, während sein d- und b-Bauer am Leben blieben. Somit stand es nach vier Spielstunden 2:1 für uns, wobei aber klar war, dass an Timos Brett irgendwann noch ein Gegentor fallen würde.

Sehr erfreulich entwickelte sich zunächst die Partie von Yakub, der sich im Glauben an ein Auswärtsspiel auch noch auf die falsche Farbe vorbereitet hatte. Nach 1.d4 Sf6 2.Sc3!? e6 3.e4 d5 entschied er sich pragmatisch für die Abtauschvariante, in der er seinen Gegner nach und nach überspielte. Anstatt die Partie unter Qualitätsopfer mit seiner eingedrungenen Dame im Mittelspiel zu entscheiden begnügte er sich mit einem Endspiel mit Mehrbauer, das eigentlich auch leicht hätte gewonnen werden können:

Diagramm

Hier hätte das Manöver Sd5-f4 schnell zum Erfolg geführt, z.B. 1.Sd5 Lg5 2.Sf4+ Kf7 3.Kf5 Lh6 4.f3 gxf3 5.gxf3 Ke7 6.Se2 Kf7 7.f4 Lg7. Statt dessen löste Yakub mit f3 und später g4 die Bauern am Königsflügel auf, wonach die Partie sich als kaum noch gewinnbar erwies, weil die schwarzfeldrig festgelegten Bauern am Damenflügel dem schwarzen Läufer zu viel Gegenspiel ermöglichten. Zwar spielte Yakub sogar im Endspiel Springer plus g-Bauer gegen Läufer noch etliche Züge, aber am Ende fügte er sich doch in das unvermeidliche Remis. Da Timo irgendwann ebenfalls die Waffen strecken musste, stand es also nach deutlich über 5 Stunden 2,5:2,5, und wir kommen zum Höhepunkt eines Spieltages, der bis dahin schon einiges an Spannung zu bieten hatte.

Die Entscheidung in der 6. Spielstunde

Wenden wir uns also dem Geschehen an Brett 3 zu, wo Aik gegen Lenhard Biermann eine zähe Partie gespielt hatte, die von langwierigen positionellen Manövern geprägt war. Spätestens nachdem sein schwarzfedriger Läufer abgetauscht war, der den Ba3 beäugt und dem weißen Turm das Vorpostenfeld b4 streitig gemacht hatte, auf dem dieser sich inzwischen breit gemacht hat, sah ich seine Stellung als höchst gefährdet an. Doch beide Spieler lebten schon seit etlichen Zügen nur noch vom Inkrement, und da spielt natürlich die Psyche eine große Rolle. Und hier imponiert mir Aik ungemein, der für einen 14jährigen eine wirklich unglaubliche Konzentration und sportliche Einstellung ausstrahlt. Das Diagramm zeigt die Stellung vor dem 40. Zug von Weiß:

Diagramm

Mit den letzten Sekunden auf der Uhr entschied sich Weiß für 40.Sxe6 (dem Rechner gefällt 40.Sg6 viel besser, was Dxg5 droht und das Feld e5 im Blick behält. Aber da kam der Gaul gerade her...! Es folgte á tempo 40...f4! Zeitkontrolle geschafft, erst mal Durchatmen. Weiß verbrauchte nun aber sehr viel Zeit, da er wohl nur mit 40...Dxe6 gerechnet hatte. Es folgte 41.De5, und nun war es Aik, der Zeit nahm. Er entschied sich schließlich für 41...Dxe6, was wiederum Weiß vor die Wahl stellt: Nach Tausch auf e6 und nachfolgendem Lf5 würde mir die weiße Stellung vermutlich besser gefallen - die Bauern auf a4 und c4 bleiben ja extrem anfällig. Statt dessen folgte das Figurenopfer 42.Dxg5+ Kf7 43.Dxf4 (Hier wäre 43...Lg6+ entschieden besser gewesen). 43...Tg8!? Die beste Chance: Schwarz möchte die Mehrfigur irgendwie zum Königsangriff nutzen. Bloß wie kriegen wir den Ta6 ins Spiel? 44.Kf2 Lc6!? Wahnsinn - Schwarz nimmt sich die Zeit, den Ba4 zu decken. Das muss Weiß doch ausnutzen können? 45.g4? Statt dessen sollte Weiß den Ta1 ins Spiel bringen - auf h1 würde er dem Schwarzen einges Kopfzerbrechen bereiten. Übrigens wäre Te1 nicht gut wegen Txg2+! 45...Te8 Inzwischen sind die 50 Minuten aus der 2. Bedenkzeitphase auch weitgehend aufgebracht. Aik hat aber immer ein paar Minuten mehr auf der Uhr. 46.g5? Der entscheidende Fehler. Es war offensichtlich, dass Weiß mit den Nerven am Ende war und nicht mehr klar denken konnte. Aik nahm sich dagegen die Zeit, um kurz aufzustehen und einige Dehnübungen zu machen, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Den letzten weißen Zug quittierte er nur mit einem überraschten Stirnrunzeln, und nach einer kurzen Kontrolle, ob er auch nichts übersehen hatte, folgte 46...De2+ 47.Kg3 Lxf3! Danach ist der Drops gelutscht. Der Ta6 erfüllt plötzlich noch eine wichtige Aufgabe, indem er f6 verteidigt. Nach 48.Tg1 Ld5 49.g6+ Kg7 gab sich Weiß geschlagen: 0-1

Damit ist die Geschichte dieses Kampfes aber noch nicht zu Ende erzählt. Da war ja auch noch Sabine... Nachdem ich mit Aik und Yakub unter tätiger Mithilfe von Günther Klas, der als Zuschauer ebenfalls bis zum Ende dieser dramatischen Begegnung ausgeharrt hatte, das Material weggeräumt und auch Tische und Stühle wieder ordnungsgemäß verstaut hatte brachte ich die drei zum Haptbahnhof Essen. Die App meldete zwar vereinzelte Zugausfälle, in der Theorie sollte die Heimreise aber noch klappen. Bei Aik (der nach Ennepe musste) traf das auch zu, Yakub allerdings meldete sich gegen 19 Uhr vom Hauptbahnhof in Dortmund: "Ich komme hier nicht mehr weg!" Also düste ich noch mal los, um ihn in Dortmund wieder einzusammeln. Die Nacht hat er dann in Essen verbracht, und erst am Montag gegen 15:30 meldete er mir: "Ich bin endlich zu Hause!"

Ein wirklich denkwürdiges Wochenende, an dem sich die ganze Mannschaft wirklich für den Erfolg zerrissen hat. Nicht zu vergessen auch Axel Cremerius, der den Spielsaal bereits am Samstag hergerichtet und die Bretter aufgebaut hatte. Hier noch einmal die Helden unserer U20 im Bild:

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